Eichendorff im Großraumwagon

Von: Barbara Keller | 3. Jänner 2026, 18:17

Ich bin unterwegs im Zug Richtung Wien und ziehe einmal nicht wie üblich das Handy aus der Tasche, sondern packe eine Zeitschrift aus. Nach zwei Artikeln über aktuelle Themen stoße ich auf ein Gedicht ‒ Mondnacht von Joseph von Eichendorff ‒ es ist ein bekanntes Gedicht.

Plötzlich und ohne Vorwarnung schießen mir die Tränen in die Augen. Ich selbst bin völlig überrascht, spüre Trauer aber auch Verwunderung. Woher kommt diese doch tiefe Traurigkeit?

Atme tief! Schließ die Augen! ….. Ja natürlich ‒ vor etwa zwei Monaten ist mein Vater gestorben.

Das anschließende Begräbnis haben meine Geschwister und ich so gestaltet, wie es sich mein Vater unserer Vorstellung nach gewünscht hätte. „Keinen Priester“, hat er gesagt, „ihr macht’s das schon.“ Wir haben aus seinem Leben erzählt, seine Lieblingsdichter zitiert und haben die Aufgaben, die eben bei so einem Begräbnis zu bewältigen sind, möglichst gut untereinander aufgeteilt. Ich bin danach gestärkt nach Hause gefahren. Ich habe nicht geweint.

Doch nun, hier im Großraumwagon der ÖBB bricht sich die Trauer mit aller Macht ihre Bahn.

Ich verbrauche zwei Packerl Taschentücher und werde ruhiger.

Stationen aus dem Leben meines Vaters ziehen an mir vorbei: Mit 18 Jahren ist er gemeinsam mit anderen jungen Soldaten als letztes Aufgebot der damaligen Wehrmacht mit dem Zug nach Norddeutschland geschickt worden. Die Soldaten sollten dort mit Fahrrädern und Panzerfäusten gegen die russische Armee marschieren. Sein Leben verdankt er höchstwahrscheinlich seinem damaligen Vorgesetzten, der zu den jungen Soldaten gesagt hat: „Burschen, kehrt’s um, das wird nichts mehr.“ In sein Tagebuch schrieb er damals noch: „Der Verräter!“

Viele Wochen später, nachdem er zu Fuß vom Norden Deutschlands zurück nach Österreich gewandert war, kam er abgemagert aber wie durch ein Wunder körperlich unversehrt, zuhause an. Die letzten Zeilen in seinem Tagebuch lauteten ‒ ob gleich geschrieben oder nachgetragen lässt sich nicht mehr eruieren ‒ „Nie mehr wieder werde ich einer weltlichen oder geistlichen Ideologie angehören.“

Mein Vater wandte sich den Sprachen zu und entdeckte seine Liebe zu Literatur und Dichtung. Ich denke er fand dort auch seine Zuflucht.

Er wurde Lehrer und verstand es etliche seiner Schüler für die Literatur zu begeistern. Bei seinem Begräbnis erzählten uns ehemalige Schüler, dass sie mit ihm zum ersten Mal in ein Theater gegangen sind, er sie also ins Theater eingeführt hat und sie seither oft und gerne in Vorstellungen gehen.

Ich, als seine Tochter, fand es manchmal übertrieben oder nicht stimmig, wenn er begann Schriftsteller oder Dichter zu zitieren.

Aber jetzt, jetzt würde ich mir wünschen, dass Du da bist und mir vorliest. Zum Beispiel aus dem Gedicht von Eichendorff:

„Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.“

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