Was türkische Autorinnen erzählen
Mehr als Kinder, Kirche, Küche
Das Schwierigste an der Literatur von türkischen Autorinnen ist das Buchstabieren der Namen. Hat man dieses Problem irgendwie gelöst - richtig aussprechen müssen die Namen ohnehin nur die im Rundfunk - dann merkt man: Da schreiben faszinierende Frauen!
8. April 2017, 21:58
In der Türkei trifft man immer wieder auf Kemal Atatürk und seine Visionen von einer modernen Türkei. Dass die türkischen Frauen keinen Schleier tragen müssen, wurde als Beginn einer staatlich verordneten Gleichberechtigung der Geschlechter verstanden und ermöglichte vielen Frauen, sich beruflich zu verwirklichen. Vorausgesetzt, die finanziellen Verhältnisse waren so, dass die Tochter eine Höhere Schule besuchen und in der Folge dann einen Beruf ergreifen konnte. Nur wenige Frauen aus den ländlichen Gebieten oder den armen Schichten schafften den Sprung zum Erfolg.
Latife Tekin
Eine von ihnen ist Latife Tekin. Sie wurde 1957 in Mittelanatolien geboren. Als sie sechs war, beschlossen ihre Eltern, nach Istanbul zu ziehen. Sie besetzten ein Stückchen Erde vor der Stadt und errichteten über Nacht - wie viele andere Familien auch - ein Etwas, in dem man wohnen konnte.
Gecekondu, "über Nacht errichtet", heißen diese Horrorvisionen aller Stadtplaner, denn einem alten Recht aus osmanischen Zeiten folgend dürfen die Behörden gegen solche Siedlungen nicht vorgehen. Wen wundert es, dass Latife Tekins zweiter Roman, mit dem sie weit über die Grenzen der Türkei hinaus berühmt wurde, das Leben in einer solchen Gecekondu-Siedlung beschreibt, die auf einer Abfallhalde, einem "Honigberg", entstanden ist?
Füruzan
Füruzan, 1935 in Istanbul geboren, verlor als junges Mädchen ihren Vater und hatte daher keine Möglichkeit, die Schule zu beenden. Und dennoch gehört sie heute zu den profiliertesten Autorinnen der Türkei. In ihren Geschichten kommen Frauen zu Wort, über die verfügt wird. Eine Bauerntochter, die als Magd in die Stadt verkauft wird, um der Familie das Überleben zu sichern. Eine Prostituierte, die vom Regen in die Traufe kommt, als ein Fernfahrer sie aus den unwürdigen Verhältnissen "erlöst". Eine Beamtengattin, die ob ihres unerfüllten Lebens und ihrer unerfüllbaren Wünsche den Boden unter ihren Füßen verliert.
Leyla Erbil
Nur wenig älter ist die Grande Dame der türkischen Literatur, Leyla Erbil, 1931 in Istanbul geboren. Sie konnte das Gymnasium und die Universität besuchen und erhielt von ihrem sehr aufgeschlossenen und gebildeten Vater breites Wissen über die klassische türkische Musik und Poesie - was in ihren Erzählungen und vor allem ihrem Roman "Eine seltsame Frau" deutlich zutage tritt: Immer wieder verwendet sie alte osmanische Begriffe und auch Worte aus verschiedenen Dialekten.
In diesem Roman erzählt sie auf sehr ungewöhnliche Weise vom Leben der Studentin Nermi und ihrer Suche nach sich selbst - was bei seinem Erscheinen einen wahren Skandal entfachte. Sie ließ sich nicht davon einschüchtern. Den jungen Leuten rät sie in einem Interview aus dem Jahr 2004: "Hinsetzen und den Kopf hängen lassen bringt nichts. Es gibt doch so etwas wie Rebellion und Freiheit. An sich arbeiten, sich zum Menschen entwickeln, ein Individuum werden, das ist wichtig!" Und quasi als Motto für sich selbst gilt: "Der Mensch ist ein komisches Wesen."
Bunte Literaturszene
Das allerdings liest man auch aus dem Sammelband "Liebe, Lügen und Gespenster", in dem 14 Autoren und fünf Autorinnen mit Arbeiten der allerjüngsten Vergangenheit vorgestellt werden. Und man staunt, wie bunt die Szene ist, trotz des politisch schärferen Klimas, das sich in der Türkei der letzten Jahre bemerkbar macht!
Hör-Tipp
Terra incognita, Donnerstag, 12. Oktober 2006, 11:40 Uhr
Buch-Tipps
Latife Tekin, "Der Honigberg", Verlag Am Galgenberg, ISBN 3925387331
Füruzan, "Frau ohne Schleier. Türkische Erzählungen", Dtv, ISBN 3423111917
Lealy Erbil, "Eine seltsame Frau" Türkische Bibliothek im Unionsverlag, ISBN 3293100015
Börte Sagaster (Hg.), "Liebe, Lügen und Gespenster. Erzählungen", Türkische Bibliothek im Unionsverlag, ISBN 3293100066
Links
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