Installation im deutschen Pavillon

AP/ANSA/ANDREA MEROLA

Biennale: And the winner is … Germany!

Gleich beide Hauptpreise bei der Kunstbiennale in Venedig gingen an Deutschland. Die Frankfurter Künstlerin Anne Imhof wurde für ihre Arbeit "Faust" - zu sehen im deutschen Pavillon - mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet. Der 77-jährige Konzeptkünstler Franz Erhard Walther wurde als bester Künstler mit dem goldenen Löwen geehrt. Christine Scheucher hat sich über den großen Erfolg Deutschlands bei der diesjährigen Biennale Gedanken gemacht.

Kulturjournal, 15.5.2017

"Zweimal Deutschland! Ich weiß nicht, ob es so etwas schon mal gegeben hat", ein sichtlich gerührter Franz Erhard Walther in der Biennale-Zentrale, die in einem malerischen Palazzo am Canal Grande, untergebracht ist. Deutschland wird seinem Ruf als international führende Kunstnation erneut gerecht. Wie erklärt sich Franz Erhard Walther den anhaltenden Erfolg der zeitgenössischen deutschen Kunst am internationalen Parkett? "In Deutschland wird interessante Kunst gemacht und das wird auch weltweit anerkannt. Man kann diesen Erfolg nicht in ein paar Sätzen beschreiben, aber Tatsache ist, dass weltweit die deutsche Kunst in einem Maßstab rezipiert wird wie es in meiner Jugend überhaupt nicht denkbar war."

Die späte Würdigung eines Pioniers

Franz Erhard Walther, Jahrgang 1939, über den Erfolg der deutschen zeitgenössischen Kunst. Als Walther selbst seine künstlerische Laufbahn in den 1960er Jahren startete, war New York, nicht Berlin der Nabel der internationalen Kunstproduktion. Dorthin zog es den jungen Künstler, der 1969 sogar gemeinsam mit Lichtkunstpionier Dan Flavin im MoMA ausgestellt hat. Damals galt Walther, der einer der ersten Künstler war, der die Skulptur mit den Mitteln der Performance erweitert hat, als Shooting Star.

Bei der diesjährigen Venedig-Biennale zeigt Kuratorin Christine Macel Stoffskulpturen von Franz Erhard Walther, entstanden zwischen 1983 und 1985. Farbkräftige rote und gelbe "Wandformationen", die erst zur Skulptur, zum Kunstwerk werden, wenn der Betrachter, die Betrachterin mit ihnen interagiert. Das Publikum soll Teil der Installation werden, sie gewissermaßen komplettieren. Man kann Franz Erhard Walthers Objekte anziehen, sich darin einwickeln, sie sich über den Kopf stülpen.

Walther war einer der ersten Künstler, der die Interaktion zwischen Kunstwerk und Betrachter in den Mittelpunkt gestellt hat: "Diese Handlungsaspekt, das Performative der Arbeit ist etwas, was seit etwa 15 Jahren intensiv von der neuen Generation aufgegriffen wird. Damit wurde ein neuer Blick auf meine Arbeit freigelegt."

Die performative Erweiterung der Skulptur

Anders als bei Erwin Wurms One-Minute-Sculptures, in denen es ebenfalls um die Erweiterung der Skulptur mit den Mitteln der Performance geht, gibt Franz Erhard Walther keine Handlungsanweisungen. Es liegt also im Ermessen des Betrachters, der Betrachterin wie er oder sie, sich ein Objekt aneignet. Mit seinem erweiterten Skulpturenbegriff hat Walther Impulse gesetzt, die spätere Künstlergenerationen aufgenommen und weiterentwickelt haben. Als Professor an der Hamburger Kunsthochschule hat Walther zudem Künstler wie Martin Kippenberger, oder Jonathan Meese beeinflusst.

Trotzdem ist der 77-jährige Künstler in diesem Jahr zum ersten Mal bei der Kunstbiennale vertreten und Teil einer Ausstellung, die junge, teils sehr junge Positionen zeigt. "Das ist nicht nur hier bei der Biennale passiert, sondern schon öfter, dass die jungen Künstler auf meine Arbeiten reagieren und so damit umgehen als wäre die Arbeit etwas Gegenwärtiges, obwohl diese Arbeiten teilweise 40 Jahre alt sind. Also mir wird große Sympathie entgegen gebracht von den nächsten Generationen. Das ist für mich sehr berührend", sagt Franz Erhard Walther.

