Stacheldraht entlang der Mauer einer Justizanstalt in Wien-Simmering

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Punkt eins

Gewalt und Hilfe im Gefängnis

Der Umgang mit psychisch erkrankten Straftäter:innen. Gäste: Dr. Patrick Frottier, Facharzt für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin, Leiter des Instituts moment; Martin Marlovits, stellvertretender Fachbereichsleiter Erwachsenenvertretung, VertretungsNetz. Moderation: Marina Wetzlmaier. Anrufe 0800 22 69 79 | punkteins(at)orf.at

"Mit einer derartig starken psychischen Erkrankung war der Betroffene in einer Justizanstalt fehl am Platz", kritisierte die Volksanwältin Gaby Schwarz nach dem Tod eines Insassen in der Justizanstalt Hirtenberg. Bei ihm war eine akute Psychose festgestellt worden, wie die Wochenzeitung "Falter" berichtet. Der Mann sollte in eine Psychiatrie verlegt werden, doch dazu kam es nicht. Im Zuge des Transports sollen Justizwachebeamte auf den Häftling eingeschlagen haben. Er starb an den Folgen seiner Verletzungen. Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft Eisenstadt gegen zwölf Beamte wegen des Verdachts auf "Körperverletzung mit tödlichem Ausgang unter Ausnützung einer Amtsstellung." Zudem soll eine externe Expertenkommission den Fall prüfen.

Der Umgang mit psychisch erkrankten Straftätern steht in Österreich seit Jahren in der Kritik. Personen, die eine Tat unter dem maßgeblichen Einfluss einer psychischen Störung begangen haben, sind grundsätzlich im Maßnahmenvollzug untergebracht. "Therapie statt Strafe" lautet die ursprüngliche Idee dahinter. Davon habe man sich in der Praxis entfernt, kritisiert Martin Marlovits vom VertretungsNetz, das auch Klienten im Maßnahmenvollzug betreut. "Es sind dort Menschen untergebracht, die nicht hingehören", sagt der Jurist und nennt Personen mit Lernschwierigkeiten oder mit Demenz.

Mehr als die Hälfte der Patienten wird laut VertretungsNetz wegen minderschwerer Delikte wie gefährlicher Drohung oder versuchten Widerstandes gegen die Staatsgewalt eingewiesen. Wieder herauszukommen, sei laut Marlovits schwierig. Einige der Klienten befinden sich seit zehn, fünfzehn oder zwanzig Jahren in einem forensisch-therapeutischen Zentrum. Oft würden Plätze für die Nachbetreuung und -behandlung fehlen.

Gleichzeitig sind die Gefängnisse in Österreich überfüllt, was laut Studien die Wahrscheinlichkeit für Gewalt erhöht. Die Justizwachegewerkschaft klagt, dass die Beamt:innen mit einer zunehmend "hochkomplexen Gruppe an auffälligen Insassen" allein gelassen werden, für die das Gefängnissystem nicht ausgelegt sei. Sie fordert mehr Plätze in Psychiatrien oder den Ausbau von Akutstationen. Rund ein Viertel aller Häftlinge bräuchte psychologische oder psychiatrische Behandlung unter ärztlicher Kontrolle, sagte Patrick Frottier, Facharzt für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin, in einem Interview.

Frottier war ärztlicher und therapeutischer Leiter der Sonderanstalt Mittersteig (heute: Forensisch-therapeutisches Zentrum) und als Koordinator für die Behandlung zurechnungsfähiger psychisch kranker Straftäter tätig. Heute leitet er das Institut moment, das unter anderem psychiatrisch-forensische Begutachtungen anbietet. Gemeinsam mit Martin Marlovits ist er zu Gast bei Marina Wetzlmaier und spricht über die Überlastungen in Österreichs Gefängnissen und den Umgang mit psychisch erkrankten Straftätern.

Welche Veränderungen brachte die kürzliche Reform des Maßnahmenvollzugs und wo gibt es noch Handlungsbedarf? Welche Folgen haben Unterfinanzierung, Personalmangel und Überfüllung in den Justizanstalten? Diskutieren Sie mit! Rufen Sie in der Sendung an unter 0800 22 69 79 oder schreiben Sie ein E-Mail an punkteins(at)orf.at.

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