Preiskampf am Nachlassmarkt

Der Ankauf des Gerhard-Fritsch-Nachlasses durch die Stadt Wien sorgt derzeit für Schlagzeilen. Der Kaufpreis liegt weit über dem Marktwert, das Kontrollamt ist angerufen. Literaturexperten zeigen sich über die Preisentwicklung am Nachlassmarkt besorgt.

Ein Nachlassankauf der Stadt Wien sorgt derzeit für Schlagzeilen. Die Wiener Stadt- und Landesbibliothek hat den Nachlass des österreichischen Autors Gerhard Fritsch gekauft - gewiss eine wertvolle Bereicherung der städtischen Sammlungen. Der Preis von EUR 654.075, der an den Wiener Antiquar und Sohn des Dichters Georg Fritsch bezahlt wird, hat allerdings bereits vor dem tatsächlichen Transfer in die Bibliothek für Aufsehen gesorgt.

Nachdem im Herbst der Vertrag unterzeichnet worden war, soll jetzt im Jänner der Gerhard-Fritsch-Nachlass an die Wiener Stadt- und Landesbibliothek übergeben werden. Die Grünen haben bereits das Kontrollamt eingeschaltet, das den Ankauf prüfen soll.

Unterschätzer Autor

In den 1960er Jahren war Gerhard Fritsch als Redakteur der Zeitschrift "Wort in der Zeit", und als Mitherausgeber der Zeitschriften "Literatur und Kritik" und "Protokolle" ein Vermittler und Förderer junger österreichischer Literatur. Als Autor von Romanen wie "Moos auf den Steinen" und "Fasching" ist er heute ein noch immer Unterschätzter, dem der ihm gebührende Platz in der österreichischen Literaturgeschichte erst zugewiesen werden muss.

Dem will die Stadt Wien jetzt mit dem Nachlass-Ankauf Rechnung tragen. Allein, die Summe, die für den Nachlass bezahlt werden soll, eben EUR 654.075, das sind ganz genau neun Millionen Schilling, liegt weit über dem tatsächlichen Schätzwert, meint der Leiter des Österreichischen Literaturarchivs, Wendelin Schmidt-Dengler. Er nennt 2,5 Millionen Schilling als verhandelbare Summe.

Interessante Vergleichswerte

Zu den großen Vor- und Nachlasskäufen, die in den vergangenen Jahren getätigt wurden, nennt Schmidt-Dengler die Namen Erich Fried, Ödön von Horvath oder Gerhard Roth, die um jeweils sieben Millionen Schilling von der Republik bzw. vom Land Steiermark angekauft worden waren.

Die neun Millionen Schilling für den Fritsch-Nachlass werden zu einem Drittel von der Wiener Stadt- und Landesbibliothek und zu zwei Drittel vom Kulturamt der Stadt Wien getragen. Auf Antrag von Kulturstadtrat Mailath-Pokorny war die Summe im September vom Kulturausschuss in einem Vier-Parteien-Beschluss bewilligt worden. Die Kultursprecherin der Grünen, Marie
Ringler bedauert mittlerweile im Gespräch mit dem Ö1 Kulturjournal, dem Ankauf zugestimmt zu haben und fordert für die Zukunft die Einholung externer Gutachten bei Ankäufen dieser Größenordnung.

Kontrollamt eingeschaltet

Zum Fritsch-Ankauf liegt lediglich ein einziges Gutachten der Stadt- und Landesbibliothek vor, erstellt von Hermann Böhm, dem Leiter der Handschriftensammlung. Wie die Tageszeitung "Der Standard" berichtet, gibt es eine Dienstanweisung der Stadt- und Landesbibliothek, laut der bei großen Angebots-/Gegenangebotsdifferenzen ein externes Schätzgutachten eingeholt werden muss.

Die Grünen wollten im Dezember das Kontrollamt einschalten, um die Hintergründe des Ankaufs zu durchleuchten - ein entsprechender Antrag von Marie Ringler wurde allerdings von der SPÖ abgelehnt. "Wir haben uns darauf hin entschlossen, einen selbständigen Kontrollamtsantrag zu machen, das heißt, wir haben diesen Antrag auf Prüfung eingebracht.", so Ringler gegenüber dem Ö1 Kulturjournal.

Wettlauf um Nachlässe

Ein Wettlauf der Archive um Nachlässe könnte die öffentliche Hand teuer zu stehen kommen, meint der Leiter des Österreichischen Literaturarchivs, Wendelin Schmidt-Dengler. "Mich beunruhigt diese Entwicklung, zumal wir mit einigen Autoren und Autorinnen in Kontakt stehen. Wir haben ihnen - aus unserer Sicht - realistische Angebote gemacht." Der Preiskampf erschwere seine Arbeit eminent.

Vor einem kostenintensiven Konkurrenzverhalten warnen auch die Leiter der Literaturarchive in den Bundesländern. Gerhard Melzer vom Grazer Nabl-Institut etwa sieht ein bislang stabiles und realistisches Preisgefüge ins Rutschen gekommen.

Vor zwei Jahren hat das Nabl-Institut den umfangreichen Vorlass von Gerhard Roth erworben - um sieben Millionen Schilling, die die Stadt Graz bereitstellte. Als Gutachter fungierten damals der Salzburger Germanist Adolf Haslinger und Klaus Amann, Leiter des Kärntner Literaturarchivs in Klagenfurt.

Bundesländer benachteiligt

Die Situation in den Bundesländern ist ungleich schwieriger, meint Klaus Amann, da die Archive dort keine Ankaufsbudgets haben. "Es gab in der Regierungserklärung Schüssel I die Ankündigung, den Ankauf literarischer Nachlässe verstärkt unterstützen zu wollen, da ist bis jetzt nichts geschehen.", kritisiert Amann.

Das im voran gegangenen Regierungsprogramm angeführte Projekt einer Nationalstiftung, das die Sicherung österreichischen Kulturgutes, von Künstlerarchiven und Vermächtnissen Kulturschaffender garantieren sollte, ist im Programm der derzeitigen schwarz-blauen Bundesregierung nicht mehr enthalten. Diesem Mangel steht eine rasante Preisentwicklung in Autografenhandel der vergangenen Jahre gegenüber.

Verschobene Kategorien

"Nach dem Prinzip der Trophäen und Einzelstücke werden die Dinge in beträchtliche Höhen gesteigert. Auf der anderen Seite gibt es den Bereich der Archive, die ein anderes Interesse haben. Sie sammeln keine Einzelstücke, sondern sollen an Hand der Nachlässe das literarische Leben einer Region dokumentieren. Derzeit werden Preise, die bei Auktionen erzielbar wären zur Grundlage der Schätzungen für den Archivbereicht herangezogen, kritisiert Amann.

Die Dienstleistung die ein Archiv erbringt, sollte in den Preis miteinkalkuliert werden: die sachgerechte Archivierung, die Aufarbeitung des Materials, die Präsentation in Form von Ausstellungen oder Publikationen.

Eine solche Ausstellung wird übrigens am 21. Jänner im Wiener Literaturhaus gezeigt: Das Nabl-Institut Graz zeigt da seine aus den Beständen des Gerhard-Roth-Vorlasses erarbeitete Schau "Orkus - im Schattenreich der Zeichen", die einen Einblick in die Arbeitsweise des Autors gibt.