Zu den Aktionstagen "Politische Bildung 2007"

Wider den politischen Blues

Mehr als drei Viertel der österreichischen Jugendlichen fühlen sich von der Politik enttäuscht. Pädagogen und Soziologen fordern neue Bildungsmodelle. Denn Elternhaus und Jugendorganisation verlieren bei der politischen Sozialisation an Bedeutung.

"Sorry son, you are too young to vote", heißt es in Summertime Blues, einem Song des US-amerikanischen Rock'n'Roll - Stars Eddy Cochran aus dem Jahr 1958. Der Song erzählt über einen Jugendlichen, der erwartet, dass sich die Repräsentanten der Demokratie seiner Probleme annehmen, damit aber bereits am ersten Abgeordneten scheitert. Denn der teilt ihm zynisch mit, dass es sich nicht auszahle, ihm zu helfen, da er zu jung zum Wählen sei.

Summertime Blues beschreibt in zugespitzter Form eine Erfahrung, die viele Menschen mit der Politik machen - nämlich die, nicht ernst genommen und enttäuscht zu werden. Sinkende Wahlbeteiligungen zeigen das ebenso, wie eine aktuelle Studie des Politikwissenschaftlers Peter Filzmaier. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass sich 78 Prozent der österreichischen Jugendlichen von der Politik enttäuscht fühlen.

"Weg von Personen und Institutionenkunde"

"Politische Bildung muss neu gedacht werden", sagt dazu der Erziehungswissenschaftler Werner Wintersteiner vom Friedenszentrum der Alpen Adria Universität Klagenfurt.

Einer der Hauptkritikpunkte des Experten ist der Erlass, der in Österreich den Unterricht in Politischer Bildung regelt: Denn der ist bereits knappe dreißig Jahre alt. "Weg von der Personen- und Institutionenkunde soll es gehen, hin zur Vermittlung von Denk-, Urteils- und Handlungskompetenzen", fordert der Experte. Allerdings seien die Rahmenstrukturen dafür denkbar schlecht.

"Politische Bildung ist in Österreich kein eigenständiges Fach, sondern wird wenn, dann stets in Verbindung mit anderen Fächern gelehrt", sagt Wintersteiner. Zudem gibt es auch kein Lehramtsstudium Politische Bildung.

Lebensbedürfnisse ansprechen

"Man muss die Schüler nachhaltig auf neue Herausforderungen vorbereiten - etwa auf Globalisierung, Ressourcenknappheit oder Migration" sagt Christoph Wulf, Erziehungswissenschaftler an der Freien Universität Berlin. Und sein Fachkollege, Johannes Esser von der Universität Lüneburg ergänzt: "Umwelterziehung und Interkulturelle Bildung müssen auf den Lehrplan, ebenso wie Konfliktlösungsvermögen, Verständigungswillen, sowie Humor, Zuversicht und positives Denken in Beziehungen und in Begegnungen."

Selbstreflexion fördern, Werte relativieren

Entscheidend sei die Bereitschaft, die eigenen kulturellen Selbstverständlichkeiten zu reflektieren und eigene Wertvorstellungen zu relativieren. "Das bedeutet zugleich die Überwindung von Ethno- und Eurozentrismus - also die Aufgabe von Überlegenheitsansprüchen, die kulturell, aber auch ökonomisch-technisch begründet sein können", schreibt Georg Auernheimer vom Institut für kulturelle Pädagogik an der Universität Köln.

Die Erfahrung von Alterität, die Begegnung mit anderen Sichtweisen und Kulturen helfe dem Menschen, sich selbst zu entwickeln und seine Eigenheiten besser zu begreifen. "Das lässt sich schon mit vergleichsweise einfachen Mitteln erreichen - etwa mit Auslandssemestern", glaubt Christoph Wulf.

Mehr dazu in science.ORF.at

Hör-Tipps
Dimensionen, 23. April 2007, 19:05 Uhr

Parallel zu den Aktionstagen "Politische Bildung 2007", die bereits zum fünften Mal heuer im Auftrag des Unterrichtsministeriums an Österreichs Schulen stattfinden, widmet Ö1 dem Thema weitere Sendungen.

"Politische Bildung und Geschlechtergerechtigkeit, "Wissen aktuell, Montag, 23. April bis Freitag 27. April 2007, jeweils 13:55 Uhr,

"Der Konflikt um den öffentlichen Raum", Salzburger Nachtstudio, Mittwoch, 25. April 2007, 21:01 Uhr

"Technik im Dienst der Frauen? Zur Rationalisierung der Hausarbeit", Radiokolleg, Montag, 30. April bis Donnerstag, 3. Mai 2007, 9:30 Uhr

"Europa - verflucht begehrt", Dimensionen, Mittwoch, 2. Mai 2007, 19.05 Uhr

"Emotionen in der Politik", Dimensionen, Mittwoch, 9. Mai 2007, 19.05 Uhr

Links
Zentrum für Friedenserziehung und Friedensforschung
Grundsatzerlasse Politische Bildung (1978)