Neue Freiheit für AkademikerInnen
Die "neue Selbständigkeit"
Arbeitslose AkademikerInnen waren bis vor kurzem eine seltene Spezies. Doch deren Quote steigt. Eine der Folgen: Die "Neue Selbständigkeit" hat auch in akademische Kreise Einzug gehalten - mit grotesken Begleiterscheinungen.
8. April 2017, 21:58
Atypische Beschäftigung: Betroffene und Experten uneins
Wenn Ex-Arbeitslose Ausbildner Arbeitslose zu Ausbildnern ausbilden, dann ist man in der schönen neuen Arbeitswelt. Auslöser solcher absurd-redundanter Strukturen ist der massive Anstieg der Akademikerarbeitslosigkeit, der großes Aufsehen ausgelöst hat.
Das damit einhergehendes Phänomen, das man bisher hauptsächlich im Bereich niedrig qualifizierter Arbeitskräfte registriert hat, ist weniger bekannt: die Atypisierung oder Prekarisierung von Beschäftigung.
Im Bereich von Akademikern und Akademikerinnen erscheint sie vorwiegend in Form von Befristungen, freien Dienstverträgen oder Werkverträgen, also "neuer Selbständigkeit".
"Atypische" sind gut ausgebildet
Dass ein Großteil der betreffenden Atypischen gut Ausgebildete ausmachen, bestätigt nicht nur die Erfahrung in einer von Arbeiterkammer und Gewerkschaft eingerichteten Beratungsstelle für atypisch Beschäftigte, sondern auch eine Begleitstudie zum Beratungsprojekt der beiden Interessensverbände: Danach haben 85 Prozent der freien DienstnehmerInnen, die sich bei AK und ÖGB beraten ließen, und 91 Prozent der neuen Selbständigen zumindest Matura - im Gegensatz zu 27 Prozent aller Beschäftigten in Normalarbeitsverhältnissen.
Prekarisierung bei Akademikern trifft hauptsächlich Frauen und jüngere Menschen, sie konzentriert sich auf einige Berufsfelder wie etwa Erwachsenenbildung, Journalismus, Wissenschaft und Kultur, sickert langsam aber in nahezu alle Berufssparten ein: EDV-Spezialisten oder Juristen beispielsweise sind aufgrund von Einsparungen im öffentlichen Dienst und der schwachen Konjunkturlage mittlerweile ebenso betroffen wie Beschäftigte im Sozial- und Gesundheitswesen.
Arbeitslose coachen Arbeitslose
Eine Betroffene: "Man steht dann eben vor dem Nichts, vor der Arbeitslosigkeit und fragt sich: Gut, was werde ich jetzt machen, entweder man sucht eine Beschäftigung - vielleicht in einem der eigenen Ausbildung nicht so wirklich entsprechenden Bereich - oder man wird mit sanfter Gewalt vom AMS dazu aufgefordert, sich weiterzubilden, kommt dann in den sogenannten Bereich des Coaching-Wesens, wo man wochenlang Kurse machen muss mit anderen Langzeitarbeitslosen, und man steht dann dort vor der wirklich paradoxen Situation, dass Arbeitslose Arbeitslose coachen."
Während die Arbeitnehmervertretungen die Ausklammerung aus dem Schutz von Sozialversicherung und Arbeitsrecht beklagen und der Wirtschaft wie der öffentlichen Hand "Flexibilisierung auf dem Rücken der Arbeitnehmer" vorwerfen, argumentiert die Arbeitgeberseite mit umgekehrten Vorzeichen: der "Wandel in der Gesellschaft" biete "Chancen", Flexibilität eben gerade für Arbeitnehmer.
"Möglichkeit und Chance"
"Es ist auch eine Möglichkeit und Chance für viele, neue Wege zu gehen in ihrer Arbeit, die Zeiteinteilung völlig frei zu haben", so Johannes Kopf, Mitarbeiter im Kabinett von Wirtschaft- und Arbeitsminister Bartenstein und Leiter des Projekts "Arbeitmarktpaket 2003" im Ministerium.
"Man kennt diese Geschichten von Programmierern, die während der ganzen Nachtstunden zu Hause arbeiten und am Vormittag schlafen, weil sie in der Nacht kreativer sein können oder leistungsfähiger. Es ist aber für manche, die damit schlecht zurechtkommen, eine mögliche Gefahr", so Kopf.
Sicher ist: Die Spaltung der Arbeitsgesellschaft in einen Kern von Angestellten hier und einen Rand von atypisch Beschäftigten da macht auch vor akademischen Berufen nicht Halt.
Politischer Paradigmenwechsel
"Auslagerungen" sind auch ein Stichwort für AkademikerInnen im Kunst- und Kulturbetrieb.
Die Kulturwissenschafterin Elisabeth Mayerhofer ortet einen Paradigmenwechsel: "Meiner Meinung nach besteht die Veränderung in einer diskursiven Veränderung auf der politischen Ebene. Atypische Beschäftigungsverhältnisse, neue Selbständigkeit wird zum neuen Leitbild deklariert und nicht mehr zur Ausnahme, die es eigentlich wieder in Normalarbeitsverhältnisse rückzuführen oder zu korrigieren gibt. Der flexible Arbeitnehmer, die flexible Arbeitnehmerin wird zum schicken, coolen Leitbild einer neuen Generation."
Links
Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit
Arbeiterkammer
ÖGB
Flexpower - Beratung für atypisch Beschäftigte
