Fluchtgeschichten, Wohnen
Schwerer Abschied
Von: Birgit Müller | 10. April 2026, 12:12
Meine Mutter Barbara Müller berichtet über die Vertreibung aus Ranzengrün (früher Kreis Karlsbad, später Kreis Kaaden / Sudetenland) und die Flucht nach Bayern.
Trotz des oft schwierigen Lebens während des Krieges war meine Mutter im Egerland sehr glücklich und liebte die Natur und ihre Haustiere. Als nach Ende des Zweiten Weltkrieges die Vertreibung der deutschen Einwohner aus dem Sudetenland begann, war das für meine Mutter ein schwerer Schicksalsschlag; sie sagte, dass sie am Vorabend noch hinaus auf die Weide rannte und jeden Baum ein letztes Mal umarmte, bevor sie für immer gehen musste.
Meine Mutter Barbara Müller erzählt:
Am 13.09.1946 wurden wir (meine Eltern, einige meiner Geschwister und ich) in aller Früh mit einem Lastwagen abgeholt und nach Karlsbad-Meierhöfen in ein Lager gebracht. Das Vieh (Kühe, Ziegen, Hühner und Schweine) blieb im Stall. Der Hund an der Kette bellte wie verrückt. Mitnehmen durften wir 70 kg pro Person, es war ja schon die sog. „humane Ausweisung“. Die Leute vor uns durften nur mitnehmen, was sie tragen konnten. Im Lager blieben wir eine Woche unter widrigen Umständen. Die sanitären Anlagen und Toiletten waren verstopft, überall stand das Wasser. Wir waren in Barracken untergebracht, mehrere Leute in einem Raum. Es gab Stockbetten und Matratzen, keine Decken.
In der Früh waren wir von Wanzen zerstochen. Zum Essen gab es nicht viel – wir sollten ja selbst für eine Woche Verpflegung mitnehmen – es bestand hauptsächlich aus Brot. Ab und zu bekamen wir Eintopf oder Suppe und Tee.
Nach einer Woche wurden wir im Viehwaggon über die Grenze nach Bayern gebracht (30 Personen mit Gepäck in einem Waggon). In Wiesau wurden wir mit DDT-Pulver am ganzen Körper eingepudert und entlaust. Bei manchen Transporten wurden den Deutschen die Haare völlig abrasiert und sie wurden bis zur Grenze gebracht, von dort aus mussten sie zu Fuß flüchten. Das blieb uns wenigstens erspart und weiter ging es nach Bamberg für drei Tage. Wir waren in einer Turnhalle untergebracht (unweit von der Brücke mit der Kunigunde). Das Essen mussten wir uns zu Fuß abholen.
Wir wurden nach drei Tagen nach Dambach bei Fürth transportiert. Zum Essen gab es meist kalte Kartoffeln in der Schale und dazu Sprotten.
In einem Café blieben wir dann drei Wochen, bis wir auf verschiedene Orte verteilt wurden. Wir kamen nach Tuchenbach, 12 km von Fürth entfernt. Ich begann von 1947 – 1949 eine Lehre als Betriebshandstickerin in Emskirchen.
Wir blieben bis November 1949 in Tuchenbach, dann zogen wir nach Pentenried (Landkreis Starnberg, Bayern) in das Haus einer meiner Brüder.
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