Dokumentation von Stefan Haupt

Elisabeth Kübler-Ross

Elisabeth Kübler-Ross hat als Wegbereiterin der Hospizbewegung und Sterbebegleitung ein Leben lang mit dem Tod auseinander gesetzt. Der neue Dokumentarfilm von Stefan Haupt beschäftigt sich mit ihrem Leben.

Dem Tod durch Zuwendung den Schrecken nehmen.

Elisabeth Kübler-Ross hat sich als Ärztin, Wissenschaftlerin, Autorin und Sterbebegleiterin ein Leben lang mit dem Tod beschäftigt. Ihr Buch "On Death and Dying" erschien 1969. Darin definiert sie Verneinung, also die Nichtanerkennung des nahenden Todes, Verhandeln und hadern mit Gott, Depression, weil man glaubt, das Spiel sei aus und Akzeptanz, also Versöhnung mit dem Ist-Zustand als fünf Stufen psycho-emotionaler Zustände die Sterbende durchmachen würden.

Ihr Kampf gegen die Tabuisierung des Todes stieß aber auch an den Widerwillen der Autoritäten, und 1994 wurde der Wohnbereich des von ihr aufgebauten Sterbehilfe-Zentrums in Virginia durch Brandstiftung zerstört, da die Anwohner fürchteten, sich mit AIDS zu infizieren.

Nahe dem Übergang

Die Dokumentation von Stefan Haupt, die den Lebensweg der Sterbeforscherin nachzeichnet, basiert auf Gesprächen mit der Ärztin, die nach mehreren Schlaganfällen zurückgezogen in Arizona lebt, "nahe jenem Übergang, den sie selber so leidenschaftlich erforscht hat."

Der Schweizer Regisseur, der 2001 mit Utopia Blues berühmt wurde, betont, dass "die Hospizbewegung, verschiedene Formen heutiger Sterbebegleitung sowie Selbsthilfegruppen für Trauernde zu einem erheblichen Teil auf ihre Initiative zurückzuführen" sind und filmt "das fesselnde Portrait der Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross, die ihr Leben lang gegen die Tabuisierung des Sterbens andachte und ankämpfte."

Im Mittelpunkt der Mensch

Mit ihren Ansätzen zur Sterbebegleitung hat Elisabeth Kübler-Ross die medizinische Welt stets polarisiert. Vor allem in einer Zeit der aufkommenden Schulmedizin, die vielfach auch die Leugnung des Todes im Krankenhausalltag propagierte. An den akademischen Kontroversen war der Schweizer Regisseur Stefan Haupt in seinem Dokumentarfilm "Elisabeth Kübler-Ross - Dem Tod ins Gesicht sehen" aber weniger interessiert. Ihm ging es um die Person. Zentraler Bestandteil des Films ist ein Interview, das Stefan Haupt bereits 1999 mit der mittlerweile 77-Jährigen in ihrem Haus in der Wüste von Arizona gemacht hat.

Freier Zugang

Den Erfolg dieses Gesprächs macht die Gesprächssituation aus. Nachdem Interviewer und Befragte am ersten Tag ein traditionelles Interview mit den ewig gleichen Fragen und den ewig gleichen Antworten zum Thema zur beiderseitigen Unzufriedenheit abgespult hatten, begann Stefan Haupt seinen Zugang zu hinterfragen. "Am nächsten Morgen bin ich wieder hingefahren und habe ihr vorgeschlagen, einfach frei mit einander zu reden, ich erzähle von mir, Sie von sich und wir sehen, wohin es uns treibt. Und da hat sie gestrahlt und gesagt, dass sie das auch genau so liebe am liebsten hätte".

Die Einblicke, die der Film in ihren Gemütszustand bietet, sind ambivalent - von charmant-widerborstig bis resignierend. Mal kommentiert sie ihren misslichen körperlichen Zustand, dann macht sie sarkastische Scherze oder übt Kirchenkritik.

Schwieriges Thema - leichte Annäherung

Der Humor seiner Gesprächspartnerin hat auch Regisseur Stefan Haupt überrascht und so manchen Zweifel beschert. "Es war immer wieder eine Diskussion mit dem Filmverleih, ob der Titel 'Dem Tod ins Gesicht sehen' richtig sei." Haupt schwankte zwischen dem Wunsch, das Thema sehr genau zu benennen und der Reaktion seines Testpublikums, das sich über das Lebensbejahende, Leichte, Luftige des Films verwunderte. "Man könnte genauso sagen, 'Dem Leben ins Gesicht sehen'", so Stefan Haupt.

Knapp nach den Dreharbeiten erlitt Elisabeth Kübler-Ross einen folgenschweren Sturz und musste ihr Haus in Arizona verlassen. Derzeit lebt sie in einem Pflegeheim. Den fertigen Film hat sie jedoch gesehen - und gut geheißen.

Elisabeth Kübler-Ross
Dem Tod ins Gesicht sehen
Schweiz, 2003
Regie: Stefan Haupt