Loch Lomond

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Ambiente

Jenseits des Tweed. Unterwegs in Schottland

Eine Reise von Balloch am Loch Lomond, über Inverarnan, nach Glasgow bis hin nach Tweedbank in den schottischen Borders.

Nach Schottland also! Die Koffer waren gepackt, die Billetts gelöst, und als der Spätzug sich endlich in Bewegung setzte und majestätisch aus der Halle des Kings-Cross-Bahnhofs hinausglitt, überlief es mich ähnlich wie vierzehn Jahre früher, wo es zum ersten Mal für mich hieß: Nach England!

So eröffnet Theodor Fontane seinen Reisebericht "Jenseit des Tweed" (Der Schriftsteller lies bewusst das "s" bei Jenseits weg, was er mit einer Leichtigkeit des Aussprechens begründete. Mittlerweile gibt es Ausgaben, in denen der Verlag das "s" wieder angehängt hat).

Im Sommer 1858 reiste Fontane mit seinem Schriftstellerkollegen und Freund Bernhard von Lepel von London aus nach Schottland. Dort machten sie auch Halt in dem kleinen Ort Balloch. Dessen Name setzt sich aus den gälischen Worten "bal" und "loch" zusammen, und bedeutet "Dorf am See". Balloch liegt am Südwestufer des Loch Lomond und gilt als Tor zum "Loch Lomond & The Trossachs Nationalpark". Heutzutage dauert eine Zugfahrt nach Balloch von Glasgow aus knapp fünfzig Minuten.

Seit dem 19. Jahrhundert ist der Loch Lomond (so wie auch der benachbarte Loch Katrine) ein beliebtes Ausflugsziel, insbesondere für kleine Seekreuzfahrten. Früher waren das Radschiffdampfer (paddle steamer), die je nach Größe mehrere hundert Personen über den See befördern konnten. Als der letzte (und größte) Radschiffdampfer seiner Art gilt die "Maid of the Loch", eine sogenannte "Up an Doon Vessel". Das bedeutet, dass das Schiff in Glasgow gebaut, für den Zugtransport wieder zerlegt und in Balloch erneut zusammengesetzt wurde.

Schiffswrack

"Maid of the Loch"

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Glasgow war damals berühmt für seinen Schiffsbau. Die Jungfernfahrt der "Maid of the Loch" am Loch Lomond fand am 5. März 1953 statt, ihre letzte im Jahr 1981. Seitdem liegt das Schiff am Flussufer bei Balloch. Ohne Wartung verfiel das Schiff die nächsten fünfzehn Jahre immer mehr und wurde zum Wrack.

1996 begann eine Gruppe engagierter Freiwilliger (allesamt Dampfschiff-Enthusiasten aus Balloch und Umgebung) die "Maid of the Loch" zu restaurieren, mit dem Ziel, den Dampfer eines Tages wieder seetauglich zu machen. Ein langwieriger Prozess mit vielen Rückschlägen, aber auch Erfolgen. Die Finanzierung des Projekts ist nicht einfach, weshalb unter anderem direkt beim Schiff ein kleines Museum für interessiertes Publikum errichtet wurde.

Im Oktober 2025 hat Ö1 Redakteurin Julia Reuter der "Maid of the Loch" für "Ambiente" einen Besuch erstattet und sich durch das beeindruckende Schiff führen lassen, an dem seit dreißig Jahren zahlreiche Handwerker tüfteln. Viele von ihnen sind bereits in einem höheren Alter, etwa ein 79-jähriger Maler, der sich momentan im Alleingang um den Anstrich des Dampfers kümmert.

Wie jene von Theodor Fontane fand auch die "Ambiente"-Reise durch Schottland größtenteils mit dem Zug statt - von Balloch über Glasgow bis hin nach Tweedbank in den schottischen Borders, mit einer Ausnahme: Nach Inverarnan im Norden des Loch Lomonds führt nur ein Bus, der direkt an einem 300 Jahre alten Gasthaus hält, in dem es spuken soll, der Drovers Inn.

Gasthaus an einer Landstraße

Drovers Inn

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Dieser wurde 1705 direkt an einer Straße errichtet, die von Viehtreibern (drover) frequentiert worden ist. Auch die schottische Nationallegende Rob Roy, von Sir Walter Scott in einem Roman verewigt, soll dort eingekehrt sein. Im Gegensatz zu anderen überlebt Rob Roy aber seinen Aufenthalt im Drovers Inn. Über jene, die dort verstorben sind, gibt es einige Legenden, und zahlreiche Gäste berichten bis heute über Geistererscheinungen in ihren Zimmern.

Ein weiteres, geschichtsträchtiges Gebäude befindet sich etwa dreißig Minuten zu Fuß von der kleinen Stadt Tweedbank, südlich von Edinburgh: Abbotsford House, das ehemalige Anwesen von Sir Walter Scott. Der Nationaldichter mischte bei dessen Errichtung zahlreiche Baustile, aber auch Baugegenstände - unter anderem ließ der den Torflügel des Tolbooth-Gefängnisses in Edinburgh in eine Außenmauer einbauen.

Abbotsford House

Abbotsford House

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Scott-Verehrer Theodor Fontane bezeichnete Abbotsford House als eine "Romanze aus Stein und Mörtel". Dass diese beeindruckende Anlage nach dem Tod der letzten Nachkommen des Schriftstellers nicht in privaten Besitz überging, sondern nach wie vor für die Öffentlichkeit zugänglich ist, ist vor allem dem Engagement der umliegenden Gemeinde zu verdanken.

Glasgow: UNESCO-Music-City

Auf eine lange Geschichte kann auch Glasgow zurückblicken, Schottlands größte Stadt.
Seit 2008 hat Glasgow den Status einer UNESCO Music City - auch dank der mehr als 200 Austragungsorte für Konzerte. Es gibt eine vielfältige, lebendige Musikszene, weshalb in Glasgow auch der sogenannte "Musik-Tourismus" ein großes Thema ist. So öffnet regelmäßig im Jänner das große Festival "Celtic Connections" seine Tore.

Gleichzeitig hat die Stadt aber auch die höchste Obdachlosenrate in Schottland. Laut einer Statistik des "Homeless Network Scotland" waren 2024 rund 7.000 Erwachsene und mehr als 2.000 Kinder davon betroffen. Um auf diese Situation aufmerksam zu machen, organisiert das Sozialunternehmen "Invisible Cities" seit 2016 spezielle Stadtführungen in Glasgow. Die Tourguides von "Invisible Cities” sind Menschen, die irgendwann in ihrem Leben obdachlos waren und mit Hilfe dieses Projekts wieder einen Platz in der Gesellschaft finden können.

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