Der Blick von außen

Hamid Sadr

Die Freiheit eines Fremden ermöglicht es dem iranischen Exilautor Hamid Sadr einen ganz eigenen Zugang zu österreichischer (Nach-) Kriegsgeschichte zu entwickeln. Einen Vorgeschmack gibt es exklusiv für Ö1 Newsletter-AbonnentInnen.

Hamid Sadr, geboren 1946 in Teheran, gehört zu den großen Exilschriftstellern des Iran. Unter dem Schah-Regime war er Mitglied des verbotenen iranischen Schriftstellerverbandes, später in Paris war er - gemeinsam mit dem 1991 ermordeten ehemaligen persischen Premierminister Schahpour Bachtiar - in der Opposition gegen das Mullah-Regime tätig. Seine Arbeiten wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.

Sein erstes Buch, "Geschichten der Gasse", erschien 1966. Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit arbeitet er mit den Filmemachern Jacques Bral, Sam Fuller und Mansur Madavie zusammen. 1994 erschien bei Deuticke "Gesprächszettel an Dora". Seither hat sich Hamid Sadr intensiv mit der Geschichte Wiens, der Stadt, in der er seit 1991 lebt, auseinander gesetzt. Das Resultat seiner Ortserkundung liegt nun in Form eines neuen Romans vor.

Der Gedächtnissekretär

Geradezu besessen hat darin seine Hauptfigur, Herr Sohalt, das zerbombte und zerschossene Wien während und nach dem Zweiten Weltkrieg dokumentiert. Ausschließlich auf die Wunden, die an Häusern und Bauten sichtbar wurden, hat er seinen Blick gerichtet.

Jetzt, Jahrzehnte später, die Narben scheinen längst verheilt, die Stadt wurde wieder aufgebaut und renoviert, will Herrr Sohalt diese Bilder in einem Buch gesammelt und konserviert wissen - eine Geschichte der Zerstörungen und Verletzungen, im Gegensatz zur Geschichtsschreibung der großen Taten und Daten, und eine Geschichte ohne Menschen.

Zitat

Eines Tages (an einem grauen Dezembermontag) sagte er, ich solle zwischen zehn und zwölf Uhr mittags zum Stephansdom gehen und mich dort vor das Haashaus stellen. Warum? Er möchte wissen, sagt er, ob ich es auch so empfinde wie er. "Was?" frage ich. "Gehen Sie dorthin und erzählen Sie es mir dann!" Ich gehe also hin und warte von zehn bis zwölf Uhr vor der Kirche (es ist sehr kalt) und schaue mir alles genau an: den Turm, die Menschen und sogar das O5-Zeichen, das man dort in die Mauer neben das Portal geritzt hat. Vom Betrachten der Fotos weiß ich, dass nur der Turm den Bombenangriff überlebt hat, das Hauptschiff nicht. Müde und hungrig gehe ich schließlich nach Hause und verrechne wütend drei Stunden Arbeitszeit, macht 150 Schilling.

"Haben Sie es bemerkt?" fragt mich Herr Sohalt, als ich ihn einige Tage später in seiner Wohnung besuche. "Was?" will ich wissen. "Na, den Unterschied." Ich schaue ihn stumm an. "Die Pummerin", sagt er, "sie läutet anders als alle anderen Kirchenglocken." Ich verstehe ihn nach wie vor nicht. "Der Klangunterschied", sagt er, sichtlich ein wenig von mir enttäuscht, "ist unüberhörbar. Nächstes Mal vergleichen Sie sie bitte mit den anderen Glocken. Mit denen der Michaelerkirche oder der Peterskirche. Die Pummerin klingt anders als alle anderen. Sie klingt nicht ganz deutsch, aber auch nicht ganz türkisch."

Der Sekretär, aus dessen Sicht Hamid Sadr das Buch erzählt, kommt aus dem Iran, lebt in Wien und leidet unter akutem Geldmangel. Die Suche nach den Schauplätzen der Fotografien und ihrer Geschichte bedeutet für ihn jeweils ein Stück Leben und Alltagsbewältigung.

Doch die Macht der Bilder, die ohne jedes Leben auskommen, ist überwältigend. Der nachgeborene, in der Stadt fremde Sekretär, der zunächst mit großer Distanz an seine Aufgabe herangehen kann, erliegt ihr Stück für Stück. Er wird mehr und mehr von dem Gefühl, dabei gewesen zu sein, überwältigt. Die Realitäten der Gegenwart und der Bilder verschwimmen immer mehr ineinander.

Hamid Sadr entwickelt durch diesen erzählerischen Trick einen gespenstischen Blick nicht nur auf die Kriegsgeschichte der Stadt, sondern auf das vermeintliche oder tatsächliche Nachwirken dieser Geschichte bis heute.

Tipp
Als Bezieher des Ö1 Newsletter, der jeden Donnerstag Nachmittag verschickt wird, erhalten Sie im Rahmen einer Kooperation mit Deuticke im Paul Zsolnay Verlag noch bis 17. März die Gelegenheit, ausgewählte Stellen aus Hamid Sadrs "Der Gedächtnissekretär" zu lesen. Darüber hinaus informieren wir Sie im Newsletter, wie gewohnt, über Höhepunkte des Ö1 Programms, zu Veranstaltungen, Büchern und CDs.

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Download-Tipps
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Auch die "Menschenbilder" vom 5. November 2000 beschäftigen sich mit dem iranischen Schriftsteller, downloadbar hier

Buch-Tipp
Hamid Sadr, Der Gedächtnissekretär, Deuticke, ISBN 3552060065, das Buch erscheint am 5. März 2005.