Musikdramatische Spannungszustände

Shis Oper "Vatermord"

Ein international erfolgreiches Opern-Projekt ist dem Österreicher und gebürtigen Taiwanesen Shih mit "Vatermord" geglückt. Nun ist das Werk jüngst auf CD in der ORF-Edition "Zeit-Ton" erschienen.

Ausschnitt aus Shihs "Vatermord" - Episode 7

Als 1994 die Oper "Vatermord" bei den Dresdner Tagen der zeitgenössischen Musik uraufgeführt und mit dem Kompositionspreis "Blaue Brücke" ausgezeichnet wurde, begann man aufzuhorchen und den 1950 in Taipeh geborenen Komponisten Shih gebührend wahrzunehmen. Der Bayerische Rundfunk bescheinigte dem Werk eine "ganz eigene Schönheit".

Es ist schwer, die Kompositionen Shihs, der 1974 nach Österreich kam und an der Musikhochschule Wien Harfe und Komposition studierte, in stilistische Schubladen einzuordnen. Zu kontroversiell ist sein Schaffen, um normierende Definitionen zuzulassen. Formsuche und zugleich Formskepsis, Ausdrucksvielfalt bei gleichzeitiger Enthaltsamkeit im äußeren Erscheinungsbild der Musik stehen im Schaffen gleichberechtigt nebeneinander.

Ein anderer Vatermord

Arnolt Bronnens Drama "Vatermord" bietet ihm reichlich Gelegenheit, sein Talent im Entwickeln musikdramatischer Spannungszustände unter Beweis zu stellen. Shih bekennt selbst, er könne nur an einer konkreten "Geschichte" seine "Leidenschaft für das Psychodramatische" entzünden.

Es ist in gewisser Weise auch ein Vatermord, den Shih mit seiner Oper begeht, denn er handelt gegen das Diktat seiner Zeit, indem er auf die geschmähte Handlungsoper zurückgreift. Doch Handlung ist in dieser Oper nicht mit abbildender Darstellung zu verwechseln. Was sich als dramatischer Bogen über das Werk spannt, die unaufhaltsame Befreiung eines Menschen von Zwängen bis hin zur Gewalttat, zerfällt in neun Episoden, die, jede für sich betrachtet, die Phasen des Befreiungsaktes anhand der psychischen Befindlichkeiten Walters beleuchten.

Sprache auf Gestenhaftes reduziert

Arnolt Bronnens überhitzt-expressionistische Sprache von 1920 wird von den Librettisten Cornelia Krauß und Shih bei ihrer Bearbeitung des Dramas auf das Gestenhafte reduziert. Die Personen kommunizieren in Schlagwörtern, die wie laut gewordene Bruchstücke eines unausgesetzten inneren Monologs wirken.

Gleichzeitig spiegelt sich in der sprachlichen Verknappung (oft bis zur Reduktion auf nonverbale Laute) die Unfähigkeit der Agierenden und Reagierenden zum Gespräch wider. Sprache wird hier zum Abbild eines verkümmerten Innenlebens, in dem die Sehnsucht nach Geliebt-Werden (Vater), nach Befreiung, Selbstverwirklichung und "Aufblühen" (Walter) nur noch verschüttet vorhanden ist.

Ideal für Libretto

"Für ein Opernlibretto ist Bronnens Sprache ideal. Emotional und musikalisch zugleich", stellt Shih fest. Bei seiner Komposition sind daher auch die Gesangslinien von besonderer Bedeutung. Sie sind aus der Sprachgestik und dem Sprachklang heraus entwickelt und streben größtmögliche Homogenität mit der Gemütsverfassung der Personen an.

Der Komponist hütet sich jedoch davor, eine Musik zu schreiben, die die grellen äußeren Effekte der Handlung wiederholt, verdoppelt oder verstärkt. Die Musik von "Vatermord" ist keine "Begleitmusik", sondern die Hörbarmachung der psychischen Zustände unter der Artikulationsoberfläche.

Musik contra Worte

Daher arbeitet die Musik streckenweise konsequent gegen den Inhalt der Worte und gegen das Offensichtliche der visuellen Bühnenvorgänge. Sie stellt sich gegen das Gesagte und Gezeigte, sie relativiert beides kontrapunktisch für den Rezipienten und lässt ihn mehr über die Personen wissen, als diese von sich selbst ahnen.

So wird ihre innere Motivation transparent: Die Figuren erhalten durch ihren musikalischen Schatten eine Plastizität, die über das Dargestellte hinausreicht.

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