Literatur

Das Mittel gegen alle Probleme

Von: Birgit Krenn & andere | 01.05.2020 | 19:18

Ein Gemeinschaftstext von 11 Autorinnen/Autoren, geschrieben während der Zeit der sozialen Distanz. Initiiert von Birgit Krenn (Erlebnis Sprache),
erster und letzter Absatz Una.
Weitere Infos am Textende:

Ich sitze auf meinem Erbsenbett. Das heißt so, weil zwei Matratzen aufeinander liegen, fast so, wie bei der Prinzessin auf der Erbse. Außerdem ist es ein weißes Metallbett mit pinker Tagesdecke, blauen und weißen Polstern und einem weißen Baldachin, der eigentlich ein Moskitonetz ist. Also ein Prinzessinnenbett. Da sitze ich nun und kann mich nicht entscheiden. Soll ich das Bild auf der Staffelei mir gegenüber fertigmalen? Soll ich endlich meine Stoffvorräte reduzieren und die neuen Bezüge für die Sitzkissen nähen? Die Geschichte über den Sommer ohne Männer fertigschreiben oder endlich die Stundenliste über die Telearbeit? Keine Lust.

Während ich weiter überlege, was ich denn heute mit der Zeit anstellen könnte und nur durch das Hin- und Herüberlegen einen Großteil des Tages bereits vergehen habe lassen, klingelt es. Nanu? Ich erwarte keinen Besuch. Kurz überlege ich, ob ich mir eine Pizza bestellt habe, aber nein, das war gestern gewesen (und vorgestern war es chinesisches Essen, tags zuvor ein Kebab – aber heute, nein heute habe ich mir nichts zu essen bestellt – Ehrenwort!) Neugierig gehe ich zur Tür.

Als ich öffne, stehen da drei weiß vermummte kräftige Gestalten, mit Masken vor dem Gesicht. Zwei von ihnen packen mich mit routiniertem Griff, drücken mich mit dem Rücken gegen die Wand. Der dritte packt aus seiner riesigen Tasche, offensichtlich die Postlertasche eines Geldbriefträgers aus den sechziger Jahren, eine Spritze. „Das ist das Gegenmittel für alle Probleme”, zischt er, während er mir die Injektion in den Oberarm setzt. Ein angenehmes Gefühl bemächtigt sich meiner, mein Blut verwandelt sich in heiße Vanillesauce. Sie wenden sich abrupt ab und gehen. Ich stolpere in die Wohnung zurück. Am Vorzimmerspiegel vorbei taumelnd, beschließen meine Füße, nicht weiterzugehen. Das Spiegelbild lügt nicht. Es sagt: „Du bist jetzt ein Mann, Prinzessin!”

„Was????“, rufe ich entsetzt dem Spiegel entgegen und aus der Vanillesauce wird langsam Kruppstahl. Ich atme durch, schließe die Augen, um vor dem ungewohnten Bild zu entfliehen, atme noch einmal und gebe mich der Schwere des Stahls hin. Nicht unangenehm, denke ich mir. Ungewohnt fest. Ich taste an meinen Oberschenkeln herum und stampfe ein paar Mal fest auf den Boden. Wow! Meine Finger gleiten langsam über die Innenseite des linken Oberarms. Da ist er, der Bizeps. Vorsichtig wage ich einen Blick Richtung Spiegel. Oh mein Gott! Was für eine Scheiß-Pose. Ich stehe da wie ein Bundesheerler beim Appell! Aber der Bizeps! Das leichte Flirren in meinem Bauch ballt sich zu einer dichten Masse zusammen und nimmt mit der Muskelmasse Kontakt auf. „Jaaaaa!“, lodert es hoch. Da ist keine Frage mehr. Ich ziehe durch und meine Faust landet einen Volltreffer.

