Das Fest der Feste auf der Azoreninsel Terceira
Pfingsten in wärmeren Gefilden
Zu Pfingsten, wenn die Festa do Espírito Santo gefeiert wird, werden die Heilig-Geist-Kapellen auf Terceira geschmückt und stehen im Mittelpunkt der Feierlichkeiten. Einem alten Brauch zufolge darf ein normaler Bürger während des Festes Kaiser sein.
8. April 2017, 21:58
Die kleinen weißen oder buntbemalten "Impérios", die Heilig-Geist-Kapellen, fallen überall auf Terceira auf. Ihren Giebel zieren meist die drei Symbole Taube, Zepter und Krone. Diese drei Symbole sind das Sinnbild für den Heiligen Geist, Espírito Santo.
Im Inneren wird eine Silberkrone im Altar aufbewahrt. Die ersten Impérios waren nur schlichte Holzhütten, im Laufe der Zeit aber wurden sie immer massiver gebaut. Manchmal sieht man noch am Land die Reste von zerstörten Heilig-Geist-Kapellen, die Erdbeben zum Opfer gefallen sind. Das Jahr über bleibt der Império geschlossen, nur einmal, zu Pfingsten, öffnet man seine Türen.
Die Wurzeln des Heilig-Geist-Festes reichen bis ins Mittelalter zurück. Und auch nach Spanien, Deutschland, Österreich und Frankreich. Ursprünglich wurde mit dem Fest Armen und Kranken geholfen.
Lange Tradition
1296 führte Königin Isabel de Aragon diese Tradition in Portugal ein. Um 1300 entstand der Brauch, einem Bauern einen Tag lang eine Kaiserkrone aufzusetzen. Mit den ersten Siedlern und den Franziskanern kam die Festa do Espírito Santo dann auch auf die Azoren. Jede Insel hat dabei im Laufe der Jahrhunderte eigene Ausdrucksformen entwickelt, überall aber besteht der Brauch, dass anlässlich des Heilig-Geist-Festes ein ganz normaler Bürger einen Tag lang die Kaiserkrone tragen darf. Allerdings hat bringt diese Ehre auch Pflichten mit sich: der "Imperador", der Kaiser auf Zeit, verpflichtet sich nämlich, das ganze Dorf zu einem herzhaften Mahl einzuladen.
Es ist eine große Ehre die Kaiserkrone zu tragen. Jeder möchte dies einmal in seinem Leben tun; auch um sich für eine positive Wendung in seinem Schicksal zu bedanken. In den so genanten Heilig-Geist-Bruderschaften kann man sich bewerben, die Entscheidung, wer Imperador wir, fällt letztlich durch das Los. Im Haus des aktuellen Imperador wird dann ein Altar aufgebaut und der Weg zur Heilig-Geist-Kapelle ist geschmückt mit Girlanden bunter Blumen und Fahnen.
Alle sind eingeladen
Schon am Tag vor der Grande Coroacao, der Kaierkrönung, verteilt der künftige Kaiser Essen an die Armen. Außerdem geht er mit den Insignien seiner Macht auf Zeit - mit Zepter und Krone - durch die Straßen und sammelt Spenden. Am Pfingstsamstag werden lange Tafeln auf der Straße aufgebaut, die Frauen backen und braten, die Musik spielt auf. Jeder, der des Weges kommt, darf sich der Gastfreundschaft der Bewohner Terceiras gewiss sein. Man wird zum Essen eingeladen oder bekommt das süße Festtagsbrot Massa Sovada geschenkt. Zufällig vorbeikommende Touristen sind davon nicht ausgenommen.
Die Blechblas-Combo des Ortes spielt auf, mit ein paar Handgriffen haben die Männer die Tische am Straßenrand aufgestellt, die Frauen werfen weiße Tischtücher darauf und ein paar Blumen. Dann werden gebratenes Schweinefleisch, Speck, Würste und der traditionellen Vinho de Cheiro gereicht.
Dann nehmen vier Männer Aufstellung: Dem "Imperador" zu Ehren bringen sie ihre Lieder dar. Begleitet werden Sie von Kindern, die Gitarre spielen. Die vier Männer unterschiedlichen Alters lassen sich von den Ereignissen des Tages inspirieren und singen vom Espírito Santo ebenso wie über die Vorzüge des "Imperadors" und aktuelle Themen.
Großer Umzug
Dann zieht die ganze Festgemeinde entlang der flatternden Girlanden durch das Dorf von Império zu Império. Dort wird jeweils Station gemacht, gesungen, gespielt, gegessen und Brotlaibe verteilt. Abends treffen sich alle am Dorfplatz zum Tanz.
Eingerahmt von Samtbändern und gefolgt von der örtlichen Blasmusik, von der Filarmonica schreitet der Kaiser mit seinem Gefolge durch die Straßen der Gemeinde zur Kirche. Während die Messe gelesen wird und die Kaiserkrönung stattfindet, rüsten sich die fleißigen Helfer des Imperador für das letzte große Festmahl: In einem Festzelt im Schatten eines alten, vom Erdbeben zerstörten Impérios, werden lange Tischreihen gedeckt. Das Geschirr und Besteck für mehrere hundert Leute, sowie der Tischschmuck gehören der Heilig-Geist-Bruderschaft und kommen nur einmal im Jahr zum Einsatz.
Stier am Strick
Die Kampfstiere werden in einem dafür vorgesehenen Straßenstück des Dorfes freigelassen. Ihre Hörner sind mit Metallhüten geschützt und mit Hilfe eines langen Seils kann man den Lauf des Tiers bei Gefahr stoppen. Diese Aufgabe verrichten die Mascardos da Corda in ihren traditionell weißen Gewändern. Die Bevölkerung schaut, verbarrikadiert hinter Holzwänden, aus den Vorgärten ihrer Häuser zu, wenn junge Männer den Stier mit Regenschirmen und aufgeregten Bewegungen zu reizen versuchen.
Nicht selten springen die jungen Männer im letzten Moment über den Zaun und der Stier versucht die Holzplanke auf die Hörner zu nehmen. Je wagemutiger sich die Männer dem Stier nähern, umso wilder ist der Beifall. Etwa eine halbe Stunde dauert jeweils dieser meist unblutige Kampf, im Zuge dessen der Stier mehrfach den Straßenzug auf- und abläuft. Wenn der Raketenschuss ertönt, wird der Stier wieder in die hölzerne Reisebox gezogen und darf ein paar Stunden später auf seine Weide.
Hör-Tipp
Ambiente, Sonntag, 4. Juni 2006, 10:06 Uhr
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Reise-Tipp
Das Östererreichische Verkehrsbüro veranstaltet im kommenden Sommer zwei Ö1 Studienreisen auf vier der mitten im Atlantik gelegenen Azoreninseln: nach Sao Miguel, Terceira, Pico und Faial.
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