Nicht mehr mir.

Von: Valerie Springer | 5. Jänner 2026, 08:19

Nicht mehr mir.

Ich war ja immer vorbereitet … bevor es gesagt worden ist … es ist ja tatsächlich nie gesagt worden, man hat es einfach gewusst, ich habe gewusst, wie das geht, dass ich still bleibe … wie ich anwesend bin … und dabei Abstand halte.

Ich habe diese kleinen Bewegungen an mir bemerkt, eine Haarsträhne aus dem Gesicht streichen, mein Atem, der kurz stockt, meine Hände, die nicht wissen, wohin, und dann habe ich angefangen, aufzuräumen, Bücher im Regal, Stifte auf meinem Schreibtisch, Zeitungsausschnitte, damit ich beschäftigt bin, damit ich in meiner Ordnung bleibe.

Alles ist dann im Rahmen gewesen, so hab ich das gesehen, so war das einfach.

Ich glaub, ehrlich gesagt, das war schon viel älter als ich, ich kann mich nicht erinnern, dass es anders war, als ich in deinem Alter war, meine Großmutter hat gesagt, dass früher alles besser war, aber da hat sie auch schon nicht hingeschaut,
auf das, was man eben nicht anschaut.

Das ist dann immer weitergegeben worden, dieses Wegschauen, immer weiter, ohne Worte, ohne diesen Satz, den ich immer irgendwie gespürt habe, als wäre er angeboren, damit ich immer weiß, dass es besser ist, nicht alles zu verstehen, nicht alles sehen zu müssen.

Es ist ja nie laut gesagt worden, wenn überhaupt, dann nur geflüstert: Schließ die Augen.

Das war nie verpflichtend, es war einfach nur überlebenswichtig, es war kein Rückzug, es war eine Maßnahme, die allen genützt hat, die alle geschützt hat, die das Zusammenleben möglich gemacht hat, auch mit denen, die … Dinge tun … die man eben nicht sehen soll … nicht sehen will?

Ich konnte überall dabei sein, und innerlich bin ich einen Schritt zurückgetreten, aus Erfahrung, aus Selbstschutz.

Das hat Vorteile gehabt, es hat Zeit gespart, und Energie, es hat Erklärungen erspart, es hat Fragen verhindert, die ich mir besser nicht gestellt habe ... das hätte den Ablauf gestört.

So habe ich mich durchgehangelt, mit meinem System, mit dieser Methode, es war meine Möglichkeit, weiterzumachen, keine bewusste Entscheidung, es war eine stille Übereinkunft … eine Folge vieler kleiner Vereinbarungen, die ich mit mir selbst getroffen habe, ohne die je wirklich auszuhandeln.

Das hat tadellos funktioniert, abgesehen von winzig kleinen Regungen in mir drinnen, die sich manchmal doch gemeldet haben: dass ich vielleicht hinschauen will … dass ich wissen will, was da vorgeht …

Ob ich mehr hätte tun können … oder weniger … was wäre möglich gewesen …

Deine Welt funktioniert nach anderen Regeln, du lebst in einer Zeit, in der du die Augen schließt, nicht weil du nichts sehen willst oder gar sehen darfst, sondern weil so viel auf dich einstürzt, weil dich alles gleichzeitig anschreit, weil jedes Bild, jede Meinung, jede Wahrheit um deine Aufmerksamkeit buhlt.

Wird es für dich notwendig sein, die Augen öfter zu schließen als ich, damit du dich nicht in dem verlierst, was vorgibt, Wahrheit zu sein, wirst du wissen, wann du hinsehen kannst?

Ich habe meine Augen geschlossen gehalten, weil es so vorgesehen war. Du wirst entscheiden, wann du hinsiehst, wann dich das schützt, und wann du dich preisgibst.

Ich erzähle dir, wie ich weggesehen habe.

Was du mit deinem Hinschauen machst, wird nicht mehr mir gehören.

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Schließ die Augen