Wenn Jazzmusiker zwanglos musizieren

Jam Sessions

Wenn sich Jazzmusiker zum zwanglosen Musizieren treffen - nicht selten sogar ohne Publikum - entsteht eine "Jam Session". Besonders interessant wird es, wenn Musiker dabei sind, die noch nie miteinander gespielt haben.

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Die ideale Jam Session gibt es nicht. Es wäre ein Zusammentreffen von Musikern, die noch nie vorher miteinander gespielt haben, die sich aber auf Anhieb menschlich und musikalisch verstehen, in einem behaglichen Raum mit einem gestimmten Klavier und genügend Getränken, wo nur zum eigenen Vergnügen - ohne Publikum und ohne Bezahlung - stundenlang musiziert wird. Und dann müsste noch in einer verborgenen Ecke ein HiFi-Aufnahmegerät stehen, um das Ergebnis der Musikwelt zu übermitteln.

Vielleicht hat es solche Jam Sessions tatsächlich gegeben. Aber dann war vielleicht doch der Flügel nicht gestimmt oder einer der Musiker nicht in Stimmung. Und Aufnahmegerät war auch keines dabei. Nur Getränke waren bestimmt in ausreichender Menge vorhanden, und das mit der Bezahlung traf hundertprozentig zu.

Flucht aus der Routine

Jam Sessions - das zufällige Zusammentreffen von Musikern, die nur zu ihrem eigenen Vergnügen musizieren - hat es in der Jazzgeschichte schon immer gegeben. Essentiell und wichtig wurden sie aber erst in der Swing-Ära, als zur Musik der Bigbands getanzt wurde und einzelne Solisten in den großen Orchestern für den jazzigen Aufputz sorgten. Die wenigen Soli, die sie zu spielen hatten, genügten ihnen nicht. Also ging man nach dem Auftritt noch in irgendeine Kneipe, traf dort die Jazzsolisten der anderen Bigbands und “jammte“ mit ihnen bis zum Morgengrauen.

Die Pianistin Mary Lou Williams erzählt von so einer Jam Session in Kansas City, bei der sie, während der Titel “Indiana“ gespielt wurde, nach Hause ging, zu Abend aß, sich duschte und schlafen legte und dann wieder zur Session ging, wo noch immer derselbe Titel gespielt wurde.

Jam Sessions auf Schallplatten

Damit ist schon ein weiteres Charakteristikum einer Jam Session genannt: Da jeder so lange improvisierte, wie er Lust und Luft hatte, wurden die einzelnen Stücke auf jeden Fall zu lang, um sie auf einer dreiminütigen Schellackplatte unterzubringen. Das änderte sich erst mit Erfindung der Langspielplatte. Benny Goodman baute in sein berühmtes Carnegie-Hall-Konzert von 1938 eine Jam Session ins Programm ein, um dem Publikum vor Augen und Ohren zu führen, wie so etwas funktioniert. Veröffentlicht wurde diese Aufnahme aber erst zehn Jahre später - auf Langspielplatte.

Öffentliche Sessions sind inzwischen bühnenreif geworden. Die Jazz-Manager Norman Granz und Gene Norman ließen ihre bunt zusammengewürfelten Startruppen bei Konzerten eine Jam Session auf der Bühne simulieren, und selbst in Wien gibt es jede Woche einige solcher Sessions, bei denen sich vor allem die jungen Musiker ihre ersten Sporen verdienen können.

Organisation auf Freiheit

Manche Musiker spielen endlose Chorusse. Sie sehen eine Jam Session als “Cutting Contest“, als olympischen Wettbewerb, bei dem es vor allem darum geht, die anderen niederzuspielen und als Sieger vom Platz zu gehen. Ihr Motto lautet: lauter, höher, länger.

Und noch etwas. Bei aller Spontaneität und Improvisation: es gibt nichts Chaotischeres, als eine unorganisierte Jam Session. Wenn am Schluss eines Festivals alle beteiligten Musiker auf die Bühne kommen, um die große Abschlusssession zu zelebrieren, entsteht nur noch Lärm. Eine vernünftige Stücke-Auswahl und Aufteilung der Soli sind unabdingbar. Dann können sich die Beteiligten gegenseitig die Bälle zuwerfen, dann macht das Musizieren Spaß, dann entsteht vielleicht doch so etwas wie die ideale Jam Session.

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