Privatschulen in Österreich

So genannte "Freie Schulen" stellen für viele Schüler und Eltern eine Alternative zum staatlichen Schulsystem dar: mit kleineren Klassen, individueller Förderung und motivierteren Lehrern. Doch die Kosten sind beträchtlich.

Pro- und Contra-Statements über die derzeitige Situation

Vor dem Hintergrund einer alternden Bevölkerung hat die EU die Bildungsministerien ihrer Mitgliedstaaten aufgefordert, lebenslanges Lernen durch Initiativen zu fördern. Doch die Lust am Lernen ist vielen Menschen vergangen. Ein straff organisiertes Schulsystem, das kindgerechter Pädagogik wenig Raum lässt, hat viele Menschen mit Schulangst ins Berufsleben entlassen.

Um die eigenen negativen Schul-Erfahrungen nicht nochmals vorgeführt zu bekommen, entschließen sich daher manche Eltern, die eigenen Kinder in so genannte "Freie Schulen" zu schicken. Ihre Hoffnung, dass hier engagierte Lehrer auf die individuellen Bedürfnisse der Kinder eingehen, wird in vielen Fällen bestätigt.

Der Preis der Freiheit

4.000 Schülerinnen und Schüler in Österreich besuchen so genannte "Freie Schulen“. Doch diese Schulen haben ihren Preis. Denn vom Staat erhalten sie keine oder nur wenig finanzielle Unterstützung.

Die Eltern müssen Schulgeld bezahlen, und sie werden zur Mitarbeit herangezogen. Die Pädagogen verdienen nur die Hälfte des Gehalts der Staatslehrer. Denn vom Bund und den Ländern erhalten die Schulen in Freier Trägerschaft maximal zehn Prozent des aufgewendeten Budgets. Und mit den geburtenschwachen Jahrgängen wächst auch der ökonomische Druck.

Lust am Lernen

Der Unterricht an den "Freien Schulen" folgt den Lehrplan-Richtlinien der staatlichen Institute, doch in der didaktischen und pädagogischen Vermittlung haben die "freien“ Lehrer andere Wege eingeschlagen. Diese können sehr unterschiedlich sein. Ob Montessori, Waldorf oder Pestalozzi - im Zentrum der reformpädagogischen Ansätze steht der Wunsch nach einer kindgerechten Pädagogik.

Die Lust am Lernen zu erhalten - das ist ein gemeinsames Ziel der unterschiedlichen "Freien Schulen". Gemeinsam sind ihnen auch die vielfältigen Lernmaterialen zum Anfassen und Begreifen, ein Zeitmanagement, das sich den Kindern anpasst - und nicht umgekehrt, - und Themenschwerpunkte, die über Wochen erarbeitet werden.

Von PISA evaluiert

Das Vorurteil, dass Kinder in "Freien Schulen" weniger lernen, lässt sich nicht bestätigen. Die Leistungen dieser Kinder und Jugendlichen stehen denen in öffentlichen Schulen an nichts nach.

PISA-Österreich hat in PISA 2000 und PISA 2003 die zehn österreichischen Waldorfschulen evaluiert. Fazit: Die Leistungen der Waldorfschüler bewegen sich im guten österreichischen Mittelfeld.

Lehrplan entspricht öffentlichen Schulrichtlinien

Die meisten Schulen in freier Trägerschaft unterrichten Kinder von der ersten bis zur neunten Schulstufe. Diese Kinder unterliegen der Schulpflicht. Darum werden diese Schulen auch von der zuständigen Schulbehörde kontrolliert.

An neu gegründeten "Freien Schulen" müssen die Kinder jährlich eine so genannte Externistenprüfung ablegen. Das heißt: Sie werden an einer öffentlichen Schule über den Lernstoff des vergangenen Jahres befragt. Ist der Landesschulinspektor schließlich davon überzeugt, dass die Leistungen der Schüler über einen längeren Beobachtungszeitraum hin - durchschnittlich sind es acht bis zehn Jahre - den Ansprüchen des öffentlichen Lehrplans entsprechen, erhält diese "Freie Schule" dann das so genannte "Öffentlichkeitsrecht“. Externistenprüfungen sind nicht mehr verpflichtend. Zeugnisse, die von "Freien Schulen" mit Öffentlichkeitsrecht ausgestellt werden, sind anerkannt.

