Schon wieder nur ein Märchen

Von: beatrix rosenthaler | 2. Jänner 2026, 12:02

Guten Tag! Sie alle kennen mich! Heute darf ich Ihnen ein Märchen erzählen. Voll von psychischer und physischer Gewalt, wie in allen Märchen.
Es war einmal … ein Mädchen, das in einer gottesfürchtigen Familie aufwuchs, und so brachte man den Kindern rasch bei, dass Gott alles sieht und alles weiß.
Als das Kind heranwuchs, sein Pronomen wechselte und zu einer sie wurde, wechselten auch die Themen, mit denen sie Gott zu gefallen hatte, und so kam natürlich die Keuschheit ins Spiel. Sexualität war gut, solange sie zum Zwecke der Kindererzeugung praktiziert wurde. Sonst galt sie verwerflich und musste bereut werden. So kam es, dass die Tochter, nachdem sie tatsächlich zufällig das Vergnügen der Selbstbefriedigung entdeckt hatte, sich jahrelang entscheiden musste, ob sie sich diesem vor oder nach dem Abendgebet hingab. Tat sie es vorher, konnte sie danach um Vergebung bitten. Entschied sie sich für nachher, konnte sie nur hoffen, dass Gott vielleicht dachte, sie sei nach dem Gebet eingeschlafen, und kurz seine Augen von ihr abwandte.
Sie heiratete mit 19 den Sohn eines ebenfalls gottesfürchtigen Paares. Diesem Paar war es wichtig, Gott bei Bestrafungen im Diesseits zu unterstützen, denn wer wusste denn wirklich, ob er sich alle Verfehlungen merkte, bis man vor das Jüngste Gericht trat! So geschah es, dass die vielen Kinder des Paares nach jeder Tracht Prügel zum Kruzifix gewandt sagten: Lieber Gott, danke, dass ich so brave Eltern habe, die mich in deinem Namen bestrafen. Dann hast du weniger Arbeit mit mir.
Die Tochter des einen Paares und der Sohn des anderen wurden ein neues Paar. Sexualität machte ihm Freude, weil er Gott ja Kinder schenken wollte. Wenn sie nicht willig genug war, schlug er sie. Da das Ziel seiner Schläge aus optischen Sicherheitsgründen vorwiegend ihr Gesäß war, war es für alle einfach, die Augen zu schließen und wegzusehen.
Nach dem dritten Kind riet man ihr aus Gesundheitsgründen, keine weiteren Kinder mehr zu bekommen, worauf sie sich unterbinden ließ, was den Mann dazu bewog, ihr mitzuteilen, dass sie nun die Madonna im Haus wäre und er sich, weil er doch noch so jung sei und voll im Saft stehe, eine Hure suchen müsse. Er würde diese Besuche natürlich danach bereuen, in Wahrheit hauptsächlich aus finanziellen Gründen, und beichten.
Sie hielt das zunächst für einen Scherz, doch als sie einige Monate nach der letzten Entbindung Annäherungsversuche wagte, schlug er sie vorbeugend, als vorgezogene Strafe Gottes eben, sagte dann: „Schließ die Augen!“ und nahm sie brutal in Besitz. Als er aufstand, um seine Schuld von sich zu duschen, murmelte er noch, so sei es wenigstens billiger und man würde kein Benzin verfahren. Umweltbewusstsein war ja modern geworden.
Diese Aspekte waren es auch, die ihn schließlich dazu brachten, seine Frau anderen Männern anzubieten. Sich als Nahversorger für im Saft stehenden Menschen ohne Kinderwunsch zu präsentieren, gefiel ihm. Die Dorfbewohner zahlten und waren überzeugt davon, dass die festgebundene und geknebelte Frau das liebte. Bald boomte das Geschäft, und er war zufrieden. Die Hure war im Haus, und wenn sie nicht spurte, wurde sie geschlagen. Grün oder blau. Unsichtbar für die Welt. Die zusätzlichen Nebeneinkünfte, unversteuert natürlich, verwendete er dazu, die zwei Söhne in eine katholische Privatschule zu schicken. Die Bildung des Mädchens war ihm eigentlich egal. Sie würde ohnehin als Hausfrau enden. Er hoffte nur, dass es dann den Hausfrauenbonus endlich überall gab.
Seine Frau starb mit 37 an einem Herzinfarkt, wie der rasch herbeigerufene Amtsarzt bedauernd feststellte. Hatte er doch die regelmäßigen Abende im Haus der Familie überaus geschätzt. Sein Freund verlangte für das Vergnügen, das er bot, außerdem viel weniger als die Irren im Laufhaus im nächsten größeren Ort.
In Wirklichkeit hatte sie sich im Gartenhaus fachgerecht erhängt. Aber das hätte man der Gemeinde nicht anvertrauen dürfen, denn sich das Leben zu nehmen, war schließlich eine Todsünde.
Sie hatte, bevor sie sich umbrachte, noch ein ernstes Gespräch mit Gott. Sie bat ihn, dafür zu sorgen, dass niemand jemals den Grund ihres Freitodes erfuhr. Sie schämte sich.
Wissen Sie, für mich ist es einfacher, die Seiten nicht zu wechseln. Ich habe es so gut bei den Frauen.

Übersicht:
Schließ die Augen