Narren, die wahren Weisen

Dass die launische Glücksgöttin Fortuna ihre Gaben höchst ungerecht verteilt, ist manche Quelle ständigen Unglücks, kann aber auch Quelle fortgesetzten Vergnügens sein - für Nichtbetroffene und für Außenstehende, die zum Beispiel darüber lesen.

Sie tun ihr Möglichstes, die Spötter und die Schelme, die uns armen, verzweifelt dem Glück Nachjagenden den Spiegel vorhalten, um uns so wenigstens ein Lächeln zu entlocken. Manche haben es mit ihren Streichen zu großer Bekanntheit gebracht: Till Eulenspiegel etwa, oder sein türkischer Verwandter im Geiste Nasreddin Hodscha. Andere Narren brachten es bloß zu regionaler Berühmtheit, weil ihre Streiche vor allem die politischen Verhältnisse aufs Korn nehmen. Der Soldat Schwejk wird bei uns immer ein Begriff sein, weil er uns und unserer Geschichte nahe steht. Aber die andern?

Das Beste daraus machen

Da wäre zum Beispiel Lasik Roitschwantz, ein jüdischer Schneider, der irgendwo in der sowjetischen Provinz und dann auf seinen Wanderungen durch Europa bis nach Palästina versucht, das Beste aus den sich weltgeschichtlich gebenden Verhältnissen zu machen. Und sich nicht von der Überzeugung trennen will, dass "der Mensch" im Wesentlichen gut sei, und nur er immer das Pech habe, auf die nicht so guten Zeitgenossen zu treffen. Und sich trotz aller Widrigkeiten seine Zuversicht bewahrt - und seinen Traum von der Gerechtigkeit und einem Scheibchen Wurst.

Ilja Ehrenburg hat ihn 1928 erfunden, da lebte er schon in Paris als Korrespondent der Zeitung Izvestija. 1929 erschien die erste russische Ausgabe in Berlin. In Russland selber durfte "Das bewegte Leben des Lasik Roitschwantz" erst 1991 erscheinen.

Heitere Stunden mit Kwatschi

Etwa zur selben Zeit wurde in Georgien Kwatschi Kwatschantiradse erfunden, ein Schelm und Erzgauner, dessen Abenteuer und Betrügereien den Tollereien des Till Eulenspiegel in nichts nachstehen. Er wirbelt durch die Jahre des zerfallenden Zarenreiches, betrügt alle, die sich ihm in den Weg stellen, sogar den überschlauen Mönch Rasputin. Er kauft und verkauft des Teufels Großmutter, und zwar mit Gewinn! Er entgeht nicht nur einmal haarscharf dem Galgen und schafft es sogar, die neuen Machthaber, die Genossen, zu linken, ohne selbst Schaden zu nehmen. Kein Wunder, dass Kwatschi K. und sein Erfinder Michail Dschawachischwili im Kaukasus immer noch für heitere Stunden gut sind.

Moskau ist weit weg

Am Westrand des Kaukasus, in Abchasien, treibt Sandro von Tschegem sein Unwesen. Seine Geschichten erzählen vom Widerstand der Abchasen und ihrer Nachbarn gegen den sich ausbreitenden Kommunismus und von den Verrücktheiten, die im "ruhmreichen Zeitalter des Marxismus-Leninismus" durch verquere Verordnungen "passieren". Und dadurch, dass die Führung in Moskau so weit weg ist. Und auch dadurch, dass die Abchasen die Ideen dessen, "der Gutes tun wollte, aber nicht genug Zeit hatte" (= Lenin) gegen die dessen, vor dem Lenin gewarnt hatte, des "Großen Schnurrbarts" (= Stalin) zu ihren Gunsten ausspielten. Klar, dass Sandros geistiger Vater Fasil Iskander immer wieder Schwierigkeiten mit der Zensur hatte.

Missgeschick auf Missgeschick

Keine Schwierigkeiten mit irgendeiner Zensur kann sich Josip Navikovich einhandeln: Er lebt seit Mitte der 70er Jahre in Pennsylvania. Mit einem sehr kritischen Auge auf die Ereignisse in der ehemaligen Heimat hat er seinen erfolgreich scheiternden Narr Ivan Dolinar erfunden. Sein ganzes Leben lang versucht Ivan vergeblich, die Gunst der Mächtigen zu gewinnen. Das beginnt schon mit der Aktion, als er mit sieben Kapo der Jungenbande werden wollte, aber seine Mutprobe verpatzte. Geht dann weiter mit den Hunderten von roten Fähnchen, die er zum Tag der Republik gesammelt hat, um seine Lehrerin zu beeindrucken - dummerweise hat er damit in seinem Eifer die von den Partisanen hergestellte Straßendekoration zerstört. Und der dem christlichen Vaterunser nachempfundene Lobbrief an den Genossen Tito anlässlich seines Besuchs half ihm auch nicht weiter.

Von Missgeschick zu Missgeschick stolpert Ivan durch sein Leben, bis er schließlich irrtümlich für tot erklärt und begraben wird. Glück im Unglück: Einer seiner Kumpel vermutet unglaubliche Schätze in seinem Sarg und holt ihn ins Leben zurück. Und sogar jetzt noch klebt das Pech an Ivans Füßen: Nicht einmal als Wiederauferstandener bleibt Ivan von diversen Missgeschicken verschont. Schlimm, dass wir darüber lachen?

Buch-Tipps
Josip Novakovich, "Die schwierige Sache mit dem Glück", Kein & Aber Verlag, ISBN 3036951245

Fasil Iskander, "Belsazars Feste. Aus dem Leben des Sandro von Tschegem", der erste Band der Sandro-Saga, S. Fischer Verlag, ISBN 3100347021

Fasil Iskander, "Der Hüter der Berge oder Das Volk kennt seine Helden. Neues aus dem Leben des Sandro von Tschegem", der zweite Band der Sandro-Saga, Sf. Fischer Verlag, ISBN 310034703X

Fasil Iskander, "Sandro von Tschegem", der dritte Band der Sandro-Saga, S. Fischer Verlag, ISBN 3100347048

Fasil Iskander, "Tschegemer Carmen", der vierte Band der Sandro-Saga, S. Fischer Verlag, ISBN 3100347056

Michail Dschawachischwili, "Das fürstliche Leben des Kwatschi K. Ein Gauner- und Schelmenroman aus Georgien", Scherz Verlag, ISBN 3502101582

Ilja Ehrenburg, "Das bewegte Leben des Lasik Roitschwantz", Verlag Volk & Welt, ISBN 3353010009