Konrad Paul Liessmann

ORF/JOSEPH SCHIMMER

Apropos Oper

Konrad Paul Liessmann über Oper und Philosophie

Konrad Paul Liessmann gehört zu den spitzen Zungen und scharfen Denkern des Landes. Ab März outet er sich auf Ö1 als Opernliebhaber. Jeweils am ersten Sonntag im Monat nähert er sich der großen Bühne auf ebenso philosophische wie persönliche Weise an. Auf dem Spielplan des neuen Opernführers stehen: "Don Giovanni", "Tristan und Isolde", "Otello" und "Wozzeck".

Oper und Philosophie

Bei einem Wienaufenthalt, nach Ostern 1967, besuchte der Philosoph Theodor W. Adorno eine Repertoireaufführung des "Wozzeck" an der Staatsoper – in der legendären Inszenierung von Oscar Fritz Schuh, mit Walter Berry in der Titelrolle. Das war kein Zufall. Adorno hatte in jungen Jahren bei Alban Berg Komposition studiert, seine epochale "Philosophie der neuen Musik" hätte ohne diese Begegnung nicht geschrieben werden können, sein Nachdenken über die moderne Oper ist grundiert von den Erfahrungen mit Bergs "Wozzeck".

Warum ich das erzähle?

Vollgesogen mit den Texten Adornos, über den ich meine Habilitationsschrift verfasste, sah ich in den frühen 1980er Jahren ebenfalls diesen "Wozzeck" - die Aufführung hinterließ einen bleibenden Eindruck. Und sie brachte mich dazu, immer wieder und immer intensiver über das Verhältnis von Philosophie und Oper nachzudenken.

Konrad Paul Liessmann bezieht sich in seinen Überlegungen zu Mozarts "Don Giovanni" immer wieder auf den dänischen Philosophen (und Opernliebhaber) Sören Kierkegaard.

Oper und Philosophie - passt das überhaupt zusammen?

Und wie! In der Oper werden existentielle Fragen verhandelt, die zutiefst philosophisch sind: Liebe und Hass, Verbrechen und Strafe, Macht und Widerstand, Leben und Tod. Gerade in der Sinnlichkeit des Musiktheaters, in seinem ungeheuren Anspruch, alle Künste zu vereinen, liegt ein philosophischer Impuls: der Versuch, das Weltganze zu deuten. Jede Oper gleicht einem Kosmos - in sich geschlossen und doch in lebendiger Korrespondenz mit der Wirklichkeit.

Jede große Oper enthält im Kern eine Philosophie, die zur Sprache gebracht werden kann. Mozarts "Don Giovanni" zum Beispiel wird für Sören Kierkegaard zum Ausgangspunkt und Inbegriff des Konzepts unmittelbarer, augenblickshafter, freier Sinnlichkeit. Der Verführer ist für Kierkegaard kein sexueller Gewalttäter, sondern die Personifikation einer Sehnsucht. So wenig Kierkegaards geniales Frühwerk "Entweder – Oder" ohne Mozart zu verstehen ist, so erstaunlich bleibt es für mich, wie selten die Opernregie sich von dieser Studie über das "Musikalisch-Erotische" inspirieren ließ.

Michael Blees und Konrad Paul Liessmann

Die Reihe "Oper und Philosophie" mit Konrad Paul Liessmann (re.) wird von Ö1 Opern-Redakteur Michael Blees (li.) produziert.

ORF/JOSEPH SCHIMMER

Die Dynamik menschlicher Gefühle

Irgendwann einmal las ich Adornos "Versuch über Wagner". Wie vielen jungen Menschen, die sich zu den Spätachtundsechzigern zählten, war mir dieser von den Nazis verehrte Komponist und Antisemit suspekt. Wollte ich Adornos Buch verstehen, musste ich aber Wagner hören. Ich blieb bei ihm hängen. Und bei jenem Denker, der ihm in leidenschaftlicher Hassliebe verfallen war: Friedrich Nietzsche. Meine These: Nirgendwo lässt sich über die Dynamik menschlicher Gefühle mehr lernen als im dissonanten Zusammenklang dieses umstrittenen Philosophen und des nicht minder umstrittenen Musikers. An "Tristan und Isolde" lässt sich das vielleicht am besten illustrieren.

Obwohl ich also Wagnerianer wurde, liebe ich seinen Antipoden Giuseppe Verdi.

Das absolut Böse

Am faszinierendsten finde ich Verdis "Otello". Und das nicht nur wegen der musikalischen Gewalt, mit der die Oper einsetzt, nicht nur wegen der Intensität, mit der alle Facetten der Eifersucht gezeichnet werden, sondern auch, ja vor allem, weil "Otello" eine musikalische Auseinandersetzung mit einem der großen Rätsel der Religion und Philosophie ist: Wie kommt das Böse in die Welt? In meiner philosophischen Deutung avanciert Jago, der Intrigant, zur eigentlichen Hauptfigur dieser Tragödie. Ihn treibt nur ein Motiv: die Lust an der Zerstörung. Die reine Destruktivität aber ist das Kennzeichen des absolut Bösen.

Denken schärft das Gehör

Auch für mich wurde die Oper zu einer Inspirationsquelle philosophischer Arbeit. Umgekehrt, so hoffe ich zumindest, schärft der philosophische Blick auf das Musiktheater das Gehör. Dabei geht es mir nicht in erster Linie um Stars am Pult, Regieeinfälle oder große Stimmen auf der Bühne, sondern um die Wahrheit der Emotionen, um die Offenbarungen der Musik, um Erschütterungen, die der Reflexion bedürfen. Das mag ein ungewohnter Zugang zu dieser Gattung sein. Doch einen Versuch ist es auf jeden Fall wert.

Service

Am Sonntag, den 1. März steht Wolfgang Amadeus Mozarts "Don Giovanni" im Mittelpunkt der Ö1 Reihe "Oper und Philosophie" (15.05 Uhr), in den weiteren Folgen Richard Wagners "Tristan und Isolde" (5.4.), Giuseppe Verdis "Otello" (3.5.) und Alban Bergs "Wozzeck" (7.6.). Produziert wird die Reihe vom Leiter der Ö1 Opern-Redaktion, Michael Blees.

"Denken und Leben I, III und IV", Annäherung an die Philosophie in biographischen Skizzen, von Konrad Paul Liessmann, ORF CDs Nr.: 624, 640 und 719. Vol. II ist leider bereits vergriffen.