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Kultur

Immer derselbe Schnee...

Neues Buch von Herta Müller

In ihrem neuen Buch setzt sich Herta Müller wieder mit ihrem Schicksal auseinander. Aber nicht nur ihre eigene Geschichte ist Thema in den 18 Essays, die Nobelpreisträgerin beschäftigt sich auch mit der Geschichte anderer.

Zitat

Hast du ein Taschentuch, fragte die Mutter jeden Morgen am Haustor, bevor ich auf die Straße ging. Ich hatte keines. Und weil ich keines hatte, ging ich noch mal ins Zimmer zurück und nahm mir ein Taschentuch. Ich hatte jeden Morgen keines, weil ich jeden Morgen auf die Frage wartete. Das Taschentuch war der Beweis, dass die Mutter mich am Morgen behütete. In den späteren Stunden und Dingen des Tages war ich auf mich selbst gestellt. Die Frage HAST DU EIN TASCHENTUCH war eine indirekte Zärtlichkeit. Eine direkte wäre peinlich gewesen, so etwas gab es bei den Bauern nicht. Die Liebe hat sich als Frage verkleidet. Nur so ließ sie sich trocken sagen, im Befehlston, wie die Handgriffe der Arbeit.

Mit einem Taschentuch beginnt dieser Text von Herta Müller, aber natürlich ist das Taschentuch nicht nur ein Taschentuch, sondern steht für sehr viel mehr: Als Müller im Büro von einem Geheimdienstmitarbeiter zur Kollaboration aufgefordert wird, lehnt sie ab und wird dafür bestraft. Sie verliert ihr Büro und arbeitet fortan auf den Treppen. "Ich war ein Treppenwitz", schreibt sie, "und mein Büro ein Taschentuch".

Kindheit in Rumänien

Die Frage nach dem Taschentuch wird zum Inbegriff von Wärme und Fürsorge und steht damit in krassem Gegensatz zu ihrem Alltag, in dem sie von der Securitate drangsaliert wird und um ihr Leben fürchten muss. Eindringlich und bewegend sind diese Essays, in denen Müller von ihrer Kindheit und Jugend in Rumänien berichtet und den Leser ganz nah an sich heranlässt, eine literarische Aufarbeitung ihrer Vergangenheit.

Zitat

Ich habe viele Menschen zerbrechen sehen. Und ich war selbst am Zerbrechen. Kurz davor konnte ich Rumänien verlassen. Ich hatte schon damals viel Glück - unverdientes Glück, denn Glück kann man sich nicht verdienen. GLÜCKLICHSEIN ist vielleicht teilbar. GLÜCKHABEN leider nicht.

Kein Versteck im Schnee

Insgesamt 18 Essays sind in dem Band versammelt, Essays, in denen die Nobelpreisträgerin sich mit ihrer eigenen Geschichte, aber auch mit der Geschichte anderer befasst. "Immer derselbe Schnee und immer derselbe Onkel" heißt das Buch - ein absonderlicher und schöner Titel, der sich darauf bezieht, dass im Rumänischen das Wort für "Schnee" eben auch "Onkel" bedeuten kann.

Im Schnee gibt es kein Versteck, Herta Müller kann sich vor den Repressalien der Securitate nicht verbergen und so muss sie Rumänien verlassen.

Zitat

Es gab nicht nur, was ich meiner Mutter sagte, kein Versteck im Schnee, es gab auch keins bei mir im Kopf: es war mir klar, dass ich wegmusste. Ich war fix und fertig, ich verwechselte seit ein paar Monaten das Weinen und das Lachen. Ich wusste schon noch, an welcher Stelle man nicht weint, an welcher nicht lacht, aber es nützte nichts. Ich wusste es richtig und machte es falsch. Ich war nicht mehr imstande, mich an das, was ich wusste, zu halten. Ich lachte und weinte durcheinander, über mich hinweg.

Keine Einzelheiten in Erinnerung

Auch über ihre Eltern schreibt Herta Müller, über ihren Vater, den sie lieben musste, ohne es zu können, und den sie liebte, ohne es zu wollen, und über ihre Mutter, die deportiert wurde und die ganze Grausamkeit des Lebens im Lager kennen lernte. Mit ihrer Tochter hat sie kaum je darüber gesprochen.

