Ein charismatischer Dirigent
Wilhelm Furtwängler wäre 120
Selbst mehr als 50 Jahre nach seinem Tod ist er unvergessen: Wilhelm Furtwängler. Und nach wie vor beschäftigt das Phänomen dieses Inbegriffs des charismatischen Dirigenten, der auch komponierte, nicht nur Musikfreunde, sondern auch Historiker.
8. April 2017, 21:58
Zwar ist er bereits mehr als ein halbes Jahrhundert tot, dennoch ist sein Name alles andere als vergessen, ganz im Gegenteil: Das Phänomen Wilhelm Furtwängler beschäftigt nach wie vor nicht nur Musikfreunde in aller Welt, sondern vor allem auch professionelle Musiker, Historiker, Politikwissenschaftler, Verleger und nicht zuletzt natürlich auch Plattenproduzenten. Am 25. Jänner hätte der große Dirigent seinen 120. Geburtstag.
Beethoven, Wagner, Bruckner, Brahms, auch Mozart - das waren die Eckpfeiler seines Wirkens. Aber Furtwängler hat auch selbst komponiert. Allerdings war diesem Teil seiner Karriere längst nicht jener Erfolg beschieden wie seinem charismatischen Wirken als Dirigent.
"Ring des Nibelungen" im Zentrum
Von Wagners "Ring des Nibelungen" gibt es zwei komplette Mitschnitte - beide stammen aus den 1950er Jahren und beide sind aus Italien. Darüber hinaus existieren auch noch Fragmente aus dem Ring, teilweise in Studio-Einspielungen, teilweise in Live-Mitschnitte.
Der erste "Ring"-Mitschnitt stammt vom 9. März 1950 aus der Mailänder Scala, der zweite entstand 1953 konzertant für die RAI, also den italienischen Rundfunk.
Scala-Mitschnitt
Im "Ring" an der Scala waren in der "Walküre" der Berliner Heldentenor Günther Treptow als Siegmund und Hilde Konetzni als Sieglinde zu hören.
RAI-Mitschnitt 1953
Beim konzertanten "Ring", den Wilhelm Furtwängler 1953 bei der RAI, dem italienischen Rundfunk, in Rom dirigierte, stand ihm ein absolutes Weltklasse-Ensemble zur Verfügung, zu dem auch Sänger aus Wien zählten:
Ferdinand Frantz war als Wotan zu hören, die beiden Riesen Fasolt und Fafner waren mit Gottlob Frick und Josef Greindl luxuriös besetzt, Donner und Froh sangen Alfred Poell und Lorenz Fehenberger. Freia und Fricka waren mit Elisabeth Grümmer und Ira Malaniuk besetzt, den Loge interpretierte Wolfgang Windgassen. Ludwig Suthaus sang damals den Siegfried, Julius Patzak den Mime und Rita Streich den Waldvogel.
Eine Rarität aus Covent Garden
Im Juni 1938 traf sich im Londoner Opernhaus Covent Garden die Creme de la creme des Wagner-Gesanges der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts für zwei "Ring"-Zyklen, die beide von Furtwängler dirigiert wurden.
Auf diesem raren Tondokument sind Anny und Hilde Konetzni, Lauritz Melchior sowie Frida Leider, die damals in der zweiten "Ring"-Serie die Brünnhilde sang und deren letztes Auftreten dies im Covent Garden war zu hören. Weiters wirkten Kerstin Thorborg als Fricka und - für ältere Wiener Opernfreaks besonders interessant - der viele Jahre in Wien engagierte Kölner Heldenbariton Karl Kamann, von dem es leider fast keine Aufnahmen gibt (zumindest nicht in seinen Standardpartien wie z. B. Wotan oder Hans Sachs) mit.
Flagstadt als Brünnhilde
Am 26. März 1948 nahm Furtwängler im Studio in London Brünhildes Schlussgesang mit der berühmten norwegischen Wagner-Heroine Kirsten Flagstad auf.
Wilhelm Furtwängler (1886-1954)
Geboren wurde Wilhelm Furtwängler am 25. Jänner 1886 in Berlin. Sein Vater war Archäologie-Professor, die Mutter Malerin. Furtwängler war drei Tage älter als Arthur Rubinstein und gehörte zum Jahrgang von Gottfried Benn sowie des Pianisten Edwin Fischer, mit dem er später befreundet war, oder des Malers Oskar Kokoschka. Franz Liszt ist in seinem Geburtsjahr gestorben, Bruckner war damals 61.
Zu Furtwänglers Lehrern zählten u. a. Joseph Gabriel Rheinberger und Max von Schillings. Sein erstes Konzert leitete er in München am 19. Februar 1906. Im gleichen Jahr war er bereits als Korrepetitor und Hilfskapellmeister in Zürich tätig. In den Jahren 1910/11 arbeitete er in Strasbourg unter Pfitzner, dazwischen korrepetierte er bei Felix Mottl in München.
1922 erstmals mit Wiener Philharmonikern
Von 1911 bis 1915 war Furtwängler als Kapellmeister in Lübeck, danach in Mannheim engagiert. Ab 1919 konzertierte er regelmäßig mit den Wiener Tonkünstlern. Im Jahr 1920 gab er sein erstes Konzert in der Berliner Staatsoper. In der Folge ging es dann Schlag auf Schlag:
1922 leitete er sein erstes Konzert mit den Wiener Philharmonikern, im gleichen Jahr wurde Nachfolger von Artur Nikisch bei den Berlinern und in Leipzig, er bekommt Angebote aus England und den USA.
Arrangement mit Bayreuth, Berlin - und Nazis?
1928 lehnt er eine Berufung als Direktor der Wiener Staatsoper ab. Und arrangiert sich bald darauf mit Bayreuth und der Berliner Staatsoper und - wie manche meinen - auch mit den Nazis.
Es ist dies ein sehr heikles Kapitel in Furtwänglers Vita, denn sein Verhältnis mit den braunen Machthabern ist ein äußerst kompliziertes. Und nicht nur einmal droht er buchstäblich zwischen die Räder zu geraten.
Bei Entnazifizierung freigesprochen
Nicht zufällig wurden zu diesem Thema meterweise Bücher geschrieben, ebenso Theaterstücke und Filme beschäftigen sich mit diesem Thema. "Furtwängler und seine Kraftprobe" mit den Nazis, wie der Historiker Fred Prieberg sein Buch nannte, polarisieren bis heute - und wahre Gerechtigkeit kann es in solchen Sachen wohl nie geben.
Tatsache bleibt: die offizielle Entnazifizierungskammer sprach Furtwängler frei und auch seine persönliche Integrität wurde kaum von jemandem in Zweifel gezogen.
Hör-Tipp
Apropos Oper, Dienstag, 24. Jänner 2006, 15:06 Uhr
Links
AEIOU - Wilhelm Furtwängler
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