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LongPlay
Bernard Herrmanns Psycho-Sounds für Hitchcock
London, Dezember 1968: Bernard Herrmann dokumentiert seine für Alfred Hitchcock geschaffenen Filmmusiken neu. Auch dank Deccas "Phase 4 stereo"-Aufnahmeverfahren bedeutet das puren Nervenkitzel.
28. November 2026, 13:00
Flirrende, gegenläufige Tonkurven der Violinen, die einander an den Taktschwerpunkten immer wieder dissonant verfehlen, dazu dröhnende Stöße des tiefen Blechs - und nach wechselnden Großaufnahmen von Mund, Nase und Augen einer Frau plötzlich, in ihrer Pupille, ein spiralförmiges, der Milchstraße ähnelndes Symbol, das sich rotierend vergrößert: "Vertigo" (1958) mit James Stewart und Kim Novak, auf Deutsch "Aus dem Reich der Toten", gilt als der persönlichste Film Alfred Hitchcocks - und Bernard Herrmann hat dazu eine obsessive, eigentümliche "Tristan und Isolde"-Alternative von exemplarischer Sogwirkung komponiert. Der abstrakte Titelvorspann von Saul Bass mit den rotierenden grafischen Formen ist ebenso in die Geschichte eingegangen wie die Darstellung von Höhenangst, eines saugenden Abgrunds, durch die Kombination von Kamerafahrt und Zoom in entgegengesetzter Richtung.
Konkurrenzlos waren sie beide, Hitchcock ebenso wie Herrmann: zwei obsessive Perfektionisten, die zusammen einige der komplexesten Erzeugnisse des populären Spannungskinos schufen. Vielleicht konnte das von vornherein nicht ewig dauern, möglicherweise musste es unweigerlich einmal zu einem Krach kommen (bei "Torn Curtain", 1966), aber: zwischen Mitte der Fünfziger bis Mitte der Sechziger Jahre hat ihre Zusammenarbeit Filmgeschichte geschrieben.
Freilich waren Herrmanns Kompositionen immer weitaus mehr als bloß akustisches Glutamat für die Ereignisse auf der Leinwand, und gerade für Hitchcock hat er einige seiner auch rein musikalisch aufregendsten, kühnsten und konzentriertesten Werke geschaffen.
Bernard Herrmann selbst konnte es im Dezember 1968 nochmals auf akustisch brillante Weise belegen: mit seinen für den Konzertsaal aufbereiteten Soundtracks zu "Psycho", "Marnie", "North by Northwest" (Der unsichtbare Dritte), "Vertigo" und "The Trouble With Harry" (Immer Ärger mit Harry). Der Komponist am Pult des London Philharmonic Orchestra, in den Londoner Decca-Studios und vor den Hochleistungsmikrofonen des "Phase 4" genannten Multikanalverfahrens: ein Fall für "LongPlay".
Service
Bernard Herrmann Film Music: The Great Hitchcock Movie Thrillers.
London Philharmonic Orchestra, Bernard Herrmann (Leitung)
Decca, 1968
