Der Kampf um die Erinnerung

Auf dem Wiener Zentralfriedhof liegen bis zu 1.500 österreichische Widerstandskämpfer in einem Massengrab. Die fast 80-jährige Käthe Sasso, die im Jugendalter das Konzentrationslager Ravensbrück überlebt hat, bemüht sich seit Jahren um die Sanierung der Grabstätte.

Käthe Sasso über ihre Jugendzeit

Man weiß heute nicht mehr genau, wie viele Widerstandskämpfer es waren, die nach dem Zweiten Weltkrieg in der so genannten "Gruppe 40" auf dem Wiener Zentralfriedhof in einem Massengrab verscharrt worden sind. Insgesamt werden bis zu 1.500 Menschen in den Schachtgräbern vermutet.

Eine Überlebende erzählt

Die heute fast 80-Jährige Käthe Sasso, die damals im Jugendalter die Gräuel des Konzentrationslagers Ravensbrück überlebt hat, erinnert sich noch genau an jene Zeit: "Mein Onkel und viele meiner Freunde liegen dort vergraben. Ich war 16 Jahre alt, als ich von der NSDAP verhaftet wurde. Ich hatte mich zusammen mit anderen Jugendlichen an illegalen Aktionen gegen das Nazi-Regime beteiligt. Eineinhalb Jahre lang saß ich in einer Zelle im Wiener Landesgericht. Die meisten meiner Kamaradinnen und Kameraden wurden hingerichtet, ich selbst überlebte wie durch ein Wunder."

Holzkreuze und Blumen

Als Käthe Sasso Ende Mai 1945 vom Konzentrationslager Ravensbrück zurück nach Hause - nach Wien Favoriten - kam, wollte sie ihre ermordeten Kameradinnen und Kameraden auf dem Wiener Zentralfriedhof wiederfinden, um wenigstens an ihren Gräbern verweilen zu können. Doch - so Sasso - richtige Gräber gab es nicht.

Die Hinterbliebenen der Nazi-Opfer versuchten daher damals schon - so gut es ging - dem Areal ein würdiges Antlitz zu verleihen. Sie stellten Holzkreuze auf und setzten Blumen.

Als Kriegsgrab eingeebnet

Die Jahre gingen dahin und damit auch die Menschen, die die Grabstätte ihrer Lieben bis zum Schluss betreut und gepflegt hatten. Eines Tages jedoch wurde das gesamte Areal eingeebnet - ein Tag, an den Käthe Sasso mit Grauen zurückdenkt: "Fast vier Jahre ist es her, dass in der ''Gruppe 40' Grabsteine umfielen, Laternen abbrachen und Blumen ausgerissen wurden - und das auf Anordnung des Innenministeriums. Es handle sich um ein Kriegsgrab, so die Auskunft der zuständigen Abteilung. Aus Spargründen sei man für ein schlichteres Ambiente, an Rosenstöcke und Ähnliches sei nicht mehr gedacht."

Käthe Sasso lief von Pontius zu Pilatus, um stets auf's Neue vertröstet zu werden. Heute hat der Ehrenhain wieder ein etwas freundlicheres Gesicht. Ein paar Grabsteine wurden restauriert, und Rosenstöcke gibt es auch wieder.

Beim Erinnern helfen

Vor kurzem erschien im Verlag Alfred Klahr Gesellschaft ein Buch des Wiener Historikers Willi Weinert mit dem Titel "Mich könnt ihr löschen, aber nicht das Feuer“ - ein Führer durch den Ehrenhain der hingerichteten Widerstandskämpfer auf dem Wiener Zentralfriedhof.

Der Autor selbst findet es bedenklich, dass erst der jahrelange Kampf einer alten Frau dazu geführt hat, dass an eine Sanierung der Gräber gedacht wurde und wird. Nach seiner Ansicht sei das etwas eigentümliche Verhältnis der österreichischen Gesellschaft mitverantwortlich dafür, dass Menschen, die einst ihr Leben für ein freies Österreich ließen, heute der Vergessenheit anheim fallen. Sein Buch, das nicht zuletzt ein Nachschlagwerk darüber ist, wen die Nationalsozialisten damals in Wien ermordet haben, ist rechtzeitig zum so genannten "Gedankenjahr 2005“ erschienen und soll vor allem den nachkommenden Generationen beim Erinnern helfen.

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Buch-Tipp
Willi Weinert, "Mich könnt ihr löschen, aber nicht das Feuer", Alfred-Klahr-Gesellschaft, ISBN 3950120475

Links
Alfred Klahr Gesellschaft - Buch-Details
Gedankenjahr 2005 im ORF