Ein Kritiker seiner Zeit
Der gläubige Zweifler
Der Biochemiker Erwin Chargaff glaubte an die Natur, aber er war ein radikaler Zweifler an den Naturwissenschaften, wie sie heute betrieben werden. Für ihn waren sie zu mächtig geworden, zu sehr den Forderungen der Technologie hörig, zu undurchsichtig.
8. April 2017, 21:58
Für Erwin Chargaff war das 20. Jahrhundert "eines der abscheulichsten in der Weltgeschichte, ein Zeitalter, in dem sich die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse und die technischen Errungenschaften als Fluch erwiesen haben". Zu dieser von ihm gezeichneten düsteren Entwicklung hat der vor 100 Jahren geborene Biochemiker mit österreichischen Wurzeln durchaus selbst beigetragen.
Denn seine Forschungen über die quantitativen Basenzusammensetzungen der Nukleinsäuren der Erbsubstanz waren ein Meilenstein für die Entschlüsselung der Erbsubstanz. Die so genannten Chargaffschen Regeln besagen, dass die vier Basen Adenin, Cytosin, Guanin und Thymin - Hauptbestandteile der DNA - stets in Paaren auftreten. Diese Zusammenhänge sind etwa bei der Vervielfältigung des Erbgutes und somit bei der Zellteilung von entscheidender Bedeutung.
Wurde seine Entdeckung gestohlen?
Am Ende seines Lebens war Erwin Chargaff verbittert. Er war einer der großen Naturwissenschafter gewesen. Er hatte Grundlagen für die Erforschung der DNA geschaffen. "Die so genannten Basen-Paare müssten Chargaff- Paare heißen. Aber sie heißen Crick - Watson - Paare. Ich hatte meine Arbeiten vor ihnen publiziert. Ich traf die beiden als sie jung waren und ehrgeizig. Der eine, der 35jährige Brite Fancis Crick wollte über Proteine promovieren und der zwölf Jahre jüngere Amerikaner James Watson hatte ein Stipendium für molekularbiologische Studien bekommen. Ich erzählte ihnen alles. Dann haben Sie mir die Basen-Paare gestohlen", erzählt Chargaff. Sie bekamen dafür den Nobelpreis.
Der Chemiker und Molekularbiologe Günther Kreil aus Salzburg, er ist mit Erwin Chargaff zusammen getroffen, sieht es differenzierter. "Die DNA besteht aus vier Bausteinen. Mit analytischen Methoden hat Chargaff herausgefunden, dass die Bausteine der DNA immer Paar weise auftreten. Aber er hat das nur ungefähr bestimmt. 1950 als er darüber forschte, waren die Methoden auch nicht so ausgereift. Es wird ein Wissenschaftsstreit bleiben, ob diese Erkenntnis für die Doppelhelixstruktur, die Watson und Crick postulierten, entscheidend war oder nicht."
Grenzen der Wissenschaft
In der zweiten Hälfte seines Lebens wurde Erwin Chargaff einer der schärfsten Kritiker der modernen Wissenschaften. Vor allem was die Atom- und Gentechnologie betraf. Er war knapp 40 Jahre alt, als die erste Atombombe über Hiroshima abgeworfen wurde. 70.000 Menschen wurden damals getötet. 80 Prozent der Stadt zerstört. Kurz darauf folgte der zweite Abwurf auf Nagasaki.
Die Überlebenden dieser Städte und ihre Nachkommen leiden noch heute unter den Folgen der Katastrophe. Viele Menschen sagten damals: "Wir dürfen nicht alles tun, was wir können. Auch nicht in der Wissenschaft." Erwin Chargaff, der 1923 bis 1928 in Wien Chemie studierte, gehörte zu ihnen.
Ein großer Kritiker des Forschungsbetriebes
In den 80er Jahren war Erwin Chargaff mehrmals in Salzburg zu Gast. Damals, wie auch 1995, als ich ihn in seiner Wohnung, in New York, im 13. Stock, mit Aussicht auf den Central Park, besuchte, kritisierte Erwin Chargaff vehement den Forschungs- und Forschungsförderungsbetrieb. Er beklagte, dass die Forscher mehr Zeit auf den Patentämter verbrächten als in den Labors. Mit seinen kritischen Äußerungen machte er sich nicht nur Freunde.
Von der Kritik an der Atomforschung nahtlos zur Kritik an der Genforschung überzugehen, wie Erwin Chargaff es seinerzeit tat, empfand Günther Kreil und mit ihm auch andere Kollegen, besonders ärgerlich, weil es so schlecht zusammenpasste. Immerhin, so die Kritiker des scharfzüngigen Chemikers und Literaten habe die Genforschung Segen in die Medizin gebracht.
Beobachter und Kritiker
Was bleibt, ist die Erinnerung an einen Gelehrten des vergangenen Jahrhunderts, der über sein Fach hinaus umfassend gebildet war. Es bleibt die Erinnerung an einen Menschen der sich bis in sein hohes Alter zu Wort meldete, die Geschehnisse der Zeit beschrieb und kritisierte.
Erwin Chargaff, der 1905 in Czernowitz, als dieses noch zu Österreich - Ungarn gehörte, geboren wurde, starb vor drei Jahren in New York. Seine Bücher sind alle vor 1995 erschienen, denn nach dem Tod seiner Frau schrieb er nicht mehr. "Mit ihr habe ich das Leben verlassen".
Download-Tipp
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Buch-Tipps
Erwin Chargaff, "Ein zweites Leben", Klett-Cotta, ISBN 3608933131
Erwin Chargaff, "Die Aussicht vom 13. Stock", Klett-Cotta, ISBN 3608934332
Erwin Chargaff, "Kritik der Zukunft", Klett-Cotta, ISBN 3608935762
Erwin Chargaff, "Ernste Fragen", Klett-Cotta, ISBN 3608934200
Erwin Chargaff, "Das Feuer des Heraklit", Klett-Cotta, ISBN 3608951342
