Späte Erkenntnisse

Tintifax auf dem Zauberberg

Mir gefallen Peter Zimmermanns Kolumnen sehr. Er schreibt immer lustig über seine Kindheit. Die Ereignisse in dieser Zeit haben die sonderbarsten Auswirkungen. Manches bleibt ein Rätsel. Manches versteht man irgendwann. Zum Beispiel visuelle Poesie.

Wie bei Peter Zimmermann hatte auch auf meine Entwicklung das Kasperltheater großen Einfluss. Ich lernte zu hassen. Die Abkehr von der Halbmoral der idiotischen Holzpuppe trieb mich in die Arme Thomas Bernhards, der mit dem Kasperlunwesen in Österreich gründlich aufräumte. Diese Aufgabe hatte auf der Puppenbühne der hässliche Zauberer Tintifax, bei dessen Erscheinen ich immer auf FS2 schaltete, weil ich die Hosen voll hatte. Voller geht nicht.

Über Thomas Bernhard schrieb ich dann meine Fachbereichsarbeit in Deutsch. Während dieser Zeit wurde mein Verhältnis zu der Deutschlehrkraft gründlich gerüttelt, bis es brach, Hass und Hohn ultimativ blank legend. Ich erhielt als erster Schüler in der Geschichte meiner Schule ein "Nicht Genügend" auf eine Fachbereichsarbeit.

Die Lehrkraft, der ich hier so was von keine Plattform bieten werde, indem ich ihren Namen preisgäbe, hätte erwartet, dass ich eine artige Arbeit abgebe. Im Unterrichtsfach Deutsch, das konnte selbst diese Lehrkraft nicht einfach vergessen haben, war keine meiner Arbeiten jemals artig gewesen.

So bestand eine Schularbeit, bei der wir Schillers Räuber interpretieren sollten, in Ermangelung einschlägiger Leseerinnerungen zwangsläufig aus einem selbst verfassten Dreiakter, ungefähr auf dem Niveau der Lehrkraft. So begann ein Aufsatz über Fremdenhass mit der Formel "Welch Hochmut ist uns zu eigen!" So endete die Fachbereichsarbeit über Thomas Bernhard mit dem abartig mustergültigen Satz "Und Österreich hat nichts verstanden".

Apropos, ich hatte bis gestern ebenfalls etwas nicht verstanden. Ist Ihnen eigentlich auch schon aufgefallen, dass in allen Aufzügen und Hauseingängen "FUT" steht? Bis gestern würgte mich die Verzweiflung darüber, nicht zu wissen, warum alle Buben überall dieses Wort hinschmieren, -kritzeln, -kratzen. Tempora quo cognitio simul advenit ... ich hatte in der Schule kein Latein, aber seit gestern bin ich wesentlich klüger - es macht einfach Freude!

Ein Strichlein abwärts, zwei nach rechts, ein Hufeisen und ein Tischlein - runter, rüber, Schwung und Präzision: "FUT" ist für die Feinmotorik des Heranwachsenden so wertvoll wie ein kleines Steak in einem Plastikhütchen. Das hat freilich noch keinen Pubertierenden von hinter Mutters Kittel hervorgelockt. Spaß macht nicht die pädagogische Wertvölle, sondern die Provokation.

Kinder von Analphabeten zeichnen für ihr Leben gerne Figuren, die aus drei zusammenhängenden U bestehen, wobei das mittlere länger ist. Das sind dann die männlichen Geschlechtsteile, welchen in diesem Lebensabschnitt bekanntermaßen ungeteilte Aufmerksamkeit geschenkt wird. Auch das macht Spaß.

Ich habe das Wort gestern mit dem Schlüssel in eine Aufzugswand gekratzt. Jetzt kann der Nächste kommen und "AUTO" draus machen! Hier wird das Niemandsland zwischen Literatur und bildender Kunst sichtbar. Dieses Niemandsland nennt man, glaube ich, visuelle Poesie. Comics für Fortgeschrittene. Tintifax auf dem Zauberberg. Bernhard in Österreich.