Die Mythen

Eines empfiehlt sich für alle erschienenen Bände der Reihe "Die Mythen": Man sollte die antiken Sagen kennen, denn sowohl Margaret Atwood, Jeanette Winterson und Viktor Pelewin haben mit ihren Texten klare Gegenstücke zu den antiken Mythen geschaffen.

Mit Nacherzählen und Neuformulieren haben diese Texte kaum etwas zu tun. Hier werden neue Perspektiven eröffnet und ungewohnte Positionen bezogen. Erkennbar und verständlich sind diese aber nur dann, wenn das Original als Referenzpunkt präsent ist.

Penelope und ihre Mägde

Am leichtesten macht es dem Leser Margaret Atwood. Bei ihr ist die ursprüngliche Geschichte am besten zu erkennen, außerdem hat Atwood eine relativ traditionelle, lineare Erzählform gewählt. Sie hat sich für ihren Mythen-Beitrag jenen Abschnitt aus der Odyssee ausgesucht, in dem von der Heimkehr des Odysseus nach 20-jähriger Abwesenheit berichtet wird. Seine Frau Penelope war ihm während all dieser Zeit - obwohl von zahlreichen Männern umworben - treu geblieben. Wäre sie es nicht gewesen - so lässt die Geschichte erkennen - hätte sie schwer dafür büßen müssen, denn zwölf ihrer Mägde, die von den enttäuschten Freiern der Penelope vergewaltigt worden waren, wurden von Odysseus in einem brutalen Willkürakt gehenkt.

Berichtet wird all dies aus der Sicht der Penelope, die sich vom Jenseits aus an die Ereignisse erinnert. Ergänzt wird Penelopes Erzählung durch immer wieder - in Form von Chören - eingestreute Kommentare der Mägde.

Feministische Sicht

Atwood geht es erklärtermaßen um eine Interpretation aus feministischer Sicht. Warum ist es so wichtig, dass Penelope treu blieb, wenn sich doch Odysseus während seiner Irrfahrten zahlreichen sexuellen Vergnügungen hingab? Worin bestand das Verbrechen der Mägde? Geht es hier nicht ausschließlich um die totale Unterwerfung der Frau, um ihre Degradierung zum Objekt?

Die Erzählung endet mit einem Prozess an einem "Gerichtshof des 21. Jahrhunderts". Die Mägde fordern Gerechtigkeit, der Richter aber stellt sich auf die Seite des Odysseus und weist die Klage ab: Es wäre "sehr bedauerlich, sollte dieser unglückliche, aber unbedeutende Vorfall einen Schatten auf eine ansonsten außerordentlich bemerkenswerte Karriere werfen".

Jeder hat seine Bürde zu tragen

Während Atwoods Text insgesamt eher kühl und distanziert wirkt, vermittelt Jeanette Wintersons Version des Mythos von Atlas und Herkules den Eindruck einer intensiven Anteilnahme und Betroffenheit der Erzählerin. Der Titan Atlas ist dazu verdammt, auf ewig die Erdkugel auf seinen Schultern zu tragen. Nur einmal wird er - kurzfristig - von dieser Last befreit: als er für Herakles die Äpfel der Hesperiden stiehlt, ein Freundschaftsdienst aus Gutmütigkeit, nach dem ihm der gerissene Herakles umgehend wieder die Last der Welt auflädt.

Wie Atlas - so der Grundgedanke des Textes - hat auch jeder Mensch eine Bürde zu tragen. Ist dies vorbestimmt und unabänderlich, oder kann man sich gegen den Gang der Dinge auflehnen? Gibt es Wahlmöglichkeiten und worin besteht die Freiheit des Menschen gegenüber dem Schicksal? Diesen Fragen nähert sich die Erzählerin von unterschiedlichen, immer wieder wechselnden Perspektiven, in inneren Monologen und mit Verweisen auf die eigene Biografie.

Die Erzählung findet einen erstaunlichen und sehr berührenden Abschluss: Atlas, der nach dem Untergang der Götterwelt im Universum vergessen wurde, sichtet eines Tages eine sonderbare, kleine Kapsel, in der sich ein Lebewesen befindet. Es ist jene russische Sputnik, mit der 1957 die Hündin Laika ins All geschossen wurde. Atlas befreit das Tier - und findet in der Sorge um Laika seine Freiheit gegenüber dem Schicksal.

Theseus im Internet

Wesentlich radikaler als Atwood und Winterson geht Viktor Pelewin an den von ihm gewählten Mythos heran. Er versetzt die Geschichte von Theseus, der das Ungeheuer Minotauros tötet und mithilfe des Wollfadens der Ariadne wieder aus dessen Labyrinth herausfindet, ins Internet. Der gesamte Text ist als Computerchat angelegt, zu dem sich ein paar junge Leute zusammenfinden. Sie hocken einzeln in identischen Zimmern, eingesperrt hinter Metalltüren. Ihre einzige Verbindung nach draußen sind Tastatur und Bildschirm. Doch eine unbekannte Macht - vielleicht ist es der Minotaurus - scheint ihre Kommunikation zu überwachen und zu steuern.

Pelewin macht damit aus dem antiken Mythos eine Parabel auf Überwachung und Manipulation im World Wide Web, und er liefert damit den bislang wohl originellsten Beitrag zur Mythenreihe.

Hör-Tipp
Ex libris, jeden Sonntag, 18:15 Uhr

Download-Tipp
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Buch-Tipps
Margaret Atwood, "Die Penelopiade", aus dem Englischen übersetzt von Malte Friedrich, Berlin Verlag, ISBN 3827004497

Jeanette Winterson, "Die Last der Welt", aus dem Englischen übersetzt von Monika Schmalz, Berlin Verlag, ISBN 3827004462

Viktor Pelewin, "Der Schreckenshelm", aus dem Russischen übersetzt von Andreas Tretner, Berlin Verlag, ISBN 9783827004475