Bruder und Bruder, Bruder und Schwester
Der Tag war blau
Emmanuelle Paganos Thema ist das Problem des Körpers. Die Hauptperson in "Der Tag war blau" ließ zwar ihr Geschlecht umwandeln, es gibt aber keinen Transgender-Diskurs; in dem Text geht es rein um das körperliche Befinden der einzelnen Protagonisten.
8. April 2017, 21:58
Das französische Wort Navette bezeichnet sowohl das Schiffchen am Webstuhl als auch den Schulbus am Land, der die Kinder von den Bauernhöfen, aus den Dörfern in die Schule bringt. Die Schulbusfahrerin Adèle ist die Hauptfigur des Romans "Der Tag war blau". Täglich fährt sie die Serpentinen vom Hochplateau hinunter, abends wieder hinauf, durchwebt quasi horizontal die Landschaft.
Ihr Bruder, den sie seit zehn Jahren nicht mehr gesehen hat, bringt Befestigungen an den Felswänden an, er hängt vertikal am Seil, spannt quasi jene Schnüre, durch die sich der Schulbus und Adèle weben. Das Bild des Schulbus/Webschiffchens ist Emmanuelle Paganos Versuch, Gegenwart und Vergangenheit, von der Natur Verbundenes, aber vom Leben Getrenntes in einem Stoff zu vereinen.
Erinnerungen an die Kindheit
Bewegt sich der Körper auf immer gleichen Wegen, kann der Geist wandern, sich hinunterspinnen in die Erinnerung. Er wandert zurück in Adèles Kindheit, auf den Bauernhof, zurück zum Tod der Mutter, zum unnahbaren Vater, sie erinnert sich, als sie mit ihrem Bruder in der Stadt gewohnt hat, als die heutige Adèle noch sein Bruder war. Der Bruch zwischen den Geschwistern war die Geschlechtsumwandlung vom Mann zur Frau. Nun ist Adèle zurückgekehrt auf das dünn besiedelte Hochplateau, auf dem sie aufgewachsen ist, sie kennt die Kinder, die sie zur Schule führt, sie spricht das lokale Idiom, kurz: Sie redet kaum, gibt nichts preis.
"Alles, was ich schreibe, ist wahr. Ich erfinde absolut nichts", sagt Emmanuelle Pagano.
Emmanuelle Pagano setzt voneinander unabhängige Ereignisse in Verbindung, verknüpft Aufgeschnapptes, Beobachtetes, Selbst Erlebtes.
Eigene Erlebnisse verarbeitet
Da war zum Beispiel ein Jugendliebhaber. Er kleidete sich als Frau. Sie hatten Sex an einem See. Jahre später zieht Pagano mit ihrem Mann und den drei Kindern in ein Haus an diesem See. Zu diesem Zeitpunkt arbeitet sie an "Der Tag war blau", in dem sie sich primär mit einer Schwester-Bruder-Beziehung auseinandersetzen wollte. Da kontaktiert sie dieser Ex-Liebhaber wieder. Er hat sich mittlerweile zur Frau umoperieren lassen und bittet Emmanuelle Pagano als Zeugin auszusagen.
Emmanuelle Pagano vereinbart einen Kuhhandel: Ich sage für dich vor Gericht aus, dass du eigentlich immer schon eine Frau warst, aber im Gegenzug wirst du Teil meines Romans. Der sich, wie sie sagt, zeitweise "wie mit vier Händen" geschrieben hat.
Erzwungenes Coming Out
Die Beschreibung dieser außergewöhnlichen Lebensgeschichte eines Mannes, der als Frau in die Heimat zurückkehrt, um sich heimlich mit der Vergangenheit auszusöhnen, ist gänzlich unaufgeregt und schlicht. Selbst als Adèle eine Beziehung mit dem Jäger Tony beginnt, glaubt sie noch, die eigene Frauwerdung verschweigen zu können.
Vor allem die Schulkinder sind längst skeptisch. Das Coming Out passiert am Ende der Geschichte und ist erzwungen. Natürlich kommt einem das oft bediente Klischee des engen Regelwerks am Land, des Konservativismus einer in sich geschlossenen Welt als Erklärung für die Verschlossenheit Adèles in den Sinn, doch als Erklärung für den Roman selbst macht es wenig Sinn.
Das körperliche Befinden
Emmanuelle Paganos Thema ist das Problem des Körpers und nicht das Problem des Landlebens. Nicht umsonst sagt die Autorin, dass die Probleme des Körpers zentrales Thema sind. Im Roman "Der Tag war blau" gibt es keinen Transgender-Diskurs, genauso wie es in Paganos vorhergehendem Roman "Le Tiroir a Cheveux" keine Diskussion über alleinerziehende Mütter von behinderten Kindern gibt, so wie sich ihr aktuellster Roman "Les main gamines" nicht um eine Debatte über sexuelle Gewalt zwischen Schulkindern dreht, in all diesen Texten geht es um das körperliche Befinden der einzelnen Protagonisten.
Paganos nicht abgeschlossene Dissertation hat sich mit dem Kino der Vernarbungen auseinandergesetzt, ihre Website nennt sie "les corps empechés", die verhinderten Körper, auf der sie persönliche Details wie die kürzliche Scheidung und den neuen Liebhaber preisgibt. Dass sie in "Der Tag war blau" den Konflikt Transgender-Dasein am Land nicht stärker in den Vordergrund rückt, ist einerseits schade, weil wir zwar eingeweiht sind, aber doch ein wenig im Abseits stehen, andrerseits ist das Unkritische dieses Textes interessant. Ohnehin gibt Emmanuelle Pagano zu bedenken, dass das Persönliche immer auch politisch ist.
Persönliche Selbstfindung
Die Aussparung des offenkundig Politischen in "Der Tag war blau" schafft den Raum für die persönliche Selbstfindung der Ich-Erzählerin. Wie sie ihren Schulbus durch die sich im Jahreszeitenkreis wiederholend veränderliche Landschaft navigiert, da wird selbst die Natur körperlich dingfest gemacht. Der Himmel wirft Falten, die Luft wird an einigen Stellen spröde, stolz richtet sich ein Mondregenbogen auf - eigenwillige, poetische sprachliche Delikatessen, für die sich die Lektüre allemal lohnt.
Hör-Tipp
Ex libris, Sonntag, 27. Juli 2008, 18:15 Uhr
Mehr dazu in oe1.ORF.at
Buch-Tipp
Emmanuelle Pagano, "Der Tag war blau", aus dem Französischen übersetzt von Nathalie Mälzer-Semlinger, Verlag Klaus Wagenbach
