Der Graffiti-Beobachter

Vom Stadtspaziergänger zum Volkskundler: seit über 20 Jahren liest der Autor Thomas Northoff mit besonderer Aufmerksamkeit, was im "öffentlichen Raum" an den Wänden steht. Aus dem Privat-Vergnügen wurde eine der größten Graffitisammlungen der Welt.

Aktion und Reaktion

Seit 1983 ist der 58-jährige Schriftsteller Thomas Northoff in den Städten von Europa unterwegs. Im Laufe seiner Stadtwanderungen hat er ein umfangreiches Archiv an Graffitis zusammengetragen, Botschaften aus den verschiedensten Bereichen subkultureller Äußerungsformen.

Stadtlesebuch, letztes Volksbuch

Ausgangspunkt ist eine Idee des "Autors" Thomas Northoff, nämlich die sprachlichen Botschaften an Wänden im öffentlichen Raum als Ausgangsmaterial für Text-Montagen zu nehmen. Und zwar nicht in der Form, dass daraus ein zusammenhängender Text entsteht, dessen Einzelteile dann wieder als Zitate dekodiert werden müssen, sondern als literarische Diaschau, wo die Fotos der "Graffitis" hintereinander an die Wand projiziert werden, wobei sie durch die Reihenfolge einen bestimmten Sinn ergeben, der nicht unbedingt offensichtlich sein muss. Dadurch müssen die Besucher solcher Veranstaltungen den Text selbst lesen, was über die Intention des Autors hinaus einen breiten Spielraum für Interpretationen ermöglicht. "Stadtlesebuch - ein letztes Volksbuch" nennt Thomas Northoff dieses literarische Projekt.

Spurensache - Stadtwanderer

Ursprünglich war es natürlich das Subversive, das ihn reizte. Das Aufbegehren gegen die Obrigkeit entsprach durchwegs auch einmal seiner subjektiven Befindlichkeit. Dazu kommt das Gehen, denn er kann nicht lange ruhig auf einem Platz sitzen. Seine Spurensuche führte und führt ihn noch durch die Städte Österreichs und darüber hinaus, die Kamera ist immer dabei. Inzwischen verfügt er über eines der weltweit größten Graffiti-Archive.

Vom Park bis zum Klo, unter Brücken oder auf Verkehrstafeln, die Fundorte sind so verschieden wie die hinterlassenen Botschaften.

Von banalen Liebesgraffitis über Kundgebungen des ohnmächtigen Zorns bis zu philosophischen Gedanken reichen die Fundstücke.

Begriffserklärung

Wortgraffitis erklärt Thomas Northoff als "eine inoffizielle Äußerung, nach der niemand gefragt hat, und die einzelne Menschen dazu drängt, geäußert zu werden."

Graffitischreiber geben Antworten auf Fragen, die gar nicht gestellt wurden, und schreiben damit die "Wahrheit", eine subjektive Wahrheit, die natürlich nicht stimmen muss, allerdings der augenblicklichen Befindlichkeit des Urhebers entspricht, für die er in der Folge auch nicht die Verantwortung übernehmen muss.

Verbreitet sind einfache Formen der Liebeskundgebung, wie "x liebt y" bis zu Sätzen mit Erkenntnischarakter, "Ich habe dich überwunden und das nennt man für gewöhnlich, einen Schlussstrich ziehen".

Witziges wie "Nasenbohren statt Arschkriechen" steht neben Kundgebungen voll Fremdenhass. Hier ist ein Phänomen zu beobachten, das dem Spurensucher Northoff Trost im Untröstlichen ist. Zum Beispiel war das Graffito "Neger raus" einen Tag später durch eine originelle Hinzufügung zum "Topfen-Neger raus" persifliert. Die beschriebenen Wände erzählen kleine Geschichten, Miniaturen von Befindlichkeitszuständen, oft sind auch Ankündigungen von gesellschaftspolitischen Tendenzen abzulesen, Graffitis als nicht beauftragte Meinungsumfragen. Die Antiatombewegung oder die Frauenbewegung Ende der 1960er Jahre kündigten sich lange bevor sie gesellschaftlicher Konsens wurden an den Wänden an.

Vom Literaturprojekt zur wissenschaftlichen Arbeit

Die Passion des "Graffiti-Sammelns" führte Thomas Northoff zur Vertiefung in die Materie, vom literarischen Projekt entwickelte sich sein Blickwinkel zum wissenschaftlichen Erforschen des zusammengetragenen Materials. Mit knapp 60 Jahren machte der Autor den Abschluss als Volkskundler.

In seinem Buch "Graffiti - Die Sprache an den Wänden" präsentiert er einen Blick in die Geschichte, von den Graffitis aus Pompeji, Diskussionsbeiträge zum Begriff, Kategorisierungen und vieles mehr.

Download-Tipp
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Buch-Tipp
Thomas Northoff, "Graffiti - Die Sprache an den Wänden", Löcker Verlag, ISBN 3854094175