Der Schopf des Philosophen - Teil 2

Ronaldos Frisur

Beckham lag, als die Mannschaften Deutschlands und Brasiliens im Stadion von Yokohama aufliefen, auf dem Sofa, das Phillipe Starck nach Entwürfen von Beckhams Frau maßgefertigt hatte. Er spielte missmutig mit der Fernbedienung für den Flachbildschirm.

Backham spielte missmutig mit der Fernbedienung für den Flachbildschirm, der über den offenen Kamin an die Wand geschraubt war. Ausgerechnet die deutschen Landser. Die Brasilianer könnte er ja noch ertragen...obwohl: wenn er diesen Rivaldo mit seinen Balletttänzerinnen-Pirouetten nur ansah, dann erwachte schon das tiefe Bedürfnis, ihm die Schienbeine abzutreten. Und erst dieser Roberto Carlos. Benahm sich nicht nur wie eine Schwuchtel. Sah auch wie eine aus.

Beckham warf den Kopf in den Nacken und beschloss, im Zweifelsfall doch zu den Deutschen zu halten, auch wenn ihm beim Anblick von deren Tormann Oliver Kahn regelrecht übel wurde. Wie konnte man bloß so teutonisch aussehen - hatte der Kerl keinen Spiegel zuhause? Kahn erinnerte Beckham an die britischen Kicker aus den siebziger Jahren, die ihre Unterhosen eine Woche lang trugen und sich die Haare zweimal im Jahr von ihrer Freundin schneiden ließen - die Liga ließ sich damals einteilen in Profis, die sich eine Friseuse geangelt hatten, und die anderen. Die sahen aus wie Oliver Kahn mit Alkoholproblem.

Die Bildregie switchte von den Mannschaftsaufstellungen ins Publikum und sortierte im vollen Stadion hüpfende Brasilianer, dickhalsige Deutsche und jede Menge Japaner, die artfremde Frisuren trugen: einen zum Irokesen aufgegelten Kopf, der aussah wie die Rückenflosse eines Kugelfisches.

Beckham lächelte indifferent. Es war nicht zu unterscheiden, ob er sich geschmeichelt fühlte oder ob ihm die ganze Chose peinlich war. Die Frisur jedenfalls, die sich zehntausende seiner Fans nachbauen ließen, hatte er noch vor dem Ende der WM gegen eine schmucklose Stoppelglatze eingetauscht.

Er strich sich mit den Fingerkuppen über den Kopf. Das Bürsten der kaum einen Millimeter langen Haare fühlte sich gut an. Wenn es nach ihm ginge, dachte Beckham, käme er mit diesem einen Look spielend durch. Auch die Vorstellung, mit einer völlig normalen Levis 501 und einem weißen T-Shirt, wie er es jetzt gerade trug, auf die Straße gehen zu können, schickte ihm einen Schauer Sehnsucht nach Normalität in die Bauchgegend. Aber dann fiel sein Blick auf Ronaldo.

Die Wahrheit lag in der Mitte. Einerseits wollte Ronaldo tatsächlich, dass ihm seine Assistentin eine Frisur in Form eines "R" verpasste, "R" wie "Ronaldissimo", aber dann - kopfschüttelnd hatte sie die Arbeit mit dem elektrischen Haarschneidegerät bereits begonnen - fiel ihm ein, dass ein nacktes "R" auch bloß als "Ronaldo" gelesen werden konnte oder - Einschaltquote zwei Milliarden! - als "Rivaldo", diese Pirouetten drehende Balletttänzerin auf der anderen Stürmer-Position im brasilianischen Team, und das war der Moment, bei aller Freundschaft, als Ronaldo seiner Assistentin befahl: "Weg mit dem R!"
"Aber dann bleibt nichts mehr übrig vom Knalleffekt."
"Dann lass eben stehen, was noch da ist."

Die Assistentin schaute Ronaldo entgeistert an. Sein Kopf war zum größten Teil kahl geschoren, nur der Haaransatz über der Stirn war stehen geblieben. Die Haarinsel beschrieb ein Dreieck, aus dem Ronaldos Assistentin mit einiger Kunstfertigkeit ein R geschnitzt hätte - vielleicht...

Der Stürmer stand auf, fegte die auf seinen Schultern geflockten Haarreste zu Boden und betrachtete sich im Zimmerspiegel. Dann setzte er sich wieder und winkte seine Assistentin zu sich. Er verpasste ihr einen Kuss auf die Wange und sagte: "Perfekt."

Beckham war ernsthaft erschrocken. Ronaldo sah aus, als hätte er eine gröbere Kopfoperation hinter sich. Die gesamte Hymne der Brasilianer lief vom Band, bis Beckham begriff, dass er gerade im Begriff war, die letzte, die endgültige Niederlage bei dieser WM einzustecken: Ronaldo war drauf und dran, ihm die Hegemonie auf dem Frisurenmarkt streitig zu machen.

Beckham fühlte, wie bitterer Ärger in ihm aufstieg. Ein Tor von Ronaldo, und ganz Südamerika liefe morgen mit dessen Idiotenfrisur herum. Was für ein Machtbeweis. Was für ein Schub für die Ronaldo-Aktie. Was für ein Arschloch.

Beckham ließ sich auf sein Starck-Sofa fallen und schickte seiner Frau ein SMS. "Vic! Beide Daumen für die Deutschen halten!!! Love Dave". Dann schüttelte er den Kopf wie einer jener Halbpromis, die ihren Kopf fürs Fernsehen in einen Käfig voller Kakerlaken stecken müssen, und sagte leise, aber vernehmlich: "Come on, Oliver. Zeigt den Sambas, wo Gott wohnt."

Brasilien gewann gegen Deutschland durch zwei Tore von Ronaldo 2:0. Dem bis dahin eine fehlerfreie WM spielenden Oliver Kahn passierte ein katastrophaler Fehler, der dem 1:0 ursächlich voranging. Am Tag nach dem Spiel trugen junge und alte Fans in ganz Südamerika Ronaldos Frisur. Seit 2003 spielen Ronaldo und Beckham gemeinsam für Real Madrid.

Dieser Text entstammt einer Kooperation mit "Anstoss", der Zeitschrift des Kunst- und Kulturprogramms zur FIFA WM 2006; ein Projekt von André Heller.

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