Besatzungsmächte , Fluchtgeschichten

Harte Zeiten

Von: Birgit Müller | 10. April 2026, 12:06

Ich erzähle von den Erfahrungen einer meiner Tanten, die sie nach Kriegsende 1945 gemacht hat.

Auch meine Tante Lotte hatte mit ihrer Familie schlimme und harte Zeiten durchgemacht. Tante Lotte stammte aus Habstein (Jestřebí), ca. 150 km von Ranzengrün entfernt.

Meine Tante erzählt:
Es war im Jahr 1945, der Krieg war aus und ich war im 21. Lebensjahr. Wir hatten viel mitgemacht, u.a. den Einmarsch der Russen, was sehr schrecklich war. Mein Vater hat uns Frauen vor den Russen versteckt aus Angst vor Vergewaltigungen. Vater war allein im Haus. Die Russen brachten ihm hunderte Eier, die er ihnen braten musste. Dazu floss Schnaps in rauen Mengen; die Russen hatten immer Schnaps. Vater musste einen Zeitpunkt abwarten, um uns unbemerkt Essen bringen zu können. Die Russen suchten ständig nach Frauen – Vater musste vorsichtig sein.

Als dann die schreckliche Zeit mit den Russen vorbei war, kam das Schlimmste: aus der Tschechei kamen Autos mit der Aufschrift „Revanche“. Eines Tages kam ein tschechischer Polizist zur Hausdurchsuchung. Er fand eine Hakenkreuzfahne im Kleiderschrank. Als mein Vater aus der Arbeit kam, fuhr ein Omnibus vor. Man lud alle Männer auf und brachte sie ins Konzentrationslager. Frauen und Kinder waren allein. Wir ließen einmal die Haustüre auf und schon kam ein tschechisches Ehepaar und besetzte unser Haus. Wir durften nicht mehr auf’s Klo, alles schlossen sie ab. Wir hatten oben 1 ½ Zimmer. Da wir wussten, dass wir fortgehen mussten, haben wir versucht, von unseren Sachen wenigstens 30 kg einzupacken. Wir durften nur 80 kg mitnehmen. Da muss man Bettzeug und Wäsche und alles, was man so braucht, zusammenpacken. Als wir dann vor unserem Gepäck saßen, wollten uns die Tschechen noch etwas davon wegnehmen. Ich riss das Fenster auf und schrie auf Tschechisch, dann auf Russisch, um Hilfe. So ließen sie von uns ab. Danach mussten wir zur Sammelstelle. Dort wurden wir gefilzt. Mein Bruder hatte meine Zeugnisse in der Hosentasche. Diese nahmen die Tschechen und zerrissen sie und lachten: „Jetzt gehen du arbeiten, wenn du kein Zeugnis hast!“ Nachdem kein Transport nach Deutschland ging, brachten uns die Tschechen in ein Konzentrationslager. Wir hatten einen winzigen Raum, den wir mit noch einem Ehepaar teilen mussten. In der Nacht kamen die Wanzen. Ich wurde sehr krank, schwere Kopfgrippe. Man hat mich ins Krankenhaus gebracht. Weil ich eine Deutsche war, durfte ich das Bett nicht für mich allein haben, man legte mir noch eine andere Deutsche dazu. Meine Mutter hat im Krankenhaus gearbeitet und versucht, mir Essen zu bringen, aber ich konnte nicht viel essen. Nachdem lange kein Transport nach Deutschland ging, brachte man uns wieder in meinen Heimatort Habstein zurück. Wir kamen dort in ein Armenhaus und trafen auf eine Familie, die Häuser besaßen und sie wurden zu einer befreundeten Familie. Der Mann arbeitete auf dem Bürgermeisteramt und er ließ mich wissen, dass ich flüchten solle, denn die jungen Mädchen sollten eingesperrt werden. Glücklicherweise bekam ich einen Brief von meinem guten Freund Alfred. Er hatte gehört, dass es uns so schlecht ging und er schrieb, dass ich ins Egerland in seine Heimat Ranzengrün kommen solle. Aber wie sollte ich das machen?
Zugfahren war für uns Deutsche verboten! Wir mussten als Erkennungszeichen eine weiße Armbinde tragen.
Da ich ein mutiger Mensch bin, wagte ich es, in einen Zug zu steigen und ich kam bis Brüx (Most). Dort hat man mich aus dem Zug geholt. Der Fahrdienstleiter hatte jedoch viel zu tun und war abgelenkt – während er telefonierte, kamen zwei ehemalige deutsche Soldaten und es fuhr gerade ein anderer Zug ein. Die Soldaten packten meine Sachen, halfen mir auf den Zug und weg war ich! Ich musste in Wickwitz (Vojkovice) durch den Wald gehen, in dem die Russen lagerten. Es ging alles gut. Lange musste ich zu Fuß gehen, um nach Rodisfort zu gelangen. Dort hat Alfreds Schwester, gewohnt. Ich blieb eine Nacht bei ihr und am nächsten Tag in der Früh liefen wir zusammen nach Ranzengrün – das dauerte ca. ein bis zwei Stunden.

Eines schönen Tages kam Alfred über die Grenze nach Ranzengrün zurück und am nächsten Tag ging ich mit ihm zusammen über die Grenze nach Deutschland. Wir wurden beschossen. Alfred war ein erfahrener Soldat – er wusste, was zu tun war – und wir haben uns hingelegt und unter Sträuchern versteckt. In Bayern angekommen, musste ich mich vor der Militär-Polizei verstecken, ich hatte ja keine Papiere und die Amerikaner waren genau.
Zwischenzeitlich sind meine Eltern mit dem Viehwaggon nach Schwaben gekommen. Mein Bruder war damals 15 Jahre alt und musste für die Russen Kühe treiben. Danach kam er als Bauernknecht zu den Tschechen und musste vor dem Stall schlafen. Wenn gebadet wurde, badeten zuerst fünf Tschechen und dann zum Schluss der Deutsche. Als mein Bruder dann schließlich zu den Eltern kam, hatte er abertausend Flöhe.

Aber, wir haben alles überlebt – Krieg und Bomben, Russen, Tschechen. Danke, lieber Gott!

Umgebungskarte "Besatzungsmächte "

Übersicht:
Besatzungsmächte , Fluchtgeschichten

Übersicht:
Gemeinsam erinnern