Schmelzendes Eis in der Diskobucht, Grönland

APA-IMAGES/AFP/FLORENT VERGNES

Punkt eins

Arktis-Gipfel: Schnee von gestern, Klima von morgen

Wenn Grönlands Eisschild schmilzt - Klimafolgenforschung in Graz und Grönland. Gast: Dr. Jakob Abermann, Assoc. Prof., Institut für Geographie und Raumforschung, Universität Graz. Moderation: Barbara Zeithammer. Anrufe 0800 22 69 79 | punkteins(at)orf.at

Rohstoffe, Schifffahrtsrouten, Macht und Kontrolle - die Arktis steht als Brennpunkt des Klimawandels im Zentrum der Geopolitik und wird Handelswege, Landkarten und politische Verhältnisse verändern. Was mit den arktischen Eismassen passiert, hat auch klimatisch Folgen für die ganze Welt, sagt der Meteorologe und Glaziologe Jakob Abermann. Auf der Arctic Science Summit Week, die gestern, Mittwoch, 25. März, begonnen hat, stehen aktuelle Forschungen dazu im Fokus.

Die Jahre von 2015 bis 2025 waren die heißesten seit Beginn der Aufzeichnungen 1850, teilte die Weltwetterorganisation (WMO) in einem Bericht am Montag mit. Die Arktis erwärmt sich viel stärker als der Rest der Welt, sagt Jakob Abermann, der die Veränderungen der Eismassen Grönlands erforscht. Die Auswirkungen dieser raschen Klimaveränderungen haben die Arktis zu einem neuen Mittelpunkt der Geopolitik gemacht, denn bereits wenigen Jahren werde das Meereis laut Prognosen so weit zurückgegangen sein, dass der Arktische Ozean im Sommer eisfrei sein könnte.

Den gegenwärtigen geopolitischen Konflikten und Unsicherheiten zum Trotz bemühen sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler um die Erforschung der klimatischen Prozesse in der Arktis, wo es mit dem grönländischen Eisschild die zweitgrößte permanent vereiste Fläche der Erde gibt, die eine Schlüsselrolle für das Klima spielt. Das Schmelzen des Eisschildes hat nicht nur Auswirkungen auf die Ozeane, den Meeresspiegel und Meeresströmungen, sondern auch auf die Atmosphäre. "Schmilzt der grönländische Eisschild, verändert das die Meerestemperatur und damit wiederum die atmosphärische Zirkulation über dem Nordatlantik, die auch das Wetter in Österreich mitbestimmt", erklärt Jakob Abermann. Immer wieder gab es Versuche, eine Diskussion darüber anzustoßen, ob der Eisschild Grönlands wegen seiner Bedeutung als "planetares Gemeinschaftsgut" rechtlich geschützt und überregional verwaltet werden könnte.

"Neben dem bis zu 3300 Meter dicken kontinentalen Eisschild gibt es rund 20 000 davon abgekoppelte Gletscher in Küstennähe, die wesentlich weniger untersucht sind", so der Glaziologe. Um künftige Entwicklungen des Klimas modellieren zu können, müssen die Veränderungen der Gletscher über möglichst lange Zeit untersucht werden. Doch wie erforscht man die riesigen Eismassen, ihr Wachsen und Schmelzen in den entlegenen Gegenden des Hohen Nordens? Wie lassen sich die komplexen Zusammenhänge erfassen?

Jakob Abermann hat mehrere Jahre in Grönland gelebt, Land und Leute kennengelernt und unter anderem auch auf der Sermilik-Forschungsstation gearbeitet, einer Außenstelle der Universität Graz. Vor wenigen Jahren hat er eine legendäre Forschungsreise auf den Spuren des Polarforschers Alfred Wegener unternommen und dessen historischen Daten noch einmal untersucht. "Wir stießen auf mehrere hundert Seiten von bislang brach liegenden Messergebnissen, die Alfred Wegener vor knapp hundert Jahren auf seiner Grönland-Expedition gesammelt hatte", sagt der Arktisforscher - Daten, die heute noch von großem Wert für die Forschung sind: "Verlässliche Daten von Grönlands Gletschern und Atmosphäre zu haben, die fast ein Jahrhundert umfassen, ist ein großer wissenschaftlicher Schatz. Wir hoffen, dass wir mit modernen Methoden mehr über die Wechselwirkung zwischen Eisoberfläche und Atmosphäre lernen können".

Die Klimaerwärmung setzt auch den heimischen Gletschern, den Alpen und Gebirgsregionen stark zu. In Deutschland ist der Nördliche Schneeferner an der Zugspitze inzwischen derart geschmolzen, dass am vergangenen Freitag der Rückbau des letzten Lifts begonnen hat. Das letzte deutsche Gletscher-Skigebiet hat somit geschlossen.

Über das "ewige Eis" und seine Zukunft, das Leben und Forschen auf der größten Insel der Welt und seine Faszination für alle Formen von Schnee und Eis im Klimasystem der Erde, spricht Jakob Abermann als Gast bei Barbara Zeithammer in Punkt eins.

Unserer Hörerinnen und Hörer sind wie immer herzlich eingeladen, Ihre Fragen zu stellen und Ihre Erfahrungen beizutragen: Anrufe kostenlos aus ganz Österreich unter 0800 22 69 79; E-Mails an punkteins(at)orf.at

Der ursprüngliche Gast Wolfgang Schöner hat kurzfristig aus terminlichen Gründen abgesagt.

Sendereihe

Gestaltung

  • Barbara Zeithammer