Maurice Ernst

APA/HERBERT P. OCZERET

Das Ö1 Poplexikon

Im Januar 2017 hat das Radiokolleg eine Langzeit-Serie zur Geschichte der österreichischen Popmusik gestartet. Von "Ambros bis Qualtinger" von "Danzer bis Wanda" wird das Leben und Werk einzelner Musiker/innen und Bands dokumentiert, ihre Bedeutung für die österreichische Musiklandschaft reflektiert und ihr Beitrag zu einer kritischen Gegenkultur gewürdigt.

Eine kritische Bestandsaufnahme des heimischen Musikschaffens

Weltberühmt in Österreich war gestern: Bands wie Bilderbuch, Wanda oder Schmieds Puls und Solokünstlerinnen und Solokünstler wie Gustav, Soap & Skin oder Voodoo Jürgens haben das Profil der heimischen Popmusik ordentlich geschärft und sich ein Publikum im ganzen deutschsprachigen Raum erschlossen. In deutschen Fernsehrunden diskutieren Expert/innen über die künstlerischen Implikationen der wechselnden Haarfärbungen des Bilderbuch-Sängers Maurice Ernst und darüber, was eine Liedzeile wie "Ich bin ein schicker Lipizzaner" wohl bedeuten könnte.

Doch das wissen wahrscheinlich nicht einmal die Musiker selbst, die in einem absurden Textozean surfen, der genauso von Dada und Surrealismus geprägt ist wie von den trivialkulturellen Hervorbringungen der "Wickie, Slime und Paiper "-Epoche und dem Zauberklang des romantischen Dichters E. T. A. Hoffmann: "Willst du meine Frau werden, kauf ich uns ein Haus aus goldnem Perlmutt."

Ein besonderes Jahr

2017 ist ein besonderes Jahr für die österreichische Popszene: Zum einen hat die jüngere Musikproduktion ein sowohl kommerzielles als auch aufmerksamkeitsökonomisches All Time High erreicht. Zum anderen erinnert der seit Jahresbeginn ausgiebig gefeierte 60. Geburtstag des verstorbenen Weltstars Falco daran, dass es schon früher Epochen gab, in denen Lokalheroen nach dem Motto "Ich sprenge alle Ketten" die ansonsten gern bejammerten tristen, provinziellen Verhältnisse in Wien hinter sich ließen und zumindest den deutschsprachigen Raum musikalisch aufmischten.

Darunter die Bambis, denen mit "Melancholie" ein vielfach gecoverter Signature Song gelang, Wolfgang Ambros, nachdem er sich zeitweise in Frankfurt niedergelassen hatte, um dort das Album "Wie im Schlaf" mit eingedeutschten Bob-Dylan-Liedern aufzunehmen, und Kurt Hauenstein, dessen Hit "Love Machine" noch heute die Landdiscos im globalen Dorf verzaubert.

Akustischer Hypertext

Erinnerung und Gegenwart mischen sich zu einem Pastiche, in dem Stile zu einer Art akustischem Hypertext zusammenfließen oder so trennscharf gegeneinandergesetzt werden, dass Ecken und Kanten und immanente Widersprüche erhalten bleiben - so wie es schon Falco in seinen angekoksten deutsch-englischen Textamalgamen, die dem Wort Hysterie eine neue Stimmfärbung geben, vorgeführt hat.

Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen konstituiert eine textverliebte heimische Poptradition, die weniger von Stilbrüchen und Klangrevolutionen lebt als von der Fortschreibung einer sprachlichen Finesse, die dem Genius loci viel verdankt: Ob es sich nun um das scharfe jüdische Kabarett der Zwischenkriegszeit handelt, die Gstanzln eines Helmut Qualtinger oder den bedeutenden Gedichtband "med ana schwoazzn dintn", in dem H. C. Artmann den Dialekt durch die Avantgardelupe betrachtete und damit ein ganz neues Genre schuf, dessen Hervorbringungen in der Popmusik der darauffolgenden Jahrzehnte vielfach "gecovert" wurden.

Voodoo Jürgens

WOLFGANG BOHUSCH

Voodoo Jürgens

Das Lexikon im "Radiokolleg"

Lexikon der österreichischen Popmusik, das seit Beginn dieses Jahres regelmäßig im Rahmen der "Musikviertelstunde" des "Radiokollegs" zu hören ist, wird der Versuch unternommen, Karrieren im Kontext ihrer jeweiligen Epochen nachzuzeichnen und zu zeigen, wie individuelle Idiosynkrasie und kritische Zeitstimmung sich oft zu einem explosiven Gemisch verdichten.

Manchmal produzieren die Porträtierten des Lexikons nur Schlager für Fortgeschrittene, manchmal aber auch jenes Mehr, auf das es ankommt. Im September: Marianne Mendt, Kruder & Dorfmeister, Sigi Maron und der Newcomer Voodoo Jürgens, dessen Textzeilen schon heute das Aroma des Klassischen verströmen. Etwa in seiner Eloge auf die Stadt Tulln, in der er aufgewachsen ist: "Zwischen Zuckerbude und Kadaverfabrik, wos siaßld oda noch hinige Viecha riacht."

Service

WienMuseum - Ganz Wien. Eine Pop-Tour

Gestaltung

  • Thomas Mießgang