Die überdrehte Welt des Shel Silverstein

Nahezu jedes amerikanische Kind kennt Shel Silverstein als Autor der Kinderbuch-Bestseller "The Giving Tree" oder "A Light in the Attic". Ältere Semester kennen ihn als langjährigen Playboy-Cartoonisten und Autor. Hierzulande sind vor allem seine Lieder bekannt.

Der Amerikaner Shel Silverstein war eine Ausnahme-Erscheinung: Langjähriger "Playboy"-Cartoonist, Autor von Kinderbuch-Bestsellern, Kurzdramen und Filmmusiken. Zudem hat er knapp 800 Lieder, davon über ein Dutzend Qualitäts-Hits geschrieben, die andere weltberühmt gemacht haben.

Der Cartoon-Zeichner

Shel Silverstein war mit vielen Talenten gesegnet und hatte die Kraft, sich zur richtigen Zeit erfolgreich für die einzelnen Kunstgattungen zu entscheiden. 1930 in Chicago geboren, besuchte er mehrere Hochschulen und zeichnete neben dem Studium Cartoons.

1953 wurde er zum Militärdienst nach Japan und Korea eingezogen, wo er für die Armee-Zeitschrift "Pacific Stars and Stripes" täglich einen Cartoon abzuliefern hatte. Rasch galt er als der schlechteste Soldat des Regiments, weil seine satirischen Cartoons Konflikte mit Vorgesetzten verursachten. Bald durfte er keine Offiziere mehr zeichnen, weshalb er sich auf Soldaten spezialisierte. Es folgte der Rat, besser nur noch Zivilisten und Tiere zu zeichnen - außer Zebras: Die waren tabu, weil sie wie Offiziere Streifen hatten.

Nach dem Militärdienst veröffentlichte er seine gesammelten Militär-Cartoons als Buch und begann 1956 seine ständige Mitarbeit beim "Playboy“. Auch dort zeichnete er Cartoons und schrieb Reiseberichte, Gedichte und Geschichten.

Sein Start als Liedermacher und Autor

Seine erste Schallplatte mit Jazz-Standards und zwei Eigenkompositionen erschien 1959. Ihr folgte 1962 das Album "Inside Folk Songs“, das "Boa Constrictor“, "25 Minutes to Go“ und "The Unicorn“ enthält. In den 1960er Jahren erschienen neben den "Playboy“-Beiträgen Cartoon-Bände, Schallplatten und jene Kinderbücher, die seinen Weltruhm begründeten.

Es war der Cartoonist und Kinderbuchautor Tomi Ungerer der in Silverstein den kommenden Kinderbuchautor erkannt und die Weichen in diese Richtung gestellt hatte. Bald erschienen "Lafcadio, the Lion Who Shot Back“ und "The Giving Tree“ - zwei amerikanische Kinderbuch-Bestseller. Es folgten "The Missing Piece“, "The Missing Piece meets Big O“ sowie die besonders beliebten Kindergedicht-Bilderbücher "Where the Sidewalk ends“, "A Light in the Attic“ und "Falling Up“.

Mit "18 Sorten“ betitelte er ein weiteres bekanntes Kindergedicht, das zeigt, wie Silverstein mit ein wenig Fantasie alltägliche Zutaten zu einer dramatisch-komischen Geschichte anrührt: Die Spannung steigt durch das genussvolle Aufzählen von 18 leckeren Eissorten einer riesigen Eistüte, die auf die Straße gefallen ist.

Die Win-Win-Kooperation

1970 schrieb Silverstein die Filmmusik zu "Ned Kelly“. Die Interpreten: Waylon Jennings, Kris Kristofferson und Hauptdarsteller Mick Jagger. Auch für den Streifen "Who is Harry Kellerman?" komponierte er die Filmmusik. Für seine Lieder wurde eine unbekannte Band gesucht und mit "Dr. Hook and The Medicine Show“ gefunden. Mit ihr begann die langjährige Win-Win-Kooperation zwischen Silverstein und seiner Hausband: Er lieferte Lieder und Texte, sie die vollendete Umsetzung.

