"Als Frau ist mein Land die ganze Welt"

Die britische Schriftstellerin Virginia Woolf gilt heute als eine der einflussreichsten feministischen Autorinnen des vorigen Jahrhunderts und als Pionierin der literarischen Moderne. Am 25. Jänner vor 130 Jahren wurde Virginia Woolf geboren.

Nach dem Besuch der renommierten Männeruniversität Oxford verarbeitet Virginia Woolf ihre Eindrücke in ihrem sozialkritischen Essay, "Ein Zimmer für sich allein" (1929). Sie hält fest, dass die materielle Absicherung Voraussetzung für die kulturelle Produktion ist und dass sowohl Frauen als auch die Arbeiterklasse von dieser ausgeschlossen sind.

Gegen starre Konventionen

Virginia Woolf (1882-1941) ist eine der Begründerinnen der modernen Frauenbewegung. Schon früh wendet sie sich gegen die starren Konventionen und die Geschlechterrollenverteilung des Viktorianismus auf. Sie empfindet es ihr ganzes Leben lange als großen Nachteil, als Frau keine akademische Förderung erhalten zu haben. In ihren Essays "Ein Zimmer für sich allein" und "Drei Guineen", die bis heute zu den Grundlagentexten des Feminismus' zählen, wird diese Benachteiligung zu einem ihrer größten Kritikpunkte am Patriarchat und dessen gesellschaftlichen Ausschlussmechanismen, die Frauen daran hindern, wichtige Positionen in der Gesellschaft einzunehmen.

Virginia Woolf ist eine der vielschichtigsten Autorinnen der Moderne. "Ich bin zwanzig Personen auf einmal", hat sie sich selbst beschrieben. Sie ist die große Gesellschafts- und Literaturkritikerin, die bedeutende Romanautorin, Feministin, Essayistin und Journalistin, die weltgewandte Gesellschafterin auf der einen Seite, und auf der anderen Seite quälen sie Selbstzweifel und schwere Depressionen. Nach der Fertigstellung aller ihrer großen literarischen Werke hat sie seelische Zusammenbrüche, von denen sie sich nur langsam erholt.

Unverkennbarer Sprache

Nicht nur ihre Person sondern auch ihre Sprache zeichnen etwas Unfassbares aus. Ihr Stil ist unverkennbar. Er ist immer eine Reflexion auf die Sprache selbst, die sehr poetisch und sehr bildlich ist. Virginia Woolf gilt neben James Joyce, mit dem sie Geburts- und Sterbedatum teilt, als Begründerin des modernen Bewusstseinsromans. Ganz im Gegensatz zu den Romanciers der damaligen Zeit erfährt man ihre Romanfiguren nicht durch deren Autobiografie, sondern durch die Gedankenwelt.

Was Virginia Woolf an ihren Figuren interessiert, ist das Innenleben. Am besten lässt sich das wohl an ihrem experimentellsten Roman "Die Wellen" (1931) veranschaulichen, wo sie ihre sechs Charaktere ausschließlich durch innere Monologe sprechen lässt. Beeinflusst durch die damals aufkommende Psychoanalyse geht es ihr darum, das menschliche Bewusstsein genau zu ergründen. Mit dieser neuen Erzählweise wendet sie sich von der viktorianischen Schreibweise ab.

Starre viktorianische Gesellschaft

Virginia Woolf wird am 25. Jänner 1882 in London geboren. Ihr Elternhaus ist gut bürgerlich und ganz nach den Konventionen des Viktorianismus geordnet. Das ganze Leben der Familie dreht sich um die Arbeit des Vaters, Sir Leslie Stephen. Dieser ist einer der großen Gelehrten des 19. Jahrhunderts. Er ist der Verfasser des "Dictionary of National Biography" und sprachliches Vorbild von Virginia. Schon früh erkennt er das schriftstellerische Potenzial seiner Tochter und obwohl er ihr, im Gegensatz zu ihren Brüdern, keine Schulausbildung und kein Universitätsstudium ermöglicht, unterrichtet er sie zu Hause.

Als Frau empfindet sie die geschlechtsspezifisch getrennten Sphären der viktorianischen Gesellschaft besonders einschränkend. Die aufopfernde Rolle als Engel des Hauses, so wie es ihr die Mutter vorlebt, widerstrebt ihr ganz und gar. Sie will sich nicht mit den strengen Konventionen des Viktorianismus abfinden, sondern als freier Geist eine schriftstellerische Laufbahn gehen. Virginia Woolf weiß, dass sie nur im Schreiben die scheinbar unüberwindbare Kategorie "Geschlecht" überwinden kann.

Kritische Analytikerin ihrer Zeit

Als Gesellschafts- und Literaturkritikerin ist sie eine der ersten, die Kritik an der männlich dominierten Geschichtswissenschaft übt und somit deren Objektivitätsanspruch anzweifelt. Sie ist eine kritische Analytikerin ihrer Zeit und immer darum bemüht, gesamtgesellschaftliche Zusammenhänge zu veranschaulichen. Sie erkennt, dass Menschen die Summe von kulturellen Codes sind, und dass die Kategorien männlich und weiblich nicht biologisch, sondern sozial zu begründen sind. Virginia Woolf stellt die Geschlechterfaktizität vollkommen in Frage und steht damit ganz im Gegensatz zu den wissenschaftlichen Auffassungen ihrer Zeit.

Im Heraufziehen des Zweiten Weltkrieges fällt Virginia Wolf, die sich öffentlich gegen den Faschismus positioniert, in eine schwere Depression. Am 28. März 1941 nimmt sie sich selbst das Leben. Sie ertränkt sich in einem Fluss nahe ihrem Haus in Rodmell. Mit dem Ansatz, Geschlecht als sozial konstruiert zu begreifen, entwickelt Virginia Woolf, ohne es zu ahnen, die Basis der heutigen Frauen- und Geschlechterforschung. Für die damalige Zeit scheint Virginia Woolfs kritischer Geist zu fortschrittlich gewesen zu sein. Bis heute wird sie leider oft widersprüchlich und viel zu einseitig wahrgenommen.

Service

Virginia Woolf, "Briefe 1. 1888-1927", S. Fischer Verlag

Virginia Woolf, "Das Lesebuch", S. Fischer Verlag

Hermione Lee, "Virginia Woolf. Ein Leben", S. Fischer Verlag

Wikipedia - Virginia Woolf