Eltern zahlen doppelt

"Die rechtlichen Grundlagen in Österreich sind gut“, sagt Eva Becker, Vertreterin der österreichischen Ländergruppe des European Forum of Free Education: "Finanziell ist die Situation allerdings katastrophal. 90 Prozent dieser Kinder sind Pflichtschüler, doch der Staat nimmt hier seine Verantwortung nicht wahr. Die Eltern zahlen doppelt, mit ihren Steuern finanzieren sie die öffentlichen Schulen - und privat zahlen sie das Schulgeld für ihre Kinder“.

Besonders aufgebracht sind die Vertreter der "Freien Schulen" darüber, dass bei konfessionellen Privatschulen in Österreich der Staat rund 80 Prozent der Schulkosten übernimmt. Nicht konfessionelle "Freien Schulen" bekommen maximal zehn Prozent der Schulkosten ersetzt. Der zuständige Sektionschef Wolfgang Stelzmüller vom Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur sieht darin aber keine Ungerechtigkeit.

EFFE-Österreich

Die Vertreter von EFFE-Österreich - einer Teilorganisation von EFFE-International, die sich für das in der UNO-Menschenrechtsdeklaration niedergelegte "Menschenrecht auf auf Bildungsfreiheit" einsetzt - lehnen es ab, die staatlich geprüften Lehrer von Schulen in freier Trägerschaft nach dem Vorbild der konfessionellen Schulen anzustellen.

EFFE-Österreich ist die Vertretung der nichtkonfessionellen Schulen in freier Trägerschaft in Österreich. Ihre ablehnende Haltung begründen sie damit, dass, obwohl rund die Hälfte der Lehrer an den "Freien Schulen" eine Doppelqualifikation aufweisen - das heißt: staatlich geprüft sind und zusätzlich die Waldorf- oder Montessori-Pädagogik studiert haben -, dass diese Strategie des Ministeriums die Lehrergemeinschaft spalten würde. Denn die restlichen 50 Prozent der Lehrer kämen nicht in den Genuss der Förderung, da diese ausschließlich personengebunden ist.

Der Wunsch der "Freien Schulen" wäre es, einen Pauschalbetrag zur Verfügung gestellt zu bekommen. Doch hier ist keine Einigung in Sicht.

Kostengünstiger als staatliche Schulen

Der finanzielle Druck auf die Privatschulen ist groß. Das Ministerium selbst sieht sich hingegen als sehr großzügig. Denn die ursprüngliche Förderung von Waldorfschülern, die EUR 330 pro Jahr und Kind betrug, wurde auf EUR 550 erhöht. Diese Summe deckt rund fünf Prozent der real anfallenden Schulkosten.

Ein Detail am Rande: Die EUR 4.500 jährlich, die ein Kind durchschnittlich an einer "Freien Schule" kostet, stehen laut OECD-Erhebung 8.500 kaufkraftbereinigten US-Dollar (umgerechnt etwa EUR 6.800) gegenüber, die von Bund und Land für einen 15-Jährigen an einer öffentlichen Schule aufgewendet werden. Der Grund dafür liegt bei den niedrigen Lehrergehältern und dem geringen Verwaltungsaufwand der "Freien“.

Das Recht auf freie Wahl

Der Standpunkt des Ministeriums, dass sich die Schulen in Freier Trägerschaft dem Organisationssystem der staatlichen Schulen anpassen sollten, widerspricht der Autonomie - und dem pädagogischen Konzept der "Freien".

Die Pflichten - nämlich Schüler gemäß den österreichischen Bildungsstandards zu unterrichten, und zwar mit kindgerechter Pädagogik - haben die "Freien“ übernommen. Die Diskussion um ihre Rechte muss noch geführt werden. Denn das Recht auf freie Wahl der Bildung ist ein Menschenrecht.

Hör-Tipp
Journal-Panorama, Montag, 26. Juni 2006, 18:25 Uhr

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Links
AustriA-WWW - Privatschulen in Österreich
Arbeitsmarktservice - Bildungslinks
EFFE - Österreich