Vom Erfahrenen bleibt das Geschriebene
Karl-Markus Gauß über das Reisen
Karl-Markus Gauß, vielfach ausgezeichneter Schriftsteller, Herausgeber und Essayist aus Salzburg, ist auch ein großer Reisender. Seine Ziele: allesamt im Katalog nicht auffindbar. Wie nur wenige weiß Gauß über seine Reisen eindringlich zu schreiben.
8. April 2017, 21:58
Sich gegen Bilder durchsetzen
"Was mir von der großen Reise bleibt: nur, was ich über sie schreibe. Das andere beginne ich schon zu vergessen, kaum daß ich wieder zuhause bin." Mit diesen Sätzen beginnt Karl-Markus Gauß den Abschnitt über "Unorte, Örtlichkeiten" in seinem neuen Journal-Band "Zu früh, zu spät. Zwei Jahre". Und weiter: "Deswegen muß ich ja schreiben: Weil ich die Dinge nur sehe, wenn ich vorhabe, über sie zu schreiben."
Reisen an die sogenannte "Peripherie"
Glücklicherweise ist vieles geblieben von den großen Reisen des Karl-Markus Gauß. Aufgeschrieben von einem Meister des Wortes, der zugleich ein höchst sachlicher Beobachter ist. In der bitterarmen Roma-Siedlung im ostslowakischen Svinia. Im Amsterdamer Stadtteil Jordaan. Auf der griechischen Insel Patmos. Bei den Arbëreshe in Kalabrien, den Sepharden in Sarajewo, in der Gottschee und bei den Aromunen in Mazedonien - um nur einige der Reiseziele des skeptischen Chronisten Karl-Markus Gauß zu nennen. Reiseziele allesamt, wie sie nicht im Reisebüro-Katalog zu finden sind.
Bekanntlich begibt sich Gauß seit Jahren wieder und wieder an die sogenannte "Peripherie" - um von den Rändern nicht selten vielleicht umso klarer auch auf die vermeintlichen Zentren blicken zu können.
"Ein Hinschauer sein, kein Zuschauer!"
Wohl nicht zufällig schätzt Karl-Markus Gauß die Arbeiten ausgesuchter Fotografen. Ernst Haas Bilder vom zerstörten Wien von 1945 zum Beispiel. Die Fotokunst von Reinhard Mlineritsch und jene Kurt Kaindls.
"Die Dinge, die alle zu kennen glauben, erst sichtbar zu machen, ist die Domäne des Fotografen Reinhard Mlineritsch", schreibt Gauß. Und nicht weniger tut er, Gauß, selber. Als ein Hinschauer, der schreibt, macht er Dinge sichtbar, die wir zu kennen glaubten. Zumal ja auch wir meinen, sie gesehen zu haben, die Bilder vom Krieg und die vom Foltern, den täglichen Trash und die Ekel-Shows im TV. Dann aber, wenn wir sie präzise und pointiert beschrieben und geistreich kommentiert nachlesen, wird deutlich, daß wir, anders als Karl-Markus Gauß, nur allzuoft Zuschauer waren und nicht Hinschauer.
Öffentlich denkt er nach über Ereignisse und Phänomene, die ihm kommentierenswert erscheinen.
Fast immer steht dabei eine Person, eine Persönlichkeit, im Mittelpunkt, die verkörpert, was Karl-Markus Gauß als bemerkenswert erkannt hat - im Guten wie im Schlechten. "Ein Hinschauer sein, kein Zuschauer!" vermerkt er im Juli 2003.
Ein Meister der (Sprach)Form
Er hat "eine eigene literarische Form geschaffen, die es ihm ermöglichte, zugleich zu beschreiben und zu spekulieren, mit sinnlich eingefangener Stimmung zu berücken und mit Argumenten zu überzeugen. Er ist ein erzählender Essayist, dem es zwar um gedankliche Schärfe, um die Klarheit des Ausdrucks zu tun ist, der aber, was immer er schreibt, anschaulich darzulegen weiß und es meist erzählend aus dem Fundus der Erinnerung, aus der Anekdote, dem Bild eines Menschen, der Atmosphäre eines Raumes, eines Ortes, einer Situation entwickelt." Das hat Gauß über die große Kunst von Manès Sperber angemerkt. Es ließe sich Wort für Wort mit gleicher Berechtigung über ihn, Gauß selbst, sagen.
Service
Buch Karl-Markus Gauß, "Zu früh, zu spät. Zwei Jahre", Paul Zsolnay Verlag
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