Seidenmatt
Von: https://kunstkanal.at/ | 9. Jänner 2026, 13:50
Seidenmatt
O-Ton: Türschloss
Man betritt und verlässt seine Wohnung meist durch dieselbe Tür. Altbauwohnungen haben oft mehrere Schlösser, nicht alle sind im täglichen Gebrauch. Man kennt den richtigen Schwung, um die Tür zuzuziehen, achtet auf Luftzüge in Wohnung und Stiegenhaus, will man sich nicht aussperren. Ersatzschlüssel sind wohlpositioniert, ebenso Plastikkarten und Metallgegenstände zum notfalls selbst Einbrechen.
Wenig Aufmerksamkeit bekommt so eine Wohnungstür eigentlich, obwohl sie es ist, die einem alles vom Leibe hält, wenn man sich der nächtlichen Ohnmacht hingibt und, hinter sich zugeschlagen, anderntags die Welt eröffnet.
Meine Wohnungstür ist außen so abgefuckt wie viele im Haus: ein Leopardenmuster in Türkis- und Grüntönen, gewachsen über Jahrzehnte, signalisiert: Hier gibt es nichts zu holen. Kindergummistiefel auf der Fußmatte grüßen mit einem verrotzten „Geh bitte, schleich dich!“
Die Innenseite aber beschloss ich, nach zwanzig Jahren zu renovieren. Zwanzig Jahre mit über zwanzig Mitbewohnerinnen, Untermieterinnen, Liebhabern und Kindern, die gemeinsam die Türklinke poliert hatten.
David, Jakob, Jasmin, Albine, Mr. X, Alex, Fernando, Max, Lilo, Christoph, Adam, Diane, Valerie, Smilla, Lisa, Vera, Andrej, Ruben, Raoul, Riva.
Geräusch: Türe zufallen lassen
„Schließ die Augen…“, sagte ich zu mir selbst und stellte mir vor, wie ich durch eine neue Eingangstür auch mein Leben renovieren würde. Mit geschlossenen Augen ergab das Sinn.
Offenen Auges aber sah ich: Meine Wohnungstür war übersät mit Stickern, beinahe einer für jedes Jahr. Pflaster über Pflaster, dazu eine hölzerne Verblendung, behelfsmäßig ans Türblatt geschraubt. Ein Lover hatte einmal die Tür eingetreten, danach reuig die Wunde versorgt.
Sticker aus Plastik und aus Papier, manche splittern wie Glas, manche reißen beim Ablösen den Lack mit.
Mein halbes Leben klebte hier. Je weiter weg die Erinnerung, desto erstaunlicher erschien mir, was ich einmal war – manchmal dezidiert, manchmal Nebenbuhlerin, aber offenbar immer stickerwürdig.
Ich war Fußball- und Judo-Fan, Doula, Veganerin, Techno-Adeptin, Feministin. „Kein Sonntag ohne Techno“, „Sorry war betrunken“, Rattencomics gegen das Patriarchat, Kunststicker in billiger Machart. Sie lösen sich schichtweise, man braucht Ceranfeldschaber, Fön und Drahtwaschl.
Ein schmaler flüstert: „Wir sind nicht dazu verdammt…“, ein ausgeblichener ovaler brüllt: „WENN DIR DAS MEINE LIEBE NICHT…“
Der Alpenverein kuschelt mit „DIE PARTEI“ und Wikimedia.
Zwei Sticker aber sind für die Ewigkeit gemacht, UV-beständig, rückstandsfrei abziehbar: SEAWATCH und BRING THEM HOME NOW. Man sieht sie jedes Mal beim Hinausgehen. Man sieht sie und schaut trotzdem nicht hin.
Auch die New Yorker U-Bahn hat sich verewigt: blauer Punkt auf schwarzer Linie. You are here now.
„Fuzzy Wuzzy was a bear…“
Den einzigen Sticker, den ich auf der neuen, seidenmatt glänzenden Tür ließ, war ein kleiner Prägedruck, weiß auf schwarz: use the truth.
Ich habe letztens gehört: Das Intimste, das ich dir zeigen kann, ist mein Insta-Algorithmus –
oder die vernarbte Innenseite einer Wohnungstür?
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Seidenmatt
Geräusch: Türschloss
Man betritt und verlässt seine Wohnung meist durch dieselbe Tür.
