Jean Amery

In letzter Zeit ist es still geworden um Jean Amery, den Autor epochaler Schriften über den Holocaust. Die Germanistin Irene Heidelberger-Leonard hat nun eine eindrucksvolle Amery-Biografie vorgelegt, spannend zu lesen, mit reichlich Material aus dem Nachlass versehen.

Ein schlichter Grabstein auf dem Wiener Zentralfriedhof, lakonisch die Aufschrift: "Jean Amery, 1912 - 1978" steht da, darunter der in Stein gemeißelte Vermerk: "Auschwitz Nr. 172364".

Vor einem Vierteljahrhundert hat sich Jean Amery im Hotel "Österreichischer Hof" in Salzburg mit einer Überdosis Schlaftabletten das Leben genommen. In letzter Zeit ist es eher still geworden um den Autor epochaler Schriften über den Holocaust und die Grenzerfahrung der Folter, über die Demütigung des Alterns und das Recht des Menschen auf einen selbstbestimmten Tod.

Von Schicksalsschlägen gezeichnetes Leben

Irene Heidelberger-Leonard will sich damit nicht abfinden. Für sie ist Jean Amery immer noch einer der aufregendsten Autoren der Nachkriegszeit. In Ihrer Biografie zeichnet Heidelberger-Leonard das rastlose, von Schicksalsschlägen gezeichnete Leben des Jean Amery als ebenso kundige wie penible Rechercheurin nach. Einer der ersten Verluste: der Tod des Vaters, der 1917 als Kaiserjäger an der italienischen Front fällt. Der Knabe, Hans Mayer heißt er damals, ist gerade fünf Jahre alt.

Ein ärmliches Milieu ist es, in das Amery zuerst in Wien, dann in Bad Ischl hineinwächst: assimiliertes Judentum, proletarisierte Mittelschicht, das Bewusstsein des Außenseiterseins ist stets gegenwärtig. Dennoch: Es entstehen auch Freundschaften in der Ischler Zeit, die Schönheit der Natur wird entdeckt, erste Lektüre-Erlebnisse weiten den Blick.

Romanprojekt "Die Schiffbrüchigen"

Die entscheidenden intellektuellen Prägungen erlebte Jean Amery dann in der Jugendzeit im "Roten Wien" der 20er und 30er Jahre. Der Neopositivismus des "Wiener Kreises" übt nachhaltigen Einfluss auf ihn aus, auch die Begegnungen mit Hermann Broch, mit Robert Musil.

Die Jahre des Austrofaschismus erlebt der junge Mann als namenloser, nicht eben erfolgreicher Schriftsteller. Er widmet sich einem Romanprojekt mit dem Titel "Die Schiffbrüchigen". Dann okkupieren die Nazis das Land, Amery wird aus Österreich vertrieben - ein traumatisches Ereignis. Später notiert der Schriftsteller: "Ein Österreicher starb im Dezember 1938. Er mag ruhen in seinem Unfrieden."

"Wie viel Heimat braucht der Mensch?"

Mit dieser Frage hat sich Jean Amery in den 60er Jahren auseinandergesetzt, in einem Essay, den er auch für den Rundfunk aufgenommen hat:

"Wie viel Heimat braucht der Mensch? Ich habe 27 Jahre Exil hinter mir, und meine geistigen Landsleute sind Proust, Sartre, Beckett. Nur bin ich immer noch überzeugt, dass man Landsleute in Dorf- und Stadtstraßen haben muss, wenn man der geistigen ganz froh sein will, und dass ein kultureller Internationalismus nur im Erdreich nationaler Sicherheit recht gedeiht. Man muss Heimat haben, um sie nicht nötig zu haben."

"Unauflöslich ist die Folter in ihn eingebrannt"

So etwas wie Heimat hat Jean Amery nicht mehr gefunden in seinem Leben, auch später nicht in Belgien, wo er für einige Jahre Schutz vor den nationalsozialistischen Verfolgern fand. Im Juli 1943 wird er dann von der Gestapo verhaftet. Der junge Mann trägt Flugblätter bei sich. Auf denen steht: "Tod den SS-Banditen und Gestapo-Henkern".

Jean Amery wird ins Konzentrationslager Breendonck transportiert. "Dort geschah es mir", schreibt er später. Amerys Essay über "Die Tortur" ist bis heute sein berühmtester Text. Ausführlich beschreibt er die Foltermethode, die sich die Gestapo für Häftlinge wie ihn ausgedacht hat: eine Hängevorrichtung, an der das Opfer an den Armen aufgehängt und hochgezogen wird.

Was mich betrifft, so musste ich ziemlich schnell aufgeben. Und nun gab es ein von meinem Körper bis zu dieser Stunde nicht vergessenes Krachen und Splittern in den Schultern. Die Kugeln sprangen aus den Pfannen. (...) Dazu prasselten die Hiebe mit dem Ochsenziemer auf meinen Körper. (...) Es wäre ohne alle Vernunft, die mir zugefügten Schmerzen beschreiben zu wollen. (...) Wer gefoltert wurde, bleibt gefoltert. Unauflöslich ist die Folter in ihn eingebrannt.

Immerwährendes Exil

Im Folterkeller von Breendonck begann Amerys Leidensweg. Er führte ihn weiter nach Auschwitz, Buchenwald und Bergen-Belsen. Nach der Befreiung vom Nazi-Schrecken kehrt der Schriftsteller nach Brüssel zurück. Amery hätte am Aufbau des Wiener Volksbildungswesens mitwirken sollen, allein: Er wollte nicht. "Das immerwährende Exil, das ich wählte, war die einzige Form von Authentizität, die ich mir erringen konnte", sagte er damals.

Politisch positionierte sich der Schriftsteller in den 60er und 70er Jahren als unorthodoxer Linker am Rand der Studentenbewegung. Wobei er sich zunehmend isoliert fühlte. Der Strukturalismus eines Claude Levi-Strauss, der Anti-Humanismus eines Michel Foucault waren Jean Amery zutiefst suspekt.

Sein Werk lebe

Für Amerys Selbstmord, so meint seine Biografin, gab es viele Gründe: Nicht zuletzt hat auch eine unglückliche Liebesgeschichte eine Rolle gespielt, eine Menage à trois zwischen Amery, seiner Frau Maria und einer Amerikanerin namens Mary Cox-Kitaj. "Es war ein schlecht gehütetes Geheimnis," erzählt Irene Heidelberger-Leonard. "Es wird nicht ausschlaggebend gewesen sein, aber es war MIT ein Element, das ihn in eine aussichtslose Lage gebracht hat."

Jean Amery ist seit 26 Jahren tot. Dass sein Werk lebe, dafür kämpft Irene Heidelberger-Leonard mit ihrer Biografie.

Buch-Tipps
Irene Heidelberger-Leonard: "Jean Amery - Revolte in der Resignation - Eine Biografie", Verlag Klett-Cotta, ISBN: 3608935398

Jean Amery: "Aufsätze zur Philosophie - Band 6 der Werkausgabe", herausgegeben von Gerhard Scheit, Verlag Klett-Cotta, ISBN: 3608935665