Ein Schrei entfährt meiner Brust. Er ist sicherlich bis in die entlegensten Urwälder des Amazonas zu hören. Verdammt, so was muss ausgerechnet mir passieren. Ich setze mich auf mein Bett mit der pinkfarbenen Decke und schüttle nur den Kopf. Ich finde das alles so kitschig. Verstehe nichts mehr. Da kommt die Staffelei in mein Blickfeld. Magisch zieht sie mich an. Ich gehe zu ihr und beginne zu malen. Langsam mische ich die Farben. Ohne viel nachzudenken, male ich die bereits vorhandenen Konturen einer Frauengestalt fertig. Ihre blauen Augen strahlen mich an. Ihre vollen Lippen lösen in mir die Begierde aus. Bisher nie dagewesene Gefühle nehmen mich ein. Vanillepudding mit heißen Himbeeren ergießt sich in mir. Gar nicht unangenehm. Je mehr ich das Bild betrachte, umso heißer wird es mir. Ich hole mir ein Bier und nehme einen kräftigen Schluck. Dann wende ich mich wieder meiner Malerei zu. Jetzt erst bemerke ich, dass es ein Selbstporträt ist. Es wird immer komplizierter. Ich habe mich soeben in mich selbst verliebt. Das Mittel gegen alle Probleme wirkt nicht. Müde lasse ich mich auf das Bett fallen.

Bier auf nüchternen Magen, das war nicht die beste Idee. Ich kratze mir die Brust, auf der jetzt schwarze, lockige Haare sprießen, fast ein Fell, könnte man sagen. Gibt es ein Pendant zum Damenspitz? Heißt das dann Herrenzacken? Warum zum Kuckuck hängt da oben ein staubiges Moskitonetz? Wer kann dieses scheußliche Pink ohne Alkohol ertragen? Das Bett schlägt garantiert jeden verirrten Prinzen in die Flucht, killt die Erotik bereits im sanften Aufkeimen. Wenn ich wieder ganz bei mir bin, dann wird hier kräftig umgestaltet. Ein Mann wächst an seinen Projekten, meines trägt den Arbeitstitel: „pimp the schlafzimmer“ – „restyle the dornröschen-bett“. Das sind meine letzten Gedanken, ich rülpse noch einmal genüsslich und sinke in einen tiefen Schlaf.

Ich schlage die Augen auf und starre in den Himmel über mir. Weißer Netzstoff. Im Zimmer riecht es nach abgestandenem Bier. Ich tapse ins Badezimmer. Das Spiegelbild zeigt mir ein aufgedunsenes Gesicht mit dunklen Augenringen. Müde kratze ich meine stoppelige Wange. Was? Ich blinzle, mein Spiegelbild starrt mit aufgerissenem Mund zu mir zurück. Ich habe doch nur geträumt, einfach nur schlecht geträumt, das war alles nur ein blöder Traum, der schon längst verblasst sein sollte, aber mir starrt ein Mann entgegen. Ich blicke an mir herunter und stöhne entsetzt auf.

Da unten rührt sich nichts. Was? Warum rührt sich da unten nichts? Der Tanga spannt auch nicht. Warum habe ich eigentlich einen Tanga an? Bin ich doch kein Mann und alles war nur ein böser Albtraum? Ich ignoriere alle weiteren Gedanken und schiebe die Auseinandersetzung mit der Situation da unten bis zum nächsten Toilettengang auf. Ich muss ja doch gestern mal auf der Toilette gewesen sein! Zum Glück war ich so betrunken, dass ich mich daran nicht mehr erinnern kann. Ich hole ein Bier aus dem Kühlschrank und leere die halbe Flasche in einem Zug. Es kümmert mich nicht weiter, dass es erst acht Uhr vormittags ist und ich noch nicht mal gefrühstückt habe. Es fällt mir ein, dass ich mit meiner Mutter zum Mittagessen verabredet bin. Während ich überlege, welche Ausrede ich meiner Mutter auftischen könnte, um die Verabredung abzusagen, merke ich, dass ich dringend pinkeln muss und der Gang zur Toilette unaufschiebbar ist.

