In der Schauspielhandlung

Von: Manfred Horak | 9. Jänner 2026, 23:14

Ö1 Hörspiel (Deadline 9.1.2026)
5’ Track
„Schließ die Augen!“

In der Schauspielhandlung

Alle Texte, Stimmen, Musik und Sounds von Manfred Horak.

(Straßenlärm.)

Wien der nächste Morgen in der Gegenwart. Menschen, Straßen, Plätze laden zum Verweilen und stressen im Vorübergehen. Und während öffentliche Gelder fließen, Brüderlichkeit in den Parteien herrscht, versammeln sich vormals beliebte Szenegrößen in der Schauspielhandlung „Zum fröhlichen Prekariat“. Hier ist man barock, hier ist man modern.

(Musik.)

Im Geschäftslokal „Zum fröhlichen Prekariat“ steht der Chefverkäufer und wartet vor den goldenen Brokatvorhängen und zwischen den verschiedenen Ansichtsgläsern auf Kundschaft. Da betritt ein untersetzter Mann die Schauspielhandlung.

(Türe öffnet sich.)

„Tag!“
„Guten Tag. Sie wünschen?“
„Ich hätt’ gern einen männlichen Schauspieler.“
„Na, da sind Sie ja hier genau richtig. – Haben Sie ein bestimmtes Modell im Aug’?“
„Ja, einen analogen Schauspieler.“
„Wir führen nur analoge.“
„Nur A-Ware, oder auch B-Ware?“
„Beides. Ausschussware und bessere Ware. Was genau soll er denn können?“
„Mehrsprachig soll er sein. Wienerisch, Kärntnerisch, Tirolerisch, Steirisch – und auch Deutsch. Jodeln soll er können und tanzen.“
„Ich glaub, da hab’ ich das genau richtige für sie.“
(Der Verkäufer tritt zu einem goldenen Vorhang und zieht ihn hoch.)
„Hier, frisch eingetroffen unser Max.“
„Na, das kann ja noch heiter werden.“
(Max beginnt zu jodeln und zu tanzen.)
„Wollen Sie mich verbemeln? Der is ja ned amoi schön – diese Dauerwelle, und dieser Schnurrbart! Fehlt nur noch das Goldketterl…“
„Goldketterl kost’ extra.“
„Haben Sie nicht einen, der a bissl mondäner ausschaut und auch rezitieren kann?“
(Der Verkäufer zieht den Vorhang hinab. Das Jodeln entweicht in der Ferne.)
„Ich hab den Syndikat-Loisl im Angebot. Der ist ein Meister der Rezitation.“
„Na, wo is er denn? Zeign’s ma’n doch bitte.“
(Der Verkäufer tritt zu einem weiteren goldenen Vorhang und zieht ihn hoch. Im grellen Scheinwerferlicht sieht man die Silhouette vom Syndikat-Loisl, der unablässig rezitiert.)
„Schon bei Shakespeare gibt es die Vorstellung von einer Frau, die vor hunderten von Jahren existierte. Die goldenen Weizenfelder, der Wind, der über ihre Haare streicht und die Dorfwiese. Nur weil dir so ein Hauch das lange Haar gezaust / Und fremdes Rauschen trug in den verträumten Geist; Weil dein Herz dem Singen der Natur gelauscht, Wo die Wälder klagen und die Nacht geseufzt; Was kann das Holz dafür, wenn es als Geige erwacht? Und der Dichter sagt, dass, wenn die Sterne strahlen, Kommst du nachts zu suchen die Blumen, die du brachst, …“
„Halt, Stop! Das ist ja nicht auszuhalten. Eine Litanei ist das, nein, ich weiß nicht, da fallen einem ja die letzten Bartstoppeln aus.“
„Wie sie meinen.“
(Der Verkäufer zieht leicht entnervt den Vorhang hinab. Die Rezitation verschwindet hinterm goldenen Vorhang.)
„Haben Sie nicht einen lustigeren?“
„Wir führen keine Kabarettisten. Nur echte Schauspieler.“
„Nein, bloß keinen Kabarettisten, aber einen Schauspieler, der auch a bissl g’spaßig sein kann.“
„Da muss ich in der B-Ware nachschauen. – Ah ja, da hab ich einen, der ist zwar aussortiert worden von einem Bundestheater, aber der kann immer noch tanzen wie eine Marionette und kennt alle witzigen Dialoge inwendig – und auch auswendig.“
„Na da schau her, einer vom Bundestheater? Warum wurde er aussortiert? Hat er sich schlecht benommen?“
„Nein, nein, der ist ein ganz ein braver, ein echtes Burli, aber er hat halt zu wenig Freunderln in der Wirtschaft.“
„Und da kann er noch lustig sein? Na, i waass ned.“
(Ohne zu antworten zieht der Verkäufer einen goldenen Vorhang hoch. Kaum ist der Vorhang ein wenig hochgezogen, hört man bereits die sonore Stimme des aussortierten Bundestheaterschauspielers.)
„Gehen wir halt ein bissl unter, sprach das Spiegelei zum Wal.“
(Burli beginnt wie ein Wal zu lachen.)
„Schließ die Augen! Ich möchte Speisen essen, die ich nicht kenne, glitzernde Sachen kaufen, glücklich sein.“
(Burli lacht in der Melodie von Beethovens 9. und Mozarts Königin der Nacht.)
„Ho ho ho ho, Ah ha ha ha ha, Ha! Ha ha ha ha…“
„Jo, wos hot er denn?“
„Na, lustig ist er, hörn’s nur, wie er lacht.“
„I möcht, dass er was lustiges erzählt, ned dass er lustig lacht.“
„Ho ho ho ho, Ah ha ha ha ha, Ha! Ha ha ha ha…“
„Ka Wunder, dass er beim AMS is’ und nix mea dazuverdiena deaf!“
(Der Kunde hält sich zunehmend hysterisch werdend verzweifelt an einem Vorhang fest.)
„Nicht am Vorhang ziehen, so lassen Sie doch den Vorhang los, und passen Sie auf! Jessasmariajosef. Hinter Ihnen die Ansichtsgläser! … Ned, ned, Nein! … Oh je, da fliegt er nun ins Atrium…“
(Alles kracht zusammen.)
„Sehr originell.“
(Stimme: Thank you. Und aus.)
(Ende.)

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Schließ die Augen