Der Zombie

Wäre es möglich, dass es Menschen gibt, die von außen betrachtet völlig normal wirken, obwohl in ihrem Inneren absolute Stille, Dunkelheit und Gefühlsleere herrscht? Kurzum: Könnte es bewusstlose Doppelgänger des Menschen geben?

Angenommen, Sie fliegen zu einem fernen, erdähnlichen Planeten, auf dem es Leben gibt. Wie es der Zufall will, existiert dort eine Lebensform, die der menschlichen Spezies bis aufs Haar gleicht. Die dort beheimateten Außerirdischen gehen auf zwei Beinen, haben zwei Arme, besitzen menschliche Gesichter. Sie sind äußerlich von uns nicht zu unterscheiden. Ja, sie sprechen sogar dieselbe Sprache wie wir. Sie sind - von außen betrachtet - Menschen.

Und doch besteht ein wesentlicher Unterschied zu uns: Diese Wesen haben keinerlei subjektives Erleben. Obwohl in ihren Hirnen genau dieselben Prozesse ablaufen wie in unseren, fehlt den Außerirdischen eine innere Instanz - es fehlt ihnen das bewusste Ich und all die Farben, Töne und Gefühle, die wir tagtäglich empfinden. Solche Wesen werden in der Philosophie des Geistes als "Zombies" bezeichnet.

Ein Gedankenexperiment

Der Name "Zombie" hat nur sehr wenig mit jenen Untoten zu tun, die man aus Kinofilmen kennt. Hollywood-Zombies sind zum Leben erweckte Tote, die in der Regel relativ plump über die Kinoleinwand torkeln. Philosophische Zombies sind hingegen exakte Kopien des Menschen ohne jegliches Innenleben.

Dabei handelt es sich freilich nur um ein Gedankenexperiment. Zombies gibt es nicht wirklich, zumindest nicht auf der Erde. Das, worauf es Philosophen in diesem Zusammenhang ankommt, ist die Frage, ob Zombies prinzipiell möglich sind.

Hirnforschung und Philosophie

Die Diskussion über mögliche Welten, die von Zombies bevölkert sind, ist nicht nur eine intellektuelle Denksportübung, sondern hat auch einen angewandten Nutzen. Sie soll nämlich folgende Frage klären: Wie stark ist die bunte Welt der Empfindungen an die physischen Vorgänge im Gehirn gekoppelt? Wäre es nicht zumindest logisch widerspruchsfrei denkbar, dass die gesamte Maschinerie der Nervenzellen auch ohne diese private, unvermittelbare Qualität funktionieren würde, die wir "Bewusstsein" nennen?

Sollte sich herausstellen, dass Gehirn und inneres Erleben zu einem gewissen Maß voneinander unabhängig sind, hätte das unmittelbare Konsequenzen für die Hegemonie der Hirnforschung in der Philosophie des Geistes. Sollte das Zombie-Argument richtig sein, dann gäbe es einen Bereich, zu dem Neurobiologie und Physik nichts zu sagen haben.

Oder, um es kurz zu formulieren: Wer Zombies für logisch möglich hält, ist zugleich der Meinung, dass das naturwissenschaftliche Weltbild einen blinden Fleck aufweist. In diesem Fall würde dem menschlichen Geist ein unerklärbarer Rest anhaften, der sich einer Erforschung systematisch entzieht.

Theorie des Bewusstseins

Endgültig entschieden wird das Match zwischen Gegnern und Befürwortern des Zombie-Konzepts wohl erst dann sein, wenn es eine endgültige Theorie des Bewusstseins gibt, die lückenlos erklärt, wie aus der Elektrochemie der Nervenzellen so etwas wie Innerlichkeit entsteht. Bis dahin ist es allerdings noch ein weiter Weg. So müssen wir uns zunächst mit Argumenten zufrieden geben, die nicht von dieser Welt, sondern von möglichen Welten handeln.

Hör-Tipp
Dimensionen, Donnerstag, 16. August 2007, 19:05 Uhr

Buch-Tipps
Thomas Metzinger, "Grundkurs Philosophie des Geistes. Band 1: Phänomenales Bewusstsein", Mentis-Verlag, ISBN 3897855518; "Band 2: Das Leib-Seele-Problem", Mentis-Verlag, ISBN 3897855526

Michael Pauen, "Was ist der Mensch? Die Entdeckung der Natur des Geistes", DVA, ISBN 3421042241

John R. Searle, "Geist. Eine Einführung", Suhrkamp Verlag, 2006, ISBN 9783518584729

Mehr dazu in oe1.ORF.at

Links
David Chalmers - Zombies on the web
Wikipedia - Philosophical zombie (engl)