Experimentelle Elektronik aus Lettland
Im lettischen Klangwald
Lettland beeindruckt mit einer auffallend reichhaltigen Elektronikszene, die vor allem auch durch ihre Liebe zu "Mixed Media" auffällt. Jetzt auch mit einem eigenen Elektronik-Festival namens "Klangwald". Den Impuls dazu gab das Wiener Label "Mego".
8. April 2017, 21:58
Seit zwei Jahren hat nun auch Riga sein eigenes Festival für elektronische und experimentelle Musik, das Festival "Skanu Mezs", auf Deutsch Klangwald.
Eigentlich hätte er ja ursprünglich einfach nur eine Mego-Nacht veranstalten wollen, erzählt Festivalgründer und Programmdirektor Viestarts Gailitis. Nachdem das Wiener Plattenlabel "Mego" zugesagt und er das nötige Geld beisammen hatte, bekam er dann aber Lust, auch noch andere Musiker einzuladen. Und außerdem, so dachte sich Viestarts Gailitis damals, würde es ja auch in Lettland an interessanten Musikprojekten im speziellen im Bereich der experimentellen elektronischen Musik nicht mangeln. Woran es jedoch fehlen würde, seien adäquate Auftrittsmöglichkeiten.
Russische Synthesizer und Soundarchitektur
Im Umfeld dieses Festivals zu finden ist unter anderem das Elektronikduo "OlooLo", mit ihren alten russischen Synthesizern und der Musiker und Soundarchitekt Voldemars Johansons, beides Musikprojekte, die eine zentrale und auch verbindende Stellung in der elektronischen Musikszene Lettlands einnehmen.
So waren die beiden Vertreter von "oLoolo", Rodion Zolotarev und Kiryll Lomunov, unter anderem auch Begründer des CDR-Labels "Kolka", das erste Label in Lettland, das sich konsequent der Veröffentlichung experimenteller Musik widmete. Vor etwa einem Jahr riefen Rodion Zolotarev und Kiryll Lomunov nun das mp3-Label "audiot" ins Leben. Voldemars Johansons wiederum ist Initiator mehrerer kollaborativer Projekte, unter anderem arbeitete er auch mit "oLooLo" zusammen.
Castle of Light
Anlässlich der achten Architekturbiennale in Venedig realisierte Voldemars Johansons gemeinsam mit "oLooLo" und dem Multimediakünstlerkollektiv Rigasound, bei dem Johansons auch Mitglied ist, die Sound- und Videoinstallation "Castle of Light", ein Projekt mit dem der geplante Bau der lettischen Nationalbibliothek, die ebenfalls den Beinamen "Castle of Light" trägt, in einen größeren kulturellen Kontext gestellt werden sollte.
Das Bibliotheksprojekt "Castle of Light" nimmt auf eine alte, lettische Legende Bezug, die vom Verschwinden des Lichtschlosses, dem Ort allen lettischen Wissens, im See Burtnieku erzählt.
"Vieles in der lettischen Kultur ist unklar", gibt Voldemars Johansons zu bedenken, "besonders wenn wir über unsere Wurzeln und die Spezifika unserer Kultur sprechen, wenn es um die Grundlagen der lettischen Identität geht. Hier öffnet sich ein weites Betätigungsfeld für Künstler. In einer Gesellschaft, in der es mehr offene Fragen als gemeinsame Werte gibt, gibt es viel zu erforschen."
Soundpoetry von Orbita
Auch die Künstler der Gruppe "Orbita" versuchen Antworten auf die vielen Fragen zu finden, die sich spätestens mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion aufgetan haben.
"Orbita" ist ein Kollektiv von russischstämmigen Dichtern, DJs und Designern, die in ihrer Arbeit kunstvoll jene veränderten gesellschaftlichen Bedingungen thematisieren, denen sich die Menschen in Lettland nun stellen müssen. "In gewissem Sinn sind wir - die heute so um die Dreißig-Jährigen - Pioniere", skizziert Sergei Timofeyev die Lage seiner Generation.
Ihre Kindheit haben sie unter einem damals noch kommunistischen System verbracht und als sie dann Anfang der 90er Jahre alt genug waren, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, sahen sie sich plötzlich mit dem Kapitalismus konfrontiert, mit einer politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Ordnung, mit der in Lettland damals niemand Erfahrung hatte.
Error is sad
Dass nicht alles gold ist, was im Kapitalismus glänzt, ist wohl eine der bittersten Erfahrungen, die die Menschen in post-kommunistischen Gesellschaften machen müssen. Vieles befindet sich in Lettland gerade im Aufbruch, man dürfe aber trotzdem nicht vergessen, so Sandra Nedzvecka, Redakteurin für neue Musik im lettischen öffentlich rechtlichen Radio, dass auch viele Menschen tief verletzt seien. Die wenigsten nämlich sehen ihre Erwartungen an das Leben in der vermeintlich freien Welt erfüllt. Sehr deutlich spricht diesbezüglich die Musik von Aldis Ozols alias "Error".
"Viele meiner Freunde und auch ich leben unter sehr ärmlichen Verhältnissen. Nicht alle schaffen es, sich mit den veränderten gesellschaftlichen Bedingungen anzufreunden. Meine Mutter wird den Wechsel vom kommunistischen zum kapitalistischen System jedenfalls nicht mehr verstehen, und das beobachten zu müssen, ist tragisch. Dazu kommen all die alltäglichen Grotesken, die uns über die Medien vermittelt werden. Man denke nur an den Krieg im Irak. Ich finde keine Worte, mit denen ich meinen Empfindungen über die derzeitigen Entwicklungen auf dieser Welt Ausdruck verleihen könnte. Noise zu machen scheint mir die einzig adäquate Antwort zu sein."
Buch-Tipp
"Error" ist auch auf der CD "Europäische Meridiane" vertreten, die begleitend zum Buch "Europäische Meridiane. Neue Musik Territorien. Reportagen aus Ländern im Umbruch." von Susanna Niedermayr und Christian Scheib im PFAU-Verlag erschienen ist, eine Koproduktion des ORF mit line_in:line_out.
Links
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Rigasound
Orbita
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Pfau Verlag
mego
