Wünsche und Realität in Bosnien-Herzegowina

Über die bosnische Seele

Sucht man im Web nach Seiten über Bosnien-Herzegowina, stößt man öfter auf den pathetischen klagenden Vers: " ...seltsam, schön und verdammt ist unsere Bosnische Seele!" Man könnte denken, dass die Bosnier mit ihrem Zustand zufrieden sind. Eine Analyse.

Einen klaren Blick über die politische und gesellschaftliche Situation in Bosnien-Herzegowina zu erhalten, scheint ein beinahe unmögliches Vorhaben. Was die Medien berichten, ist meistens eine Projektion der Wünsche der betroffenen Parteien. Was die Bosniaken selber denken, bleibt außerhalb unserer Erfahrungen, es bleibt irgendwo versteckt.

Wenn ein Reisender durch Bosnien-Herzegowina fährt, sieht er noch immer, mittlerweile mehr als zehn Jahre nach dem Kriegsende, zerstörte Orte. Denn kaum ein Haus in Bosnien wurde nicht von Granaten getroffen. Und es wirkt noch stärker, wenn ein renoviertes oder neu gebautes Haus daneben steht.

Über die öffentliche Meinung

Die Siedlungen und Städte ähneln einem großen Bazar: man verkauft alles und überall. Das Leben läuft offen auf den Straßen ab und man fragt sich, wenn man die unzähligen Kaffees und Restaurants sieht, wer eigentlich in diesem Staat arbeitet. Wenn man noch dazu weiß, dass die Wirtschaft noch immer nicht belebt ist, dann kommt die Frage der gründlichen menschlichen Existenz noch stärker.

Noch schwieriger ist es, über die öffentliche Meinung zu sprechen. Wie kann man den Begriff "öffentliche Meinung" überhaupt in einem Land definieren, das aus zwei (kompliziert genug definierten) Teilen besteht, und in dem es drei "Haupt"-Ethnien gibt, die jeweils wieder ihr eigenes Dasein führen. Um nur ein Beispiel zu geben: Die Kinder erhalten ihren Unterricht, der auf unterschiedlichen Schulprogrammen basiert, je nach Angehörigkeit einer Ethnie in verschiedenen Zeitschichten.

Unzufriedenheit bei allen

Es scheint, dass die einzigen, die Fortschritte in Bosnien-Herzegowina sehen, die Vertreter der internationalen Organisationen sind. Das, was alle bosnisch-herzegowinischen Völker - Bosnier-Moslems, Serben und Kroaten - wirklich gemeinsam haben, ist ihre Unzufriedenheit mit der Lage in ihrem Staat.

Noch eine Eigenschaft, die sie alle teilen, ist die Hartnäckigkeit, mit der die politischen Führer der drei ethnischen Gruppen des Staates alle Versuche dieser ständigen Unzufriedenheit durch "Unterminierung" zu beseitigen versuchen.

Was die politischen Führer beklagen

In ihren Reden erwähnen sie ständig, dass der Friedensvertrag in Dayton, nach dem der Staat de facto organisiert wurde, kein guter Ausgangspunkt für die Fortschritte in Bosnien-Herzegowina ist. Sie beklagten sich über die nicht zufrieden stellende Staatsverfassung und "unisono" - natürlich mit unterschiedlicher Argumentation - kommentieren sie die schreckliche Lage, die ihre Nation gegenüber den "anderen" im gemeinsamen - und doch nicht so gemeinsamen - Staat hat.

Was die Politiker noch sehr stört, ist die Anwesenheit der internationalen Organisationen, die ihrer Meinung nach Bosnien-Herzegowina in die Lage eines internationalen Protektorats stellen.

Parlamentswahlen im Oktober

Die nächsten Parlamentwahlen sind für den 1. Oktober angekündigt. In den letzten Monaten wurden starke Aktivitäten gesetzt, um die Nachträge des Dayton-Vertrags abzuschaffen. Unter großem Einfluss der USA wurden Diskussionen über die Verfassungs-Ergänzungsanträge in der Hoffnung geführt, das nach dem entitäts-zersplitterten Staat nach dem Dayton-Abkommen Bosnien-Herzegowina wieder als Staat aller Bürger, unabhängig welcher Ethnie, sein würde.

Überraschenderweise - oder vielleicht auch nicht - hat das Parlament auf bei seiner Sitzung in der Vorwoche mit einer knappen Mehrheit diese Amendments abgelehnt. Noch wenige Tage vor dieser Parlamentssitzung hatte Christian Schwarz-Schilling, seit 31. Jänner dieses Jahres Hoher Repräsentant für Bosnien und Herzegowina, die Wichtigkeit dieser Verfassungsänderungen betont. In einer Rede sagte er: "Die Wahlen 2006 werden die ersten Wahlen sein, nach denen die gewählten Mandatare die volle Verantwortung für die Zukunft dieses Landes tragen werden." Und weiter: "Die Ausländer werden hier keine Rolle mehr spielen."

Wie in den fatalistischen Versen?

Nach der Enttäuschung über die abgelehnten Amendments ist niemand mehr sicher, ob diese Aussage des Hohen Repräsentanten noch gültig ist. Es kann sein, dass die "Ausländer" noch eine Regierungsperiode in Bosnien-Herzegowina bleiben werden.

Die bosnischen "Repräsentanten" haben ihre Zustimmung dafür angeblich selbst gegeben und die "volle Verantwortung" weit von sich geschoben. Was "durchschnittliche" Bürger Bosnien-Herzegowinas denken, liegt vielleicht in den eingangs zitierten "fatalistischen" Versen verborgen.

Links
Wikipedia - Bosnien und Herzegowina
Center for European Integration Strategies