Kein Eintritt, kein Programm
Die Anti-Konferenz
Aus Frustration über die klassischen Branchen-Konferenzen haben einige Technologie-Aktivisten in den USA damit begonnen, ein eigenes Veranstaltungsformat ohne festes Programm zu entwickeln: Barcamp - einer Art Anti-Konferenz.
8. April 2017, 21:58
Wer Anfang März die Emerging-Technology-Konferenz im kalifornischen San Diego besuchen wollte, musste bis zu 1.110 US-Dollar für seine Eintrittskarte ausgeben. Dafür gab es drei Tage volles Programm mit zahlreichen Rednern und Produktpräsentationen.
Einige dieser Vorträge waren jedoch nichts anderes als bezahlte Werbeblöcke. Eine Reihe von Firmen gab bis zu 60.000 Dollar aus, um sich dem Publikum in San Diego vorstellen zu dürfen.
Sich selbst einbringen
Ganz anders ging es wenige Tage zuvor im zwei Autostunden entfernten Los Angeles zu. Dort trafen sich rund 80 Technologie-Begeisterte zum Barcamp - einer Art Anti-Konferenz, die ganz ohne Eintrittspreise und bezahlte Präsentationen auskommt.
Auch auf eine illustre Liste eingeladener Redner wurde beim Barcamp komplett verzichtet. Stattdessen waren alle Teilnehmer aufgefordert, selbst eine Präsentation zu halten oder sich an einer solchen zu beteiligen.
Programm entsteht während der Veranstaltung
Man unterhält sich über Weblogs, Online-Musikangebote und Podcasts. Das Publikum besteht aus den üblichen Verdächtigen: Bloggern, Programmierern, Startup-Gründern. Doch das an einer Wand auf Papierzetteln skizzierte Programm sieht ein wenig anders aus als bei traditionellen Konferenzen.
Ziemlich lückenhaft, könnte man auch sagen. Aber es ist ja noch früh. In den nächsten Stunden tragen die Teilnehmer der Veranstaltung dort immer mehr Vorträge mit Edding und krakeligen Handschriften ein.
Schon bald gibt es genug Gesprächsstoff. Weblogs Inc-Gründer Jason Calacanis verflucht in einem amüsanten Vortrag die Schattenseiten der Internet-Wirtschaft. Ian Rogers vom Yahoo Music-Team erklärt, warum Kopierschutz der größte Fehler des Online-Musikhandels ist. Und die Domina Mistress Chi Chi verkündet mit der Peitsche in der Hand, wie man sein Arbeitsleben disziplinierter organisieren kann.
Dazu gibt es zahlreiche weitere Beiträge zu Themen wie P2P, Myspace, viralem Marketing und dergleichen mehr. Einige der Vorträge laufen recht traditionell ab, Powerpoint inklusive. Andere verwandeln sich nach einer kurzen Einleitung schnell in lockere und offene Gesprächsrunden.
Von jedem organisierbar
"Die Idee einer Unkonferenz ist, dass jeder eine organisieren kann", erklärt Kareem Mayan, der an der Vorbereitung der Veranstaltung in Los Angeles beteiligt war. Barcamps werden auch gerne als Unkonferenzen bezeichnet, weil sie sich vom Einbahnstraßen-Vortragsstil der klassischen Konferenzen abheben wollen.
Zwar gebe es auch bei Barcamps klassische Vorträge, gibt Mayan zu. "Aber es ist doch eher ein Austausch mit guten Ideen und guten Gesprächen." Derartige Dinge würden auf traditionellen Konferenzen oft viel zu kurz kommen. "Zwischen den Sessions gibt es Diskussionen auf den Fluren, aber das war's dann auch schon", so Mayan.
Auch für Anwälte interessant
Barcamps stammen aus der Szene der Blogger und Startup-Gründer. Doch mittlerweile beginnen auch Vertreter anderer Branchen, sich für die Alternative zum klassischen Konferenzformat zu interessieren.
So hat Matt Homanns Firma Lexthink damit begonnen, Unkonferenzen für Anwälte zu organisieren. Homann ist sich sicher: "Unkonferenzen besitzen Elemente, die fast jede Art von Veranstaltung erheblich bereichern könnten."
Hör-Tipp
Matrix, Sonntag, 2. April 2006, 22:30 Uhr
Download-Tipp
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Link
Barcamp
Kareem Mayan
Lexthink
matrix.ORF.at
