Julius Wagner-Jauregg

Selbst mehr als 60 Jahre nach seinem Tod ist umstritten, wie nahe der österreichische Psychiater Julius Wagner-Jauregg dem NS-Gedankengut stand. Neue Forschungsergebnisse bringen nun weitere Schattenseiten des Mediziners ans Licht.

Seit einigen Jahren werden im Zuge der Diskussion um Wiener Ehrengräber aus der Zeit des Nationalsozialismus Julius Wagner-Jaureggs Leben und Werk neu erforscht. In einem vom Land Oberösterreich in Auftrag gegebenen und 2005 abgeschlossenen Gutachten wird Julius Wagner-Jauregg, Medizin-Nobelpreisträger von 1927, als "gesellschaftspolitisch konservativ und dem nationalen Lager nahe stehend" beschrieben. Als "historisch belastet" wird er nicht eingestuft.

Zu Ergebnissen, die Julius Wagner-Jauregg alles andere als entlasten, kommen nun das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands und das Wiener Institut für die Geschichte der Medizin. Sie erforschten die bis dahin außer Acht gelassenen Quellen.

Mitglied einer schlagenden Verbindung

Unter anderem kam so die politische Sozialisation Julius Wagner-Jaureggs in einer deutschnationalen Burschenschaft zu Tage. Den Ghibellinen - heute Universitäts-Sängerschaft Barden zu Wien genannt - trat Wagner-Jauregg als Student bei.

"In einer Zeit, als Juden in den österreichischen schlagenden Verbindung nicht mehr aufgenommen wurden und ihnen auch das Recht aufs Duellieren abgesprochen wurde", sagt Peter Schwarz vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes.

Ein konstituierendes Moment der gesamten nationalen Studentenbewegung in Österreich sei außerdem der Rassenantisemitismus gewesen: "Antisemitische Kundgebungen, Proteste gegen die Berufung jüdischer Professoren, tätliche Angriffe auf jüdische Studierende zählten in der Monarchie und in der 1. Republik zur gängigen Praxis", so Schwarz. Hier gelte es, zusätzliche Nachforschungen anzustellen. Vor allem darüber, wie sich Julius Wagner-Jauregg im stark antisemitisch geprägten, universitären Milieu der Zwischenkriegszeit verhalten hat.

Mitglied der Großdeutschen Volkspartei

Ein weiteres Indiz für die antisemitische Gesinnung Julius Wagner-Jaureggs ist seine Mitgliedschaft in der 1920 gegründeten Großdeutschen Volkspartei, kurz GDVP, urteilt Schwarz. "Ziel der GDVP war es, so heißt es im Parteiprogramm: 'Den schädlichen jüdischen Einfluss auf Kultur, Wirtschaft und öffentliches Leben zu verringern und die jüdische Denkungsart im deutschen Volk zum Verschwinden zu bringen'."

Ansuchen um NSDAP-Mitgliedschaft

Im April 1940, im Alter von 83 Jahren, setzt Julius Wagner-Jauregg seine Unterschrift unter einen Antrag auf Mitgliedschaft in der NSDAP. Im September stirbt Wagner-Jauregg, seine Mitgliedschaft wird erst nach seinem Tod abgelehnt. Der Grunde: Wagner-Jaureggs erste Frau war Jüdin. Rein rechtlich gesehen, kommt die NSDAP-"Parteinanwartschaft", so der NS-Jargon, einer Mitgliedschaft allerdings nahezu gleich.

Der Historiker Wolfgang Neugebauer, langjähriger Leiter des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes (DÖW) sagt dazu: "Man musste bereits den Mitgliedsbeitrag bezahlen und konnte das Nazi-Parteiabzeichen tragen." Entscheidend sei allerdings die inhaltliche Frage, so Neugebauer: "Nämlich, dass sich Julius Wagner-Jauregg mit seiner NSDAP-Anwartschaft als Nationalsozialist deklariert hat und damit die inhumane massenmörderische Politik des Nazi-Regimes in Europa mit abdeckte."

"Gereinigte" Erinnerungen

Für einen Nobelpreisträger hat Julius Wagner-Jauregg erstaunlich wenig persönliche Korrespondenz hinterlassen. Seine Lebenserinnerungen wurden posthum in den 1950er Jahren veröffentlicht. Allerdings in gereinigter Form.

Denn im Originalmanuskript stießen die Historiker des DÖW auf weitere Indizien dafür, dass Wagner-Jauregg wohl nicht nur "politisch konservativ" war. "Die Forschungen zu den antisemitischen Äußerungen, die darin getätigt werden, sind noch nicht abgeschlossen", sagt Neugebauer. Er verweist darauf, dass sich das Institut für die Geschichte der Medizin der Medizinischen Universität Wien um einen Forschungsauftrag dazu bemüht.

Zweifelhafte Ansichten auch in medizinischen Schriften

Erforscht werden am Wiener Institut für die Geschichte der Medizin bereits die wissenschaftlichen Publikationen des Mediziners. Als Vorsitzender des Österreichischen Bundes für Volksaufartung und Erbkunde gilt er als Pionier der österreichischen Eugenik. Diese definierte Wagner-Jauregg als das "Bestreben die menschliche Rasse zu verbessern". Er wollte 1929 die Fortpflanzung von Menschen mit "minderwertigem Erbgut" durch eine entsprechende Gesetzesinitiative einschränken.

"Als Menschen mit minderwertigem Erbgut bezeichnete Wagner-Jauregg psychisch kranke Menschen solche, die gegen das Gesetz verstoßen haben. Er stellte damit Verbrecher und Patienten auf eine Ebene", sagt Thomas Mayer, Projektmitarbeiter am Institut für die Geschichte der Medizin.

Der Eugeniker Wagner-Jauregg war stark national - also rassenhygienisch - ausgerichtet. Seine eugenischen Bestrebungen wollte er auf das "deutsche Volk" konzentrieren und "positive Erbanlagen"speziell fördern. "Über diese verfügte seiner Meinung nach die geistige und gesellschaftliche Elite des Landes, zu der er sich selbst dazu zählte", so Mayer. Noch ein Gedanke, mit dem Wagner-Jauregg dem Nationalsozialismus mehr als nur nahe kommt.

Download-Tipp
Ö1 Club-DownloadabonnentInnen können die Sendung "Dimensionen-Magazin" vom Freitag, 11. November 2006, 19:05 Uhr zum Thema Wagner-Jauregg nach der Ausstrahlung 30 Tage lang im Download-Bereich herunterladen.

Buch-Tipp
Wolfgang Neugebauer und Peter Schwarz, "Nobelpreisträger im Zwielicht. Zur historisch-politischen Beurteilung von Julius Wagner Jauregg (1857 - 1940)", Jahrbuch 2006, Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, Lit Verlag

Links
Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes
Institut für Geschichte der Medizin