Fluchtgeschichten

Eine abenteuerliche Flucht

Von: Birgit Müller | 10. April 2026, 11:58

Ich berichte über die Erinnerungen einer Anverwandten aus Hermsdorf (Kreis Böhmisch-Leipa), Sudetenland.

Die Familie meiner Tante Ilse wurde erst ganz zum Schluss ausgewiesen; da sie in Hermsdorf (Heřmanice) ein Lebensmittelgeschäft führten, mussten sie zunächst im Ort bleiben, damit die Infrastruktur gewährleistet war. Die Menschen, welche zuletzt vertrieben wurden, durften nicht einmal mehr ihre Pässe oder Geld mitnehmen, sie waren völlig mittellos. Ilse hatte jedoch vorgesorgt: schon Monate zuvor hatte sie, wenn im Laden etwas verkauft wurde, heimlich Geld abgezweigt und die Scheine in den doppelten Boden ihrer Reisetasche eingenäht. Das war höchst gefährlich und wäre schwer bestraft worden, wenn es das Militär entdeckt hätte.

Ilses Eltern wurden nach Oschersleben (damals Ostzone bzw. DDR) verbracht, aber Tante Ilse entschloss sich vorher zu einer abenteuerlichen und lebensgefährlichen Flucht über die Grenze nach Westdeutschland:

Sie fuhr mit einem LKW mit und musste dem Fahrer dafür ihren kompletten Proviant geben. Der Fahrer schmiss Ilse auf der Anhöhe eines Berges kurzerhand aus dem Wagen, da er glaubte, sie hätte sich während einer Pause an dem LKW zu schaffen gemacht. Nun stand Ilse allein da und hatte Glück im Unglück: sie traf auf Zigeuner, welche Schwarzhandel betrieben, sich gut im Grenzverkehr auskannten und Ilse mit auf die Reise in den Westen nahmen.

Ihren Ehemann lernte Tante Ilse bereits in ihrer Heimat kennen. Sie blieben ständig in Kontakt, kamen nach Kriegsende in München wieder zusammen und bauten sich eine Existenz in Pentenried (Landkreis Starnberg/Bayern) auf.

Ilses Eltern wurden später im Rahmen der Familienzusammenführung nach Pentenried übersiedelt (so wie meine Oma Anna und mein Opa Franz nach Unterpfaffenhofen-Germering, im Landkreis Fürstenfeldbruck/Bayern, geholt wurden).

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