Freud und der Todestrieb

Nach den Theorien von Sigmund Freud ist das menschliche Seelenleben von einem ständigen Kampf zwischen Liebes- und Todestrieb geprägt. In den Träumen versuchen sich diese Triebe einen Zutritt zum Bewusstsein zu verschaffen.

Dass wir als die herrschende Tendenz des Seelenlebens, vielleicht des Nervenlebens überhaupt, das Streben nach Herabsetzung, Konstanterhaltung, Aufhebung der inneren Reizspannung erkannten, wie es im Lustprinzip zum Ausdruck kommt, das ist eines unserer stärksten Motive, an die Existenz von Todestrieben zu glauben. (Sigmund Freud, Jenseits des Lustprinzips)

Die Todestrieb-Theorie, die Sigmund Freud in "Jenseits des Lustprinzips" (1920) in sein Lehrgebäude aufnahm und in "Das ICH und das ES" (1923) weiterführte, war mehr ein theoretisches Konzept als eine Theorie. Unter den Eindrücken des 1. Weltkrieges suchte Freud nach einer Theorie Phänomene wie Krieg, Massenmord aber auch Sadismus/Masochismus und Wiederholungszwang erklären zu können.

Der eine Trieb ist so unerlässlich wie der Andere

So schrieb er 1933 in seinem Brief "Warum Krieg?" an Albert Einstein, dass die Tötung des Feindes eine triebhafte Neigung sei, die den Gegenpol zu jenem Trieb darstelle, der Leben erhalten wolle. Der eine Trieb sei so unerlässlich wie der andere, denn aus dem Zusammen- und Gegeneinanderwirken der beiden gingen die Erscheinungen des Lebens hervor.

Die Unruhe, die durch Lebensvorgänge ausgelöst werde, führe zum Wunsch, dass diese Unruhe beseitigt werde und wenn man das konsequent zu Ende denke, dann komme man zum Schluss dass auch die Lebenserhaltende Unruhe - das Leben selbst - danach strebe wieder beseitigt zu sein. So erklärt der Wiener Psychoanalytiker August Ruhs den von Sigmund Freud postulierten Todestrieb.

Der Todestrieb ist nicht unumstritten

Nicht alle Psychoanalytiker akzeptieren heute den Todestrieb, viele ziehen es vor vom Aggressionstrieb statt vom Todestrieb zu sprechen. Nach Sigmund Freud sind in jedem lebenden Organismus sowohl Lebens- als auch Todestrieb tätig - aber in ungleicher Mischung. In welcher Weise sich die beiden Triebe miteinander verbinden, vermischen, legieren ist bis heute eine offene Frage.

In der sadistischen Komponente des Sexualtriebes hätten wir ein klassisches Beispiel einer zweckdienlichen Triebmischung vor uns, im selbstständig gewordenen Sadismus als Perversion das Vorbild einer, allerdings nicht bis zum äußersten getriebenen Entmischung. Es eröffnet sich uns dann ein Einblick in ein großes Gebiet von Tatsachen, welches noch nicht in diesem Licht betrachtet worden ist. Wir erkennen, dass der Destruktionstrieb regelmäßig zu Zwecken der Abfuhr in den Dienst des Eros gestellt ist, ahnen, dass der epileptische Anfall Produkt und Anzeichen einer Triebentmischung ist, und lernen verstehen, dass unter den Erfolgen mancher schweren Neurosen, zum Beispiel der Zwangsneurosen, die Triebentmisch-ung und das Hervortreten des Todestriebes eines besondere Würdigung verdient. (Sigmund Freud, "Jenseits des Lustprinzips")

Balance der Kräfte

Für Eltern könne es hilfreich sein, mit dem Konzept des Todestriebes anzuerkennen, dass es in jedem Kind auch aggressives Potenzial gebe und Aggression nicht ausschließlich eine Reaktion auf negative Erfahrungen sei, sagt die Psychoanalytikerin Getraud Diem-Wille.

Neben dem Lebenstrieb finde sich im Erleben jedes Menschen auch der Todestrieb, das Potenzial in destruktiver Weise zu denken und zu handeln, sagt der Psychoanalytiker Peter Schuster. Jedes psychische Moment sei eine Vermischung der beiden Triebe und psychisch gesund sei derjenige, der diese beiden Kräfte in Balance zu halten in der Lage sei, dem es gelinge - vereinfachend gesagt - durch Liebe den Hass und die Destruktivität zu überwinden.

Hör-Tipp
Radiokolleg, Dienstag, 2. Mai bis Donnerstag, 4. Mai 2006, 9:05 Uhr

Download-Tipp
Ö1 Club-DownloadabonnentInnen können die Sendereihe "Radiokolleg" (mit Ausnahme der "Musikviertelstunde") gesammelt jeweils am Donnerstag nach Ende der Ausstrahlung im Download-Bereich herunterladen.

Buch-Tipp
Sigmund Freud, "Gesammelte Werke. Bd. 13. Jenseits des Lustprinzips", S. Fischer, ISBN B0000BR1T7

Links
Sigmund Freud Museum Wien
Freud-Institut