Bald führte die Single-Auskopplung "Sylvia’s Mother“, die bis zum (völligen) Verdruss im Radio gespielt wurde, weltweit die Hitparaden an. Auch für das Folgealbum schrieb Silverstein Text und Musik, darunter den Hit "Cover of the Rolling Stone’“. Daneben veröffentlichte der Allrounder das Album "Freaking At The Freakers Ball“, bei dem er - begleitet von "Dr. Hook“ und einer Jazzband - selbst den Leadsänger abgab. Es wurde sein berühmtestes Soloalbum, das auf der Höhe der Sexwelle die Moden der Zeit karikierte.

Provokante Themen

Seine drastischen Texte sind so eindeutig gewesen, dass die Plattenfirma den Radiosendern eigens empfahl, die Lieder vor der Ausstrahlung anzuhören. Für sein musikalisch karges Soloalbum "Songs and Stories“ hat er z. B. "The Father of the Boy named Sue“ - die schelmische Fortsetzung von "Boy named Sue“ verfasst. Darin erzählt der Vater seine Version des Wiedersehens: eine Travestie, die aus Sue einen Transvestiten und aus dem Vater einen Vertreter homosexuellen Inzests macht.

Das 1980 in Nashville eingespielte letzte Solo-Album "The Great Conch Train Robbery“ überzeugte durch textliche und musikalische Qualitäten. Mit Witz schildert hier "Quaaludes again“ die Wirkung eines süchtig machenden Schlafmittels, das wegen seiner euphorisierenden und aphrodisierenden Wirkung gerne als Droge missbraucht wurde.

Auszeichnungen und Freundschaften

In den 80er Jahren schrieb das Universalgenie Kinderbücher, Kurzdramen, Kurzkrimis und Lieder für Spielfilme, was ihm 1984 einen "Grammy" und 1990 eine "Oscar“-Nominierung eintrug. Zudem verwendete der Regisseur Ridley Scott 1991 Marianne Faithfulls Cover-Version von "The Ballad of Lucy Jordan“ für sein Road-Movie "Thelma and Louise“.

Mehrere Lieder und Alben verfasste Silverstein auch für die Folk- und Country-Musiker Bobby Bare, Bob Gibson und Waylon Jennings. Dabei entstanden lebenslange Freundschaften, die in den 1990er Jahren durch besonders vergnügliche Abschiedsalben besiegelt wurden. Im Refrain von "Still Gonna Die“ unterstützte er Bob Gibson auch gesanglich. In diesem Song werden allerlei gesundheitsfördernde und lebensverlängernde Mittel aufgezählt, die nichts daran ändern, dass man irgendwann doch an irgendetwas sterben muss. Das galgenhumorige Lied endet mit dem Rat der beiden, das Leben besser ein wenig zu genießen, bevor es dafür zu spät ist.

Als Dollar-Multimillionär gestorben

Shel Silverstein hat Interviews und Publicity-Maßnahmen gemieden und wenig Persönliches preisgegeben. Als Dollar-Multimillionär starb er irgendwann zwischen dem 8. und 10. Mai 1999, einem Wochenende, in seinem Haus in Key West, Florida, 68-jährig an einem Herzinfarkt.

Silverstein hatte Spaß am Leben, den er mit seinen Freunden teilen und seinem Publikum durch sein vielseitiges Werk mitteilen konnte. Das belegt auch die 1998 von den "Old Dogs“ eingespielte Aufnahme von "Still Gonna Die“. Die Sänger wechseln von Strophe zu Strophe und erzeugen durch den gestaffelten Gesang eine mitreißende Dynamik, die fröhlich dem Unausweichlichen trotzt.

Text: Andreas Weigel

Hör-Tipp
Spielräume Spezial, Sonntag, 28. Mai 2006, 17:10 Uhr

Links
Shel Silverstein
Wikipedia - Biografie und Werke