Immer derselbe Schnee...

In ihrem neuen Buch setzt sich Herta Müller wieder mit ihrem Schicksal auseinander. Aber nicht nur ihre eigene Geschichte ist Thema in den 18 Essays, die Nobelpreisträgerin beschäftigt sich auch mit der Geschichte anderer.

Mit einem Taschentuch beginnt dieser Text von Herta Müller, aber natürlich ist das Taschentuch nicht nur ein Taschentuch, sondern steht für sehr viel mehr: Als Müller im Büro von einem Geheimdienstmitarbeiter zur Kollaboration aufgefordert wird, lehnt sie ab und wird dafür bestraft. Sie verliert ihr Büro und arbeitet fortan auf den Treppen. "Ich war ein Treppenwitz", schreibt sie, "und mein Büro ein Taschentuch".

Kindheit in Rumänien

Die Frage nach dem Taschentuch wird zum Inbegriff von Wärme und Fürsorge und steht damit in krassem Gegensatz zu ihrem Alltag, in dem sie von der Securitate drangsaliert wird und um ihr Leben fürchten muss. Eindringlich und bewegend sind diese Essays, in denen Müller von ihrer Kindheit und Jugend in Rumänien berichtet und den Leser ganz nah an sich heranlässt, eine literarische Aufarbeitung ihrer Vergangenheit.

Kein Versteck im Schnee

Insgesamt 18 Essays sind in dem Band versammelt, Essays, in denen die Nobelpreisträgerin sich mit ihrer eigenen Geschichte, aber auch mit der Geschichte anderer befasst. "Immer derselbe Schnee und immer derselbe Onkel" heißt das Buch - ein absonderlicher und schöner Titel, der sich darauf bezieht, dass im Rumänischen das Wort für "Schnee" eben auch "Onkel" bedeuten kann.

Im Schnee gibt es kein Versteck, Herta Müller kann sich vor den Repressalien der Securitate nicht verbergen und so muss sie Rumänien verlassen.

Keine Einzelheiten in Erinnerung

Auch über ihre Eltern schreibt Herta Müller, über ihren Vater, den sie lieben musste, ohne es zu können, und den sie liebte, ohne es zu wollen, und über ihre Mutter, die deportiert wurde und die ganze Grausamkeit des Lebens im Lager kennen lernte. Mit ihrer Tochter hat sie kaum je darüber gesprochen.

"Also wenn ich mit meiner Mutter spreche oder mit anderen Personen, die deportiert waren, da kommt überhaupt kein Detail", sagt Herta Müller. "Wenn ich meine Mutter gefragt habe: zu wievielt wart ihr in der Baracke?, die weiß es nicht einmal ungefähr. Also es gibt überhaupt keine Einzelheiten, es gibt keine Informationen mehr. Da ist alles gelöscht, wahrscheinlich auch um sich zu schützen. Was ich sehr gut verstehe."

Oskar Pastiors Doppelleben

Und sie schreibt über Oskar Pastior, den großen rumänischen Dichter, mit dem sie den Roman "Atemschaukel" verfasste. Pastior starb 2006 und für Herta Müller war das ein großer Verlust: "Dieser Mensch hat mir ja so gefehlt, ich habe Oskar Pastior sehr, sehr gerne gehabt. Wir waren so nahe Freunde. Und ich habe um diesen Verlust sehr, sehr getrauert", so Müller.

Erst nach Pastiors Tod wurde bekannt, dass er unter dem Namen "Stein Otto" für die Securitate gearbeitet und mindestens zwei Berichte abgeliefert hatte. So setzt sich Müller in einem ihrer Essays auch mit Pastiors Doppelleben auseinander - und findet zu einer literarischen Vergebung.

Die Sprache und die Worte

Aber nicht allein um Biografisches geht es in Herta Müllers Essays. Sie setzt sich auch mit ihrem Schreiben auseinander, mit der Sprache, den Worten, wenn sie etwa die Entstehung einiger unvergesslicher Ausdrücke aus ihrem Roman "Atemschaukel" beleuchtet, die vielfach von Oskar Pastior stammen und die Müller in ihre eigene Prosa eingebunden hatte.

"Das war das Leichteste, das zu übernehmen, und diese Dinge waren schon wie eine Art Motor", sagt Müller. "Und auch eine Sicherheit, von der ich abspringen kann, also wie ein Trampolin, von dem ich abspringen kann.

So gewährt Herta Müller auch tiefe Einblicke in die Entstehung ihrer Texte, wenn sie ihr rumänisches mit ihrem deutschen Selbst vergleicht und sich über die Natur der Literatur Gedanken macht.

Kleine Kostbarkeiten

Dabei hat Herta Müller ihre Sprache nicht gebändigt, aber geglättet: Vielfach erscheint diese Sprache in ihren Essays direkter und pragmatischer, nach wie vor leuchtend, aber gleichzeitig geerdet in den Erinnerungen an Rumänien, an Oskar Pastior oder an andere große Literaten wie Elias Canetti oder Jürgen Fuchs.

Müllers Essays sind kleine Kostbarkeiten, die Schlaglichter auf ihr Leben und ihre Zeit werfen, auf ihre Weggefährten und ihre literarische Bestimmung. "Literatur kann", schreibt Herta Müller, "durch Sprache eine Wahrheit erfinden, die zeigt, was in und um uns herum passiert, wenn die Werte entgleisen". Und genau deshalb hat sie sich eben dieser Literatur verschrieben:

"Ich betreibe weder Historie, noch Aufklärung, ich mache Literatur. Und ich habe das Problem, dass ich immer wieder besessen werde und Literatur machen muss."