Dass Franz Erhard Walther nach zahlreichen documenta-Teilnahmen im vorgerückten Alter endlich bei der Biennale zu sehen ist und zudem mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet worden ist, kann man als späte Würdigung bezeichnen. Für viele Beobachter war die Auszeichnung Walthers dennoch eine Überraschung. Der Künstler selbst hat am allerwenigsten damit gerechnet. "Weil die Arbeit ist seit Jahrzehnten in der Welt und plötzlich hat das so einen Auftrieb."

Installation im deutschen Pavillon

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Anne Imhofs Kunst-Zwinger

Mit der fünfstündigen Groß-Performance "Faust", die Anne Imhof im deutschen Pavillon inszeniert hat, hat sich hingegen die Favoritin der diesjährigen Kunstbiennale durchgesetzt. Imhofs Beitrag löste gemischte Reaktionen aus, kalt gelassen hat sie die wenigsten. Zweifellos zeigt Imhof mit ihrem Team, die eindrücklichste Arbeit dieser eher blassen Biennale. Mit einer gelungenen architektonischen Intervention verwandelte Anne Imhof den deutschen Pavillon, dessen nationalsozialistisches Erbe - so will es die deutsche Biennale-Tradition! - thematisiert wird, in eine Art Terrarium und macht den Betrachter zum Besucher eines Kunst-Zingers. Draußen bellen die scharfen Hunde hinter einem rund zwei Meter hohen Maschendrahtzaun. Drinnen geht es nicht weniger schaurig zu.

Große Gesten im Zeitgeist-Terrarium

Ein Glasboden wurde eingezogen, darunter kriechen sie, drücken Körperteile gegen die Glasscheibe, ballen die Faust. Junge Performer mit Körpern an der Grenze zur Anorexie. Sie sehen so aus, als hätte man sie aus einem zeitgeistigen Lifestyle-Magazin ausgeschnitten - so dünn, so blass, so cool, so schön -, verkörpern den großen existenziellen Schmerz. Eine junge Frau steht im Mittelpunkt, ihre Stimme, deren dunkles Timbre an den Junkie-Chic von "Nico and the Velvet-Underground" erinnert, erklingt im Raum. Sie singt, wirft später den Kopf samt voller Haarpracht nach vorne, wiederholt die Bewegung immer wieder. Ist es noch Headbangen, eine Geste der Popkultur, oder sind es die Symptome des Hospitalismus, die sich in den Körper einschleichen? Wie eingesperrte Tiere, die ihren Verstand verlieren, wirken sie streckenweise, dann wieder vollziehen sie ein ernstes Ritual.

Wer den Begleittext von Kuratorin Susanne Pfeffer liest, erfährt, dass der eingesperrte, der dressierte Körper heute jener Körper ist, der einer kapitalistischen Verwertungslogik einverleibt worden ist. Auf Tinder und anderen Dating-Apps, wo man sich am Markt der Körper durchsetzen muss, oder in der Arbeitswelt, die uns bis zum Burn-Out durch das Fitnesscenter des real existierenden Turbokapitalismus jagt. Wann haben wir unsere Seele verkauft? "Faust" umkreist die Zombies des Turbokapitalismus in erschütternder Eindrücklichkeit. Die Performance nähert sich dem Zustand der politischen Entrechtung, die der italienische Philosoph Giorgio Agamben mit dem Begriff des "nackten Lebens" zu fassen versucht hat. Auch die Performer in "Faust" wirken streckenweise wie Lagerinsassen, die auf ihre nackte Körperlichkeit zurückgeworfen sind: ausgestellt in einem gläsernen Zwinger, betastet von den zahlreichen Handykameras, die die Besucher auf sie richten.

Wann haben wir unsere Seele verkauft?

Trotz cleaner Techno-Ästhetik, versprüht Anne Imhofs Performance "Faust" den Bombast und das Pathos eines Wagnerschen Gesamtkunstwerks: ohne ausladender Kulisse, aber mit der ganz großen Geste, die Bayreuth berühmt gemacht hat. Bei Anne Imhof erklingt kein gewaltiger Opernchor, sondern die Bässe des Verstärkers bringen wie im Berliner Club Berghain den ganzen Körper zum Vibrieren und das Trommelfell gefühlt zum Platzen. Große Gefühle, großer Schmerz ausgestellt im Zeitgeist-Terrarium: Anna Imhof streift vielleicht am Kitsch an - das sterile Setting lässt freilich anderes vermuten! Doch selbst wenn es so ist, die Künstlerin schafft Momente von großer Intensität, die sich in das Gedächtnis einprägen.

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La Biennale - 13. Mai bis 26. November 2017

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