Im Circulus fritziosus
Der lachende Grantscherben
Populär ist er als Verkörperung seiner selbst im Fernsehen geworden - obwohl kaum jemand wusste, dass, beispielsweise, auch die "Familie Leitner" von ihm war, bevor er noch als "Inspektor Marek" als wienerischer Grantler mit Witz auftrat.
8. April 2017, 21:58
"Ich verlange von einer Stadt, in der ich leben soll: Asphalt, Straßenspülung, Haustorschlüssel, Luftheizung, Warmwasserleitung. Gemütlich bin ich selber." Als Karl Kraus diesen Aphorismus wider die öffentliche Gemütlichkeitsproduktion schrieb, war Fritz Eckhardt schon zwei Jahre alt.
Er zeigte allerdings damals, 1909, noch keinerlei Anzeichen besonderen Gemütlichseins, geschweige denn in der biedermännisch-spitzbübischen Variante, die ihn nachmals berühmt machte, vor allem im Fernsehen des deutschen Gemütlichkeitsraumes vulgo Wohnzimmer.
In der Provinz
Das lag nicht nur daran, dass die Stadt seiner Geburt Linz war, dass sein Vater zwar Theaterprinzipal und die Mutter Schauspielerin, die Familie aber schon in diesem, Fritz Eckhardts zweitem Lebensjahr, zerstört war und der begabte Bub zwischen Pflege- und Kosteltern hin- und hergeschoben, von einer Schule zur anderen (quasi: mit zwei Fingern) weitergereicht wurde.
Mit 16, ohne brauchbaren Schulabschluss, ging er zum Theater: Zunächst nach Stuttgart, wo sein Vater gerade Direktor war, den in jeder Hinsicht hemmungslos outrierenden Knaben aber bald hinausschmiss, dann an die deutsch-böhmische Schmiere, die berühmt-berüchtigte "Provinz" jener Jahre, mit drei Premieren pro Woche und dementsprechender künstlerischer Sorgfalt. Dagegen war die nicht unbeträchtliche Zwischenkarriere als Operettenkomiker in Bad Ischl ausgesprochen seriös.
Nächste Station: Kabarett
Als Fritz Eckhardt in den 1930er Jahren zum damals recht scharfzüngigen und tendenziell linken Kabarett in Wien stieß, machte ihm die Schauspielerei schon keine wirkliche Freude mehr, obzwar man sein komisches Talent schätzte, auch im "ABC", auch in Stella Kadmons "Liebem Augustin". Eckhardt schrieb lieber Texte und führte Regie. Beides ohne allzu viel Exponieren, aber ordentlich und pointensicher.
Dann kam das Hetz- und Mordjahr 1938, aus Theater- und Kabarettkellern wurden die Künstler scharenweise verschleppt oder vertrieben - Fritz Eckhardt blieb. Das war insofern erstaunlich, als er einen jüdischen Vater hatte, aber er schaffte es sogar, weiter zu schreiben, gedeckt durch Pseudonyme und Namen von Freunden.
Als (natürlich zensuriertes) Kabarett wurde das Wiener Werkel in der Liliengasse von den neuen Machthabern etabliert, und dort konnte man, ob Autor oder Schauspieler, Erfolg haben, ohne unanständig zu sein. Nicht zuletzt Fritz Eckhardts Texte, etwa "Herrn Kampls Höllenfahrt" oder das bis heute oft zitierte "Chinesische Wunder", bezeugen das.
Gesucht als Autor
Eckhardt war bald auch außerhalb dieses Souterrains ein gesuchter Autor, schieb und bearbeitete, was das Zeug hielt, tat es mit Geschick (wenn auch ohne nennenswerte Konkurrenz) und hatte nach 1945 noch immer so viel Geld, dass er mit einer eigenen Bühne ein kleines Vermögen verlieren und, als provisorischer Leiter des Lieben Augustin, 1946 einigermaßen befremdet über die Rückkehr Stella Kadmons aus dem Zwangsexil sein konnte.
Nein, so gestand er freimütig, er sei kein Held gewesen, ebenso wenig wie die allermeisten Kollegen, die sich durchschlagen mussten. Immerhin aber sei er gemeiner Denunziation mehrmals nur knapp entgangen. Hatte ihm vor kurzem noch ein wohltemperierter Schwank über "Großkopferte" viel Reichsmark eingebracht, so schrieb er jetzt, zum Beispiel, ein Besatzungslustspiel, einen Kassenschlager ("Rendezvous in Wien"), den sich das Theater in der Josefstadt aber immerhin erst 1955 zu spielen traute.
Der Haupttreffer
Und dann, eines Tages, als Fritz Eckhardt schon in seinen Sechzigern war, passierte ihm das, was er als seinen persönlichen Glückfall, den Haupttreffer seines Lebens bezeichnete: Das Fernsehen wandelte sich sehr rasch vom vergleichsweise elitären Kulturproduzenten zum Ablenkungsmedium: Der Massenbedarf an Gefühlskitsch und Gemütlichkeit, vorzugsweise wienerischer, überforderte viele - nicht den routinierten und publikumssicheren Eckhardt, für den die "Fernsehfamilie" nur ein logischer Auftakt zu ähnlichen Serien war.
Den kleinen Leuten die große Welt vorführen, das wolle er, sagte Eckhardt, und mit seinen Serienfiguren - nun spielte er die Hauptrollen auf einmal wieder ganz gern selbst - gelang dem Autor Eckhardt beinah Surreales: Die Väter und Söhne und Hotelportiers und Hausbesitzer und Kriminalinspektoren stellten, infolge strikter Orientierung am Publikum, nicht reale, vielleicht ein wenig vereinfachte Gestalten des Lebens, sondern Fernsehfiguren da, die Fernsehfiguren darstellten, die ...
Sieg der Gemütlichkeit
Dieser Circulus fritziosus bewirkte natürlich relativ rasch, dass sich das ewig Gleiche, von den ewig Gleichen betrachtet und für ewig gleich gehalten, relativ rasch totlief, trotz unglaublicher Fruchtbarkeit seines Autors. Man nannte das "Unterhaltungskrise" und erzeugte als Therapie immer noch mehr davon. Das war Eckhardts Domäne. Gemütlichkeit überschwemmte den Markt, der keiner war (auch deshalb, weil man schon damals Kanäle mit Inhalten verwechselte).
Fritz Eckhardts Fernseheinschaltquoten sind heute ebenso legendär wie die Inflations- und Wachstumsraten dieser Zeit. Er tat alles, um sie hochzuhalten. Selbst bei den dazumal beliebten "Meinungsumfragen" unter Prominenten redete Eckhardt, nach eigener Auskunft, prinzipiell den Leuten nach dem Mund, oder wonach auch immer. Bös wurde er eigentlich nur, wenn "die Intellektuellen" auf ihn losgingen. Die hätten, so pflegte er zu gifteln, a) keine Ahnung und b) keinen Humor. Er hingegen habe beides im Überfluss.
Als Fritz Eckhardt, einsam geworden, am Silvestertag des Jahres 1995 starb, starb mit ihm ein höchst komplexes Stück Zeitgeschichte und Unterhaltungskultur, nehmt alles nur in allem. Fritz Eckhardt nahm's.
Hör-Tipp
Literatur am Feiertag, Freitag, 6. Jänner 2006, 14:05 Uhr