Man kennt den richtigen Schwung, um die Tür zuzuziehen, achtet auf Luftzüge in Wohnung und Stiegenhaus, will man sich nicht aussperren. Ersatzschlüssel sind gut versteckt, ebenso Plastikkarten und Metallgegenstände für den Notfall.
Wenig Aufmerksamkeit bekommt so eine Wohnungstür eigentlich, obwohl sie es ist, die einem alles vom Leibe hält, wenn man sich der nächtlichen Ohnmacht hingibt und, hinter sich zugeschlagen, anderntags die Welt eröffnet.
Meine Wohnungstür ist außen so abgefuckt wie kaum eine im Haus. Ein Leopardenmuster in Türkis- und Grüntönen hat sich über Jahrzehnte gebildet. Es signalisiert: Hier gibt es nichts zu holen. Eine Klingel gab’s noch nie, stattdessen eine neapolitanische Messing-Klopfhand.
Kindergummistiefel auf der Fußmatte sagen verrotzt: „Geh bitte, schleich dich.“
Die Innenseite aber beschloss ich, jetzt, nach zwanzig Jahren zu renovieren.
Zwanzig Jahre mit über zwanzig Menschen: Mitbewohnerinnen, Untermieterinnen, Liebhaber, Kinder. Sie alle haben dieselbe Türklinke berührt.
Jakob. Jasmin. Alex. Max. Lilo. Christoph. Val. Adam. Zweimal Christoph und zweimal David. Drei Rs.
Namen wie Fingerabdrücke.
„Schließ die Augen“, sagte ich zu mir selbst und stellte mir vor, wie ich mit einer neuen Tür auch mein Leben renovieren würde. Mit geschlossenen Augen ergab das Sinn.
Offenen Auges sah ich: Die Tür war übersät mit Stickern. Einer pro Jahr, fast. Pflaster über Pflaster. Dazu eine hölzerne Verblendung, notdürftig angeschraubt.
Ein Lover hatte einmal die Tür eingetreten. Danach reuig die Wunde versorgt.
Sticker aus Papier und Plastik. Manche splittern mit der Zeit, andere reißen beim Ablösen den Lack mit.
Mein halbes Leben klebte hier. Je weiter weg die Erinnerung, desto erstaunlicher, was ich einmal war – oder sein wollte. Offenbar reichte es immer für eine vorübergehende Verewigung an dieser Tür.
Ich war Fußball- und Judo-Fan. Doula. Veganerin. Techno-Adeptin. Feministin.
„Kein Sonntag ohne Techno.“
„Sorry war betrunken.“
Rattencomics gegen das Patriarchat. Kunststicker in billiger Machart.
Sie lösen sich schichtweise, man braucht Ceranfeldschaber, Fön und Drahtwaschl.
Ein schmaler Sticker flüstert: „Wir sind nicht dazu verdammt…“
Ein großer, ausgeblichener brüllt etwas von Liebe und Nicht-Mehr-Können.
Der Alpenverein klebt neben „DIE PARTEI“ und Wikimedia.
Zwei Sticker aber sind für die Ewigkeit gemacht, UV-beständig, rückstandsfrei abziehbar:
SEAWATCH.
BRING THEM HOME NOW.
Man sieht sie jedes Mal, wenn man die Wohnung verlässt.
Man sieht sie – und schaut trotzdem nicht hin.
Auch die New Yorker U-Bahn hat sich verewigt: ein blauer Punkt auf schwarzer Linie.
You are here now.
„Fuzzy Wuzzy was a bear. Fuzzy Wuzzy had no hair. Fuzzy Wuzzy wasn’t fuzzy, was he…“
Den einzigen Sticker, den ich auf der neuen, seidenmatt glänzenden Tür ließ, war ein kleiner, selbstgemachter Prägedruck.
Weiß auf schwarz.
use the truth.
So. Tür auf, lüften!
O-Ton: “Mama, die Luft ist übelst kalt hier…!”
Ich habe kürzlich gehört:
Das Intimste, das ich dir zeigen kann, ist mein Insta-Algorithmus –
oder eben die vernarbte Innenseite meiner Wohnungstür
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Webseite
https://kunstkanal.at/
Übersicht:
Schließ die Augen
