Ein wildes Leben

Du musst hier nicht leben

Natasha Radojcic lebt als Literaturprofessorin und gefeierte Autorin in New York. Ein Grund für ihren Ruhm sind ihre eben auch auf Deutsch erschienenen Memoiren in Romanform. "Du musst hier nicht leben" erzählt von ihrem Leben gegen alle Konventionen.

Sie war jung, schön und wild und passte so gar nicht in das strenge Gefüge einer jugoslawischen Großfamilie. Zuhause, das ist für Sascha eine in strenge gesellschaftliche Normen gefügte Großfamilie in Belgrad Ende der 1970er Jahre.

Ihre Schwester lebt in einer Heilanstalt für geistig Behinderte, ihre wunderschöne Mutter, nach deren Zuneigung sie sich ihr Leben lang sehnt, kämpft gegen den Krebs, und ihr Vater, der "Zigeuner", ist längst über alle Berge. Ein einsames Mädchen, das nichts zu verlieren hat, rebelliert gegen alles und jeden. Jede Handlung wird zum verzweifelten Ausbruch aus dem verkarsteten, tugendhaften kommunistisch regulierten Alltag.

Durst nach Leben

Ich hatte einfach Durst, einen Durst, der immer da war. Lange bevor ich mit dem Trinken und Heroin aufhörte, sogar lange bevor ich damit anfing. Der Durst heftete sich an mich, änderte mich. Ich wurde Durst, und die Männer wussten das.

Ihr erster Fluchtversuch endet in den Armen eines Polizisten. Die Schande ist groß und Sascha wird zu einem Onkel nach Kuba gebracht. Als sie dort eine Affäre mit einem Bediensteten beginnt, ist der Skandal noch größer. Wohin mit dem schwarzen Schaf der Familie? Sascha landet bei ihrer Großmutter in den bosnischen Bergen. Doch auch hier tut sie alles, um ihren Durst nach Leben zu stillen: Diebstahl, Drogen, Sex. Nächste Station: Athen. Der Vater soll sich um das verlorene Kind kümmern. Doch die erste wirkliche Liebe ihres Lebens erfährt sie von einer Frau:

Len Olivia Fallon. Mein schwarzhaariger Himmel. Ich will, dass sie mich mag. Ich will, dass sie mich an die Orte mitnimmt, die sie manchmal erwähnt. Die richtigen Orte. Ich muss mir das Privileg verdienen. Ich bin entschlossen. Was auch immer sie will, ich werde es tun. Ich werde tragen, was sie mir sagt, tanzen, wie sie sagt. Ich werde mutig sein. Ich liebe sie.

Radikale Erzählung eines radikalen Lebens

Natasha Radojcics Stil ist einfach, präzise, kompromisslos und doch auch poetisch. Es ist die radikale Erzählung eines radikalen Lebens. Kommentare oder Reflexionen ihrer Handlungen haben da keinen Platz. Das würde sie nur stoppen auf ihrem ungestümen Weg, auf dem es keine Tabus zu geben scheint. Berührend und beklemmend werden die zumeist schmerzlichen Erfahrungen des einsamen Teenagers auf schonungslose, unsentimentale und überaus spannende Art vermittelt.

Vom traurigen Alltag Belgrads, über die Ausschweifungen in Athen bis zum drogenverseuchten East Village in New York: an den Schauplatz- und Milieustudien kann man dabei ebenso Gefallen finden, wie an den unerschrockenen Taten der außergewöhnlichen Heldin. Eine Frau, die immer tiefer abstürzt, die dennoch stark bleibt und die Liebe, die sie nie erfährt, erzwingen will.

"Fühlst du dich nicht schuldig, dass du deine Frau betrügst?", frage ich.
"Das ist aus deinem Mund eine lustige Frage."
"Warum?"
"Weil ich sie mit dir betrüge."
"Aber ich betrüge nicht."
"Du bist ein merkwürdiges Mädchen."
"Ich werde gut sein. Ich werde so gut sein, dass du die ganze Zeit mit mir sein möchtest. Du wirst deine Frau verlassen wollen und dein Kind und alles tun wollen für die kleine süße Unbekannte von nirgendwo."

"Das Buch der Woche" ist eine Aktion von Ö1 und Die Presse.

Hör-Tipps
Kulturjournal, Freitag, 28. Juli 2006, 16:30 Uhr

Ex libris, Sonntag, 30. juli 2006, 18:15 Uhr

Mehr dazu in Ö1 Programm

Download-Tipp
Ö1 Club-DownloadabonenntInnen können die Sendung "Ex libris" nach der Ausstrahlung 30 Tage lang im Download-Bereich herunterladen.

Buch-Tipp
Natasha Radojcic, "Du musst hier nicht leben", aus dem Amerikanischen übersetzt von Friederike Meltendorf, Berlin Verlag, ISBN 3827006317