Erzählungen und Reportagen eines Vergessenen
Exzentrische Existenzen
Für Hermann Hesse war Herman Bang ein ganz großer Dichter, dessen Literatur er vor allen Modebüchern seiner Zeit reihte. Eine neu aufgelegte Sammlung von Erzählungen und Reportagen gibt nun Gelegenheit, einen Vergessenen wieder zu entedecken.
8. April 2017, 21:58
Was an jenem 28. Jänner 1912 während der Bahnfahrt irgendwo zwischen Wyoming und Utah passierte, konnte nie geklärt werden. Herman Bang war auf einer Lesereise quer durch die USA gewesen, die Auftritte in New York und Chicago waren absolviert - nun sollte er nach San Francisco. Doch man fand den 54-jährigen bewusstlos in seinem Abteil, wenige Stunden später war er tot.
Erstaunlich geringe Rezeption
Als würdiger Repräsentant für die Literatur des Landes hatte er sicherlich nicht getaugt: zu sehr hatte er mit seinem schrillen Auftreten und seinen homosexuellen Neigungen die Zeitgenossen in Empörung versetzt. Vielleicht sollte er deshalb auch möglichst schnell vergessen werden. Denn erstaunlich ist auf jeden Fall, dass Herman Bang - trotz der literaturhistorischen Kanonisierung als einer der bedeutendsten skandinavischen Schriftsteller - bis heute international kaum eine wirklich breite Rezeption erfahren hat.
Umfangreiches Werk
An seinem schriftstellerischen Oeuvre selbst kann es wohl nicht liegen: denn mit seinen 10 Romanen und zahlreichen Erzählungen hat Bang Werke von höchstem literarischem Anspruch geschaffen, die auch für den heutigen Leser interessant und faszinierend sind. Der im Insel-Verlag erschienene Band "Exzentrische Existenzen" liefert dafür eine Reihe von hervorragenden Beispielen. So etwa Bangs vermutlich berühmteste Erzählung.
Die vier Teufel
Das sind Zirkusartisten, Trapezkünstler, zwei Frauen und zwei Männer. Seit ihrer frühesten Jugend treten sie miteinander auf, leben und arbeiten in innigster Symbiose, einander liebend, ohne miteinander eine sexuelle Beziehung zu haben. Als sich aber einer der beiden Männer in eine Zuschauerin verliebt, mit ihr ein Verhältnis eingeht, zerbricht der Zusammenhalt der "Vier Teufel", es kommt zu einer tödlich endenden Tragödie.
Eigentlich geschieht in dieser Erzählung relativ wenig - und doch ist das Ganze hochdramatisch. Im Mittelpunkt steht das Ausgeliefertsein des Menschen an ein unentrinnbares Schicksal - ein Thema, mit dem sich Bang immer wieder beschäftigte. Der Artist weiß von Beginn an, dass die Liebesbeziehung, die er eingeht, alles - auch ihn selbst - zerstören wird, aber trotz allen Widerstandes wird er immer weiter hinein getrieben. Die Situation schaukelt sich mehr und mehr auf - so wie auch die von den "Vier Teufeln" gezeigten Kunststücke immer tollkühner und wahnwitziger werden. Auch das ist typisch für Herman Bangs Erzählstil: dass die äußere Handlung ein perfekter Spiegel der inneren Entwicklung ist - ein symbolhaftes Tableau der seelischen Vorgänge.
Literarische und journalistische Arbeiten
Ein Gegenstück zur 60-Seiten langen Erzählung von den "Vier Teufeln" bildet die nur eine Seite kurze Skizze "Durch den Garten von Schloss Rosenborg". In ein paar kurzen Momentaufnahmen wird hier vom Zerbrechen einer großen Liebe erzählt. Ein Text, der verstehen lässt, warum man Bang auch als den "dänischen Impressionisten" bezeichnet hat.
Der Band aus dem Insel-Verlag enthält neben zehn Erzählungen auch sieben Reportagen. Der Journalismus war jener Bereich, in dem Bang von seinen Zeitgenossen immerhin eine gewisse Anerkennung erhielt. Nachdem der Pastorensohn das von der Familie gewünschte Jurastudium aufgegeben hatte und aus der ersehnten Schauspielerkarriere nichts wurde (Bang war bei der Aufnahmeprüfung im Königlichen Theater durchgefallen), begann er mit dem Schreiben kleiner Feuilletons.
Feuilleton und Sozialreportagen
Im Plauderton berichtete er darin über gesellschaftliche Ereignisse, Theaterpremieren, Konzerte, neue Bücher und aktuelle Moden. Anders als bei den fiktiven Texten ist hier der Erzähler sehr präsent, spricht die Leser direkt an, fügt oft launige Kommentare ein. Mit diesen Feuilletons erlangte Bang eine gewisse Popularität - und Aufträge von den großen Zeitungen des Landes.
In der Rückschau noch weit interessanter aber sind seine Sozialreportagen, in denen er - als einer der ersten in Dänemark - von den Menschen in den Elendsvierteln, von den verachteten gesellschaftlichen Randexistenzen berichtete. Das allerdings missfiel auf die Dauer seinen konservativen Auftraggebern (die seinen exzentrischen Lebenswandel ohnehin nicht goutierten) und kostete ihn gut dotierte Zeitungsjobs.
Ein ewiger Außenseiter
Nie gelang es Herman Bang, irgendwo für längere Zeit Fuß zu fassen. Den Anfeindungen in seiner Heimat - wo er unter dem verhöhnenden Spitznamen "Fräulein Hermine Bang" auch von Schriftstellerkollegen oft in übelster Weise attackiert wurde - versuchte er ins Ausland zu entfliehen. Er lebte in Norwegen, Paris, Berlin, Prag und auch in Wien - überall von den Behörden misstrauisch beäugt und (nach einem reichlich respektlosen Gedicht über den deutschen Kaiser) der sozialistischen Agitation verdächtigt.
Hesses Würdigung
Zu einer objektiven Sicht auf Bangs literarisches Werk waren nur wenige seiner Zeitgenossen bereit. 1912, zu seinem Tod, schrieb Hermann Hesse: "Es weiß also in Deutschland noch fast niemand, dass er ein ganz großer Dichter war, dass seine Bücher Meisterwerke sind und dass es Zeitverlust ist, unsere deutschen Modebücher zu lesen, wenn man Bang noch nicht kennt!"
Dieser Befund hat auch heute, 95 Jahre später, noch einiges für sich. Der vorliegende Sammelband bietet eine gute Gelegenheit, Herman Bang endlich kennen zu lernen.
Hör-Tipp
Ex libris, jeden Sonntag, 18:05 Uhr
Buch-Tipp
Herman Bang, "Exzentrische Existenzen. Erzählungen und Reportagen. ",
Aus dem Dänischen von Ulrich Sonnenberg. Insel Verlag 2007, ISBN 9783458173410
Link
Insel Verlag - Herman Bang
