Fluchtgeschichten, Familiengeschichten
Ankunft in Österreich 1944
Von: Johann Kilianowitsch | 5. April 2025, 23:39
Ich erzähle von meiner Kindheit - Heimat und Fluchtgeschichte 1939 - 1947.
Aufgeschrieben von Marion Kilianowitsch.
TEIL 2:
Am 16. Oktober 1944 kamen wir in Antiesenhofen an und wurden auf der Ladefläche eines Lastwagens nach Obernberg am Inn gebracht. Am Marktplatz in Obernberg warteten schon Frauen auf uns, die uns anzeigten, in das Gasthaus Zöpfl zu gehen. Dort sind wir im Veranstaltungssaal untergebracht worden. Wir bekamen Säcke die aus Papierschnüren gewebt waren und stopften diese mit Stroh aus. Das waren unsere Matratzen. Jeder Erwachsene bekam einen Strohsack, eine dünne Decke und einen Platz zum Schlafen. Ich kann mich nicht erinnern ob ich einen eigenen Strohsack gehabt habe. Aber das war nichts Außergewöhnliches damals es ging allen so. wir waren bis Ende November in diesem Saal untergebracht alle dicht nebeneinander gereiht. Es gab keine Rücksicht auf Intimsphäre.
Mein Vater sah sich schon am zweiten Tag nach unserer Ankunft nach Arbeit um. Er begann in einer Schneiderei am Marktplatz an zu arbeiten.
Nach ungefähr sechs Wochen bekamen wir eine Zwei-Zimmer-Wohnung in der wir zu sechst nur ein Zimmer bewohnten. Das zweite Zimmer hatte eine Mutter mit ihren zwei Kindern bekommen. Sie mussten immer durch unser Zimmer gehen. In unserem Raum hatten wir einen Kachelofen mit Backrohr und darin konnten wir Erdäpfel braten. Wir hatten nicht genug Betten im Zimmer. Mein Vater schlief alleine, meine Mutter und Lisl hatten zusammen eine Schlafstelle, auch Magda mit ihrem kleinen Sohn hatte ein Bett und ich schlief auf einer Zweierbank, ich konnte mich nie ausstrecken. Aber wir waren zufrieden, besser gesagt wir alle haben zufrieden sein müssen.
Vor Weihnachten musste ich zum ersten Mal in Österreich in die Schule. Ich habe absolut nichts verstanden, habe nur “bitte“ und “danke“ sagen können. Wenn mich jemand lächelnd und freundlich etwas gefragt hat, habe ich mit „Ja“ geantwortet. Wenn mich jemand ernst und unfreundlich angeschaut hat, habe ich „Nein“ gesagt. Mehr konnte ich nicht. Einmal sprach mich ein Lehrer in der Schule an. Seinen Gesichtsausdruck war freundlich deshalb habe ich „Ja“ gesagt, plötzlich hat er zu schimpfen begonnen, alle Mitschüler haben gelacht ich weiß heute noch nicht was er damals zu mir gesagt hat. So ist es mir öfter gegangen, dass mein „Ja“ oder „Nein“ überhaupt nicht auf die Frage passte. Dadurch sind die Leute draufgekommen, dass ich überhaupt nichts verstehe.
Zu Weihnachten gab es für uns Flüchtlinge eine Weihnachtsfeier wir bekamen sogar Geschenke. Ich habe gestrickte rostfarbene Stutzen bekommen die ich mir bis über die Knie ziehen konnte aber das war mir egal warm sind‘s gewesen. Im Winter ging ich gern Schlitten fahren auch wenn ich keinen Schlitten besaß. Ich sah den Kindern beim Schlittenfahren zu und manchmal wurde ich gefragt ob ich mitfahren möchte „Ja, ja!“ rief ich voller Freude. Auch wenn ich damals noch nicht richtig Deutsch konnte habe sofort „aus da bahn“ gerufen. Für‘s mitfahren habe ich den Schlitten hinaufziehen müssen. So bin ich zum Schlittenfahren gekommen.
Für eine Person waren 800 Kalorien vorgesehen. Die Brotmarken für sechs Personen pro Tag ergaben einen Laib Brot ca. 900 g wir teilten das Brot wie eine Torte in sechs Teile. Jeder musste mit diesem Stück ca. 150 g am Tag auskommen. Meine Mutter hat mir öfter von ihrem Stück Brot etwas zugeschoben. Ich war im Wachstum und hatte immer Hunger.
Wenn uns jemand fragte, was wir heute zu Mittag gegessen haben sagten wir zum Spaß “heute gekochte Kartoffeln, gestern hatten wir Erdäpfel und vorgestern Krumbiren. Das waren Kartoffel mit Schale im Kachelofenrohr gebraten. Diese mussten im Rohr immer hin und her bewegt werden dann wickelten wir die Kartoffeln in ein großes Tuch und darin wurden sie fertig gedünstet.
Als ich mein erstes Zeugnis bekam sah ich, dass dort wo bei meinen Mitschülern Noten standen alles durchgestrichen und mit „Mangelhaft“ bezeichnet war. Ich wusste nicht was das heißt. Nach der Schule zeigten wir uns gegenseitig die Zeugnisse und meine Schulkollegen erklärten mir mit den Worten “nix gut“ dass ich überall ein nicht genügend hatte.
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