"Also wenn ich mit meiner Mutter spreche oder mit anderen Personen, die deportiert waren, da kommt überhaupt kein Detail", sagt Herta Müller. "Wenn ich meine Mutter gefragt habe: zu wievielt wart ihr in der Baracke?, die weiß es nicht einmal ungefähr. Also es gibt überhaupt keine Einzelheiten, es gibt keine Informationen mehr. Da ist alles gelöscht, wahrscheinlich auch um sich zu schützen. Was ich sehr gut verstehe."

Oskar Pastiors Doppelleben

Und sie schreibt über Oskar Pastior, den großen rumänischen Dichter, mit dem sie den Roman "Atemschaukel" verfasste. Pastior starb 2006 und für Herta Müller war das ein großer Verlust: "Dieser Mensch hat mir ja so gefehlt, ich habe Oskar Pastior sehr, sehr gerne gehabt. Wir waren so nahe Freunde. Und ich habe um diesen Verlust sehr, sehr getrauert", so Müller.

Erst nach Pastiors Tod wurde bekannt, dass er unter dem Namen "Stein Otto" für die Securitate gearbeitet und mindestens zwei Berichte abgeliefert hatte. So setzt sich Müller in einem ihrer Essays auch mit Pastiors Doppelleben auseinander - und findet zu einer literarischen Vergebung.

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Ich beurteile dem IM Oskar Pastior mit denselben Kriterien wie andere IM aus meiner eigenen Akte. Aber ich komme dabei zu einem anderen Fazit. Wenn Pastior noch leben würde, würde ich jedes Mal, wenn ich zu ihm käme, insistieren, dass er seine Akte lesen und selbst darüber schreiben soll. Aber jedes Mal würde ich ihn dabei in den Arm nehmen.

Die Sprache und die Worte

Aber nicht allein um Biografisches geht es in Herta Müllers Essays. Sie setzt sich auch mit ihrem Schreiben auseinander, mit der Sprache, den Worten, wenn sie etwa die Entstehung einiger unvergesslicher Ausdrücke aus ihrem Roman "Atemschaukel" beleuchtet, die vielfach von Oskar Pastior stammen und die Müller in ihre eigene Prosa eingebunden hatte.

"Das war das Leichteste, das zu übernehmen, und diese Dinge waren schon wie eine Art Motor", sagt Müller. "Und auch eine Sicherheit, von der ich abspringen kann, also wie ein Trampolin, von dem ich abspringen kann.

So gewährt Herta Müller auch tiefe Einblicke in die Entstehung ihrer Texte, wenn sie ihr rumänisches mit ihrem deutschen Selbst vergleicht und sich über die Natur der Literatur Gedanken macht.

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Es zeigt sich immer wieder: Schreiben ist zuerst ein Gespräch mit den realen Gegenständen des Lebens. Und dann ein zweites Gespräch der in diesem ersten Gespräch ausgehandelten Zustände mit dem Papier - also die Verwandlung in einen Satz. Beim Aufschreiben sind beide Gespräche motorisch vorhanden. Aber wenn der Satz fertig auf dem Papier steht, ist er tot. Er wird erst wieder zu den beiden Gesprächen, wenn er gelesen wird.

Kleine Kostbarkeiten

Dabei hat Herta Müller ihre Sprache nicht gebändigt, aber geglättet: Vielfach erscheint diese Sprache in ihren Essays direkter und pragmatischer, nach wie vor leuchtend, aber gleichzeitig geerdet in den Erinnerungen an Rumänien, an Oskar Pastior oder an andere große Literaten wie Elias Canetti oder Jürgen Fuchs.

Müllers Essays sind kleine Kostbarkeiten, die Schlaglichter auf ihr Leben und ihre Zeit werfen, auf ihre Weggefährten und ihre literarische Bestimmung. "Literatur kann", schreibt Herta Müller, "durch Sprache eine Wahrheit erfinden, die zeigt, was in und um uns herum passiert, wenn die Werte entgleisen". Und genau deshalb hat sie sich eben dieser Literatur verschrieben:

"Ich betreibe weder Historie, noch Aufklärung, ich mache Literatur. Und ich habe das Problem, dass ich immer wieder besessen werde und Literatur machen muss."

Gestaltung: Irene Binal · 03.04.2011

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