Als ich mich aufs Klo setzen will, spüre ich überraschend eine starke Abwehr. Schulterzuckend gebe ich nach. Eine einmalige Gelegenheit, denke ich und stelle mich breitbeinig auf. Zielen, fertig und – daneben! Das war jetzt doch überraschend. Vergeblich warte ich darauf, dass sich latente Enttäuschung über mein Versagen einstellt. – Nichts. Nicht einmal das Bedürfnis sauber zu machen. Ich bleibe noch ein bisschen so stehen, breitbeinig, Hände in den Hüften. Unter mir pendelt sich ein Gefühl von Freiheit ein, während meine Hüften kleine Kreise zeichnen. Aus dem Küchenradio krächzt mir Joe Cocker hinterher, dass ich meinen Hut anbehalten darf. Nach der dritten Strophe kommt Leben in die Bude. Flashes suchen mich heim. Johlende Frauen und Mädchen, die ihre Hände nach mir ausstrecken. Hände, die an meinem Hemd zerren. Es sind meine Hände! Mit einem kräftigen Ruck lege ich meine stolze Behaarung frei. Ich bin mein Yang! In jeder Beziehung!

Ich bin die Bewegung, die Aktivität, die Sonne! Ich tanze, tanze, tanze, spüre die Welt, werde die Welt, denn ich bin die Männlichkeit, die erobert und Kriege führt! Die helle Seite der Welt, das Yang, das fruchtbar ist und stolz.
Ekstase erfüllt mich, ich werde trunken von Glück und Liebe – und begreife plötzlich nicht mehr, wie man sich trunken machen kann von Bier und anderem Alkohol, wie man sich vergeuden kann in Gerülpse vor Netflix und Computerspielen.
Ich bin das Helle der Welt, das den dunklen, warmen Punkt der Liebe in sich trägt, das gelebt werden will und meinem Yin entstammt, nach dem ich mich plötzlich sehne. Ich blicke auf meine Staffelei und Wärme durchströmt wie goldener Regen diesen seltsam fremden Körper, in dem ich stecke.

Die Gier nach Liebe treibt mich nach draußen, schnell gleite ich in meine Highheels, lasse die Tür hinter mir zufallen und mich vom Strom des Lebens einsaugen. Vergessen ist die Verabredung mit meiner Mutter. In den engen Gassen der Stadt reiben sich die Körper der Menschen aneinander, mehr und mehr beginnt mein Leib zu vibrieren. Mein Yin sucht unaufhörlich nach seinem Yang, es jagt immer schneller der lüsternen, bunten Gefühlsexplosion nach, um endlich seiner Bestimmung nachgehen zu können. Unentwegt! Und plötzlich ist es da.

Da steht sie, die eine. Die schönste, die begehrenswerteste, unwiderstehlichste aller Frauen. Sie kommt mir bekannt vor, vielleicht aus einem früheren Leben. Ich kann nicht zu ihr, sie ist umgeben von Werbern, Verehrern, Gefolgschaft. Wie könnte es anders sein bei dieser blendenden Schönheit. In ihrem weißen Kleid überstrahlt sie alles in ihrer Nähe. Aber ich kämpfe, ich bin das Yin, ich bin der Krieger, neu erfunden und nicht aufzuhalten. Ich werde die Königin meines Herzens, mein Yang, meine Angebetete retten. Retten vor diesem nichtswürdigen Mob. Unaufhaltsam dringe ich durch die Menge, kämpfe gegen Widerstände, wehre mich mit Faustschlägen und Ellbogenstößen. Wildes Gezeter, Gegrunze und Gekeife bricht über mich herein, jeder will der nächste sein, wenn sie, die Holde, ihre Gaben verteilt. Da streift mich ihr Blick, mir wird flau, ich glaube zu träumen, höre die Engel singen. Da packen mich zwei Typen an den Armen, jagen mir eine Injektion in den Oberarm und zerren mich aus der Menge. Meine Beine geben nach, ich spüre meinen ganzen Körper nicht mehr. Sie hieven mich auf ein fahrbares Bett und schnallen mich fest. Mir wird schwummrig, ich höre wie der eine sagt: „Verdammt, Alter, ich sagte doch, Zimmer 403, nicht 304. Wo habt ihr sie gefunden?“ „Bei Schwester Angela in der Medikamentenausgabe.“ „Scheiße, was das wieder Papierkram gibt. Die Patienten vertauscht, weißt du, was das heißt? Du kannst deinen Hut nehmen. Hoffentlich kriegen wir sie wieder hin.“

Weiters haben geschrieben: Michaela Schwamberger, Harald Letonja, Judith Bärnthaler, Ursula Markovic-Weiler, Ulrike Janics, Tamara Kapus, Dina Muminovic, Ulrike Walner und Katrin